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Wenn Heime zur Falle für alte und behinderte Menschen werden | BR24

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Schutzausrüstung ist in der Coronakrise immer noch nicht überall ausreichend vorhanden. Vor allem in Heimen, wo Senioren und Behinderte betreut werden, sorgen sich Mitarbeiter die Bewohner.

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Wenn Heime zur Falle für alte und behinderte Menschen werden

Schutzausrüstung ist in der Corona-Krise immer noch nicht überall ausreichend vorhanden. Vor allem in Heimen, wo Senioren und Behinderte betreut werden, sorgen sich Mitarbeiter um die Bewohner. Ein Wissenschaftler sagt: Heime können zur Falle werden.

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"An diesem Virus können wir sehen, dass Pflegeheime auch zur Falle werden können", meint der Pflegewissenschaftler Stefan Görres. Vor allem die größeren Heime seien gefährdet, was auch aktuelle Zahlen des RKI belegen.

Angst bei Mitarbeitenden in Behinderteneinrichtung

Mitarbeitende eines großen Trägers von Behinderten- und Altenheimen aus Franken haben sich Ende März an den Bayerischen Rundfunk gewandt. Sie fühlen sich von ihren Vorgesetzten allein gelassen – auch deswegen wollen sie anonym bleiben.

"Den Leuten geht’s nicht gut, man kann nicht 1,5 m Abstand halten. Wenn ein Mensch mit Down-Syndrom auf Dich zu kommt, dann tut der das einfach." Mitarbeiter einer Behinderteneinrichtung in Franken

Die Pflegekräfte hätten gerne Schutzkleidung, wenigstens einen Mund-Nasenschutz und ausreichend Desinfektionsmittel. Doch beides war in den Heimen des fränkischen Trägers lange Zeit knapp.

Lebenshilfe: Mund-Nasenschutz zum Schutz der Bewohner

Bei der Lebenshilfe München sei die Stimmung unter den Mitarbeitenden gut, berichtet ein Erzieher, der in einem Heim Menschen mit Behinderung betreut. Bei der Lebenshilfe wurden die Heime schon früh für Besucher geschlossen, früher als vom Gesetzgeber vorgegeben.

Außerdem tragen die Mitarbeitenden medizinischen Mund-Nasen-Schutz, um ihre Bewohner vor einer Ansteckung mit dem Coronavirus zu schützen. Die Lebenshilfe hatte zu Beginn der Krise vorgesorgt und Vorräte angelegt.

RKI: Ressourcenschonender Umgang mit Schutzausrüstung

Auch der Behindertenbeauftragte der Staatsregierung, Holger Kiesel hat bestätigt, dass in vielen Behindertenheimen zu Anfang Schutzausrüstung und Desinfektionsmittel fehlten.

Das Robert-Koch-Institut riet Alten- und Behindertenheimen lange Zeit, ressourcenschonend, also sparsam, mit Schutzmaterial umzugehen. Alten- und Behinderteneinrichtungen geben diese Empfehlung so an ihre Mitarbeitenden weiter, erfährt der Bayerische Rundfunk bei einer Umfrage unter Heimen in Bayern.

Infektions- und Todesfälle in Heimen

Nach und nach kommen immer mehr Schutzmasken in Behinderteneinrichtungen im Freistaat an. Der fränkische Heimträger hat seinen Mitarbeitenden als Prävention selbst genähte Stoffmasken zur Verfügung gestellt. Die Pressestelle schreibt auf Anfrage, dass es durch eigene Initiative gelungen sei, die anfänglich angespannte Lage zu verbessern: „Wir bemühen uns mit großem Nachdruck, den Schutz der Kolleginnen und Kollegen vor Ort zu sichern.“

Bislang sei es auf Grund weniger Infektionsereignisse noch zu keinen Engpässen in der Versorgung mit persönlicher Schutzausrüstung gekommen, schreibt der Heimbetreiber.

Die Mitarbeiter, die sich an den Bayerischen Rundfunk gewandt hatten, sehen das anders. Sie hätten gerne viel früher Mund-Nasenschutz getragen, vor allem wenn sie bei der Körperpflege oder der Essensgabe den vielfach vorerkrankten Heimbewohnern nahe kommen.

Mit Sorge blicken sie auf eine Reihe von Covid-19-Erkrankungen und sogar Todesfällen in mehreren Heimen ihres Arbeitgebers. Unter den Infizierten befinden sich sowohl Mitarbeiter als auch Bewohner.

Mundschutz ist in Heimen immer noch nicht Pflicht

Das Bayerische Gesundheitsministerium empfiehlt seit Anfang April, in Heimen für Menschen mit Behinderung sowie Alten- und Pflegeheimen auch präventiv Mund-Nasenschutz zu tragen. Eine Pflicht gilt allerdings nicht.

Die Empfehlung zum Mund-Nasenschutz ist mit dem Zusatz versehen: Falls die Schutzausrüstung nicht ausreichend verfügbar ist, sei zu priorisieren und das Material dort einzusetzen, wo es am dringendsten gebraucht werde.

Infektionsschutz im Heim: Fragen bleiben

Bei Pflegekräften in sensiblen Einrichtungen wirft die Priorisierung viele Fragen auf. Sie brauchen klare Informationen, wie sie – bei Ressourcenmangel - die Bewohnerinnen und Bewohner schützen können.

Andrea Inneberger von der Lebenshilfe Berchtesgaden kann zwar berichten: "Schutzausrüstung ist vorhanden. Natürlich nicht in dieser ausreichenden Form wie wir gerne hätten. Wir sammeln aber jetzt schon seit einiger Zeit verschiedenste Sachen Mundschutz, Brillen, und so weiter."

Bei Einrichtungsleiterin Inneberger kommen immer noch viele Fragen an, die sie individuell per Mail oder in täglichen Telefonaten klärt.

"Wie war das mit der Arbeitskleidung, wie muss ich da vorgehen mit der Wäsche, dass ich das richtig mache. Wie verhält sich das mit Spaziergängen, wenn ich draußen bin, trage ich dann auch eine Schutzmaske? Darf ich mit meiner Gruppe im Garten grillen?" Andrea Inneberger, Lebenshilfe Berchtesgaden

Stoffmasken aus ausrangierter Bettwäsche

Der fränkische Träger ruft in seinen Rundschreiben alle Mitarbeitenden zur Solidarität und Kreativität auf. In der Not wurden irgendwann Masken selbst genäht, auch aus alter, gereinigter Bettwäsche, was bei einigen Mitarbeitern auf Ekel stieß. Inzwischen gibt es dort die selbstgemachten Masken – zwei für jeden Mitarbeiter.

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Schutzausrüstung ist in der Corona-Krise immer noch nicht überall ausreichend vorhanden. Vor allem in Heimen, wo Senioren und Behinderte betreut werden, sorgen sich Mitarbeiter um die Bewohner. Ein Wissenschaftler sagt: Heime können zur Falle werden.