BR24 Logo
BR24 Logo
Startseite

NEU

Wenn das Geld ausgeht: Privatinsolvenz wegen Corona | BR24

© BR

Corona und seine Folgen: Immer mehr Privathaushalten geht das Geld aus. Schuldnerberatungen in Bayern erwarten einen großen Ansturm ab Herbst. Denn dann wird die Ebbe in den Haushaltskassen richtig spürbar.

56
Per Mail sharen
  • Artikel mit Audio-Inhalten
  • Artikel mit Video-Inhalten

Wenn das Geld ausgeht: Privatinsolvenz wegen Corona

Immer mehr Privathaushalten geht das Geld aus. Schuldnerberatungen in Bayern erwarten ab Herbst einen großen Ansturm. Viele Menschen haben wegen Corona ihren Job verloren, sind in Kurzarbeit oder krank geworden. Eine psychische Belastung.

56
Per Mail sharen

Hoffnungslos und ausgeliefert fühlt sich Birgit Gremm. Die 58-Jährige aus dem Kreis Mühldorf hat Angst, ihr Leben bald nicht mehr finanzieren zu können. Sie ist Mutter von vier Kindern, geschieden und Logopädin in Teilzeit. Sie leidet an einer chronischen Erkrankung, hatte viele Jahre einen Zweitjob, den sie nun kündigen musste. Es wurde einfach zu viel.

Birgit Gremm hat exakt 1.519 Euro netto im Monat zur Verfügung. Davon muss sie Miete, Strom, Essen sowie Unterhalt für ihre Kinder und ihren neuen Mann zahlen. Der sitzt wegen Corona in Pakistan fest. Jetzt ist auch noch das Auto irreparabel kaputt. Eine belastende Situation für sie.

Corona wirkt wie ein Katalysator: Es verschärft die finanzielle Lage

Als Birgit Gremm nicht mehr weiter wusste, hat sie sich Hilfe bei der Caritas-Schuldnerberatung in Mühldorf geholt. Ändert sich nicht bald ihre finanzielle Lage, droht die Privatinsolvenz. Schuldnerberaterin Jessica Sossau-Thiede bestätigt, dass es kaum Einsparmöglichkeiten gebe - außer vielleicht die großzügigen Spenden, die Birgit Gremm macht.

Mit Sorge blickt die Beraterin und gelernte Bankkauffrau auf den Herbst. Sie befürchtet – wie auch viele andere Finanzexperten - einen großen Ansturm auf Schuldnerberatungen. Corona wirke wie ein Katalysator. Die bestehenen Problemsituationen würden noch verschärft, warnt sie. Kurzarbeit, Arbeitslosigkeit und Krankheit sind einige Gründe. Inzwischen gehen viele an ihre Reserven und brauchen die Ersparnisse auf.

© BR24

Bei einem Privatinsolvenzverfahren regelt ein Gericht, wie man seine Schulden loswird. Das gibt Sicherheit und die Gewissheit, dass nach einigen Jahren die Restschuld erlassen wird. Man muss dafür aber strenge Auflagen erfüllen.

Überschuldung und Privatinsolvenz kann jeden treffen

Zuhören, organisieren und sortieren. Das ist die Devise, mit der Ines Terhuven von der BRK-Schuldnerberatung in München Menschen in finanzieller Not hilft. Sie hat schon alle bei sich gehabt: Von 18 bis 80, ehemals gut Verdienende, Alleinerziehende, Familien, wenig Verdienende, Arbeitslose.

Schon jetzt merkt die Schuldnerberaterin, dass die Anfragen mehr werden. Das ist ungewöhnlich in der Ferienzeit. Ihrer Beobachtung nach kommen deutlich mehr Menschen aus der Mittelschicht, die gut situiert waren und ein gutes Einkommen hatten.

1.330 Privatinsolvenzen und mehr als 64 Mio. Euro Schulden

Laut Landesamt für Statistik ist die Zahl der Privatinsolvenzen in Bayern in den vergangenen drei Monaten gestiegen. Waren es im April dieses Jahres noch gut 270 Privatinsolvenz-Verfahren im Freistaat, sind es im Juni schon fast doppelt so viele gewesen. Experten gehen davon aus, dass es noch mehr werden.

Zählt man die Schulden der in Privatinsolvenz geratenen bayerischen Haushalte zusammen, belaufen die sich auf mehr als 24 Millionen Euro (Stand Juni). Im ersten Quartal dieses Jahres gab es 1.330 Privatinsolvenz-Verfahren in Bayern. Die Forderungen beliefen sich in dem Zeitraum auf mehr als 64 Millionen Euro.

Friedrich-Ebert-Stiftung: Schuldnerberatungen müssen gestärkt werden

Hauptauslöser für Überschuldung sind ungeplante kritische Lebensereignisse wie Arbeitslosigkeit, Scheidung oder Krankheit. Und nun kommt eben noch die Corona-Pandemie dazu.

Kurzarbeit und eigene Ersparnisse mildern zunächst die finanzielle Notlage ab. Aber ein Dauerzustand kann das nicht sein, warnen die Schuldnerberatungen. Auch die SPD-nahe Friedrich-Ebert-Stiftung (FES) schlägt Alarm. Die Corona-Krise verschärft die private Überschuldung. "Viele Menschen haben Kredite aufgenommen, zahlen Raten. Diese Zahlungsverpflichtungen können sie in der Regel nicht mal eben so reduzieren", sagt Robert Philipps, Volkswirtschaftler bei der FES.

Durch die aktuelle Wirtschaftskrise wird die private Verschuldung also deutlich ansteigen. Der Bedarf an Schuldner- und Insolvenzberatung wird entsprechend steigen. Deswegen fordert die Friedrich-Ebert-Stiftung, die Schuldnerberatungen dringend zu stärken.

Schuldnerberatungen empfehlen: Haushaltsplan, Verträge prüfen

Noch hofften viele, dass es mit dem Geld reicht – die Kurzarbeit endet oder die Bank hilft, stellen Schuldnerberater in Bayern fest. Das sei aber der falsche Ansatz. Man müsse jetzt die Reißleine ziehen: mit einem Haushaltsplan, Verträge kündigen und einfach alles durchrechnen. Die bayerischen Schuldnerberatungen bereiten sich jetzt schon auf den "heißen Herbst" vor, um möglichst vielen Menschen in finanzieller Not helfen zu können.

Klientin Birgit Gremm aus Mühldorf ist froh, rechtzeitig zur Schuldnerberatung gegangen zu sein: "Ich kann es machen, bevor das Kind in den Brunnen gefallen ist. Ich muss jetzt genau schauen, was ist lebensnotwendig und auf was kann ich doch noch verzichten."

Bundesregierung plant Reform der Privatinsolvenz

Die Bundesregierung plant übrigens aktuell, die Privatinsolvenz zu reformieren. Entsprechende Gesetze sollen in den kommenden Monaten auf den Weg gebracht werden. So soll die Dauer eines Insolvenzverfahren von sechs auf drei Jahre verkürzt werden, um Betroffenen schneller und einfacher einen finanziellen Neustart zu ermöglichen.

© BR

In der Corona-Krise haben viele Menschen Job und Aufträge verloren oder sind in Kurzarbeit. Bei manchen droht sogar die Privatinsolvenz. Hilfe bieten da die Schuldnerberatungen. Und die stellen sich auf einen Ansturm in den kommenden Monaten ein.

"Darüber spricht Bayern": Der neue BR24-Newsletter informiert Sie immer montags bis freitags zum Feierabend über das Wichtigste vom Tag auf einen Blick – kompakt und direkt in Ihrem privaten Postfach. Hier geht’s zur Anmeldung!