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Bildrechte: picture alliance / Winfried Rothermel | Winfried Rothermel

In Bayern gibt es noch rund 10.000 Ställe, in denen die Kühe angebunden sind. Aber der Lebensmitteleinzelhandel verlangtTierwohl-Milch. Immer mehr Molkereien zahlen nun den Landwirten weniger Milchgeld, wenn die Kühe im Anbindestall stehen.

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Weniger Geld für Milch: Molkereien bestrafen Anbindehaltung

Kühe im Anbindestall zu halten, gilt als Auslaufmodell, da es mit Tierwohlkriterien kaum vereinbar ist. Verboten ist es aber noch nicht. Jetzt gehen einige Molkereien jedoch in die Offensive und zahlen Bauern weniger Milchgeld.

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Von
  • Norbert Haberger
  • Christine Schneider

Bei Familie Böckler in Günz an der Günz im Unterallgäu stehen 48 Kühe im Stall. Die Tiere sind angebunden, jahrein, jahraus. Sie können einen kleinen Schritt vor, einen kleinen Schritt zurück machen, sich hinlegen, aber mehr nicht. Die Tiere sind gesund, bekommen gutes Futter, geben viel Milch, jede Kuh hat einen Namen, dennoch ist der Stall der Böcklers kein Tierwohl-Stall. Vor Jahrzehnten, als der Stall gebaut wurde, war die Anbinde-Haltung Standard. Rund 10.000 Anbindeställe gibt es noch in Bayern.

Anbindehaltung hat keine Zukunft

Tochter Anna will eine Landwirtschaftsausbildung machen und eventuell den Hof übernehmen. Doch sie merkt, der Druck wird immer größer: "Anbinde-Haltung hat keine Zukunft, das weiß jeder. Aber man sollte uns Zeit geben, um diesen Übergang zu bewältigen." Das Problem: der Betrieb liegt mitten im Dorf. Die Böcklers können weder den Stall vergrößern, noch einen Auslauf anbauen. Die meisten ihrer Wiesen liegen im Wasserschutzgebiet. Weidehaltung ist dort verboten.

Molkereien bestrafen Anbinde-Haltung

Inzwischen zahlen einige Molkereien für Milch von Kühen aus ganzjähriger Anbinde-Haltung einen niedrigeren Preis. Die Böcklers haben Glück. Ihr Abnehmer, die Molkerei Allmikäs in Kimratshofen macht noch keine Unterschiede.

Dagegen gibt es bei den Milchwerken Berchtesgadener Land für Kuhmilch aus ganzjähriger Anbinde-Haltung schon seit längerem einen Abschlag von zwei Cent je Liter. Weidehaltung und Auslaufmöglichkeiten werden demgegenüber mit einer Prämie von bis zu 3,5 Cent honoriert. Jetzt im März hat die Molkerei die Milchpreise erhöht, um einen Cent. Allerdings nicht für Milch von Kühen aus Anbinde-Haltung.

Weniger Geld mit Zustimmung der Genossen

Die Molkerei in Piding ist keine Privatmolkerei, sondern eine Genossenschaft, bei der die Landwirte das Sagen haben. Mit dem Finger auf "die böse Molkerei, die den armen Bauern Geld abzieht" zu zeigen, funktioniert hier also nicht. Hans-Jürgen Seufferlein vom Verband der Milcherzeuger Bayern: "Die maximal mögliche Differenz beim Milchpreis bei gleicher Qualität, nur wegen der Haltungsform, beträgt jetzt satte 6,5 Cent. Aber hier entscheiden genossenschaftliche Bauerngremien."

Weniger Geld pro Liter Milch

Bei der Oberpfälzer Privatmolkerei Bechtel in Schwarzenfeld bekommen ganzjährige Anbinde-Halter einen Cent weniger je Liter. In den kommenden Jahren sollen 1,5 Cent abgezogen werden.

Bei der Almil AG am Standort Weiding bei Mühldorf erhalten Anbinde-Halter seit Januar 0,5 Cent weniger als die Kollegen mit Laufstall. Ab nächstem Jahr soll die Differenz zwei Cent betragen.

Weitere Molkereien haben ähnliche Schritte angekündigt. Die Molkerei Bauer in Wasserburg in Oberbayern und Hochland in Heimenkirch im Allgäu wollen Milch aus Anbinde-Haltung gar nicht mehr in ihren Werken verarbeiten. Sie werden sie zwar noch abholen, aber dann weiterverkaufen.

Der Druck kommt vom Lebensmitteleinzelhandel

Warum gehen die Molkereien in die Offensive? Der Druck kommt vom Lebensmitteleinzelhandel. Dort überbietet man sich in den Verkaufs-Regalen mit Tierwohl-Produkten. Auf immer mehr Milch-Packungen stehen nicht nur der Fettgehalt und das Haltbarkeitsdatum, sondern auch noch andere Kriterien. Nämlich: Wie wurden die Kühe gehalten? Zum Beispiel "Laufstallhaltung im Sinne des Tierschutzes" oder "Ganzjähriger Zugang zum Außenklima".

Die Kunden verlangen das, sagt Bernd Ohlmann vom Einzelhandelsverband Bayern (LBE):

"Immer mehr Kunden achten darauf, wo kommt die Milch her, wo kommt das Fleisch her? Dem müssen wir eben Folge leisten." Bernd Ohlmann vom LBE

Verunsicherung bei den Landwirten

Für die Bauern nimmt die Ungewissheit zu. Wie geht es weiter? Kühe, die im Stall mit Ketten angebunden sind und sich nicht frei bewegen können, sind für Tierschützer unakzeptabel. Landwirte, die keinen Tierwohl-Stall haben, fühlen sich an den Pranger gestellt. Bisher hat noch keine bayerische Molkerei einen Termin gesetzt, ab dem die Milch aus ganzjähriger Anbinde-Haltung nicht mehr abgeholt wird. Doch die Landwirte befürchten, dass dieser Schritt kommen wird. Die Genossenschafts-Molkereien allerdings werden die Milch bei ihren Mitgliedern immer abholen müssen, denn dort gibt es eine Abnahmepflicht.

Anbindehaltung ist ein Auslaufmodell

Beim Verband der Privaten Molkereien unterstützt man Beratungsprogramme für die Landwirte, wie sie ihre Ställe umbauen können. Geschäftsführerin Susanne Glasmann sieht die ganzjährige Anbinde-Haltung als Auslaufmodell: "Seit 1990 werden keine Anbindeställe mehr gebaut und wir gehen davon aus, dass es in den nächsten fünf bis acht Jahren die ganzjährige Anbinde-Haltung in Bayern nicht mehr geben wird."

Neu bauen oder zusperren?

Der Druck auf die Landwirte, zuzusperren oder neu zu bauen, wird immer größer. Das Problem: Bei den aktuellen Milchpreisen von knapp 35 Cent pro Liter ist ein neuer Stall kaum finanzierbar. Das sieht man auch bei der Genossenschaftsmolkerei Allmikäs in Kimratshofen. Andreas Steidele ist Landwirt und Vorstandsvorsitzender der Genossenschaft:

"Wir haben Milchpreise wie vor 30, 40 Jahren. Aber die Baukosten sind ums drei- bis vierfache gestiegen." Milchbauer Andreas Steidele

Laufstall ist für viele Bauern nicht finanzierbar

Auch die Böcklers im Unterallgäu überlegen, ob sie einen Laufstall bauen, außerhalb des Dorfes. Damit der sich rentiert, so sagen Berater, müsste er aber um einiges größer werden. Statt den bisher 48 Kühen sollten im neuen Stall etwa 100 Platz haben. Alles hängt davon ab, wie sich die 21-jährige Anna nach der Landwirtschaftslehre entscheiden wird. Ihr Vater Herbert Böckler steht vor einer schwierigen Entscheidung: "Ohne gesicherte Hofnachfolge einen neuen Laufstall bauen, dieses Risiko kann ich nicht auf mich nehmen. Ich müsste weit über eine Million Euro investieren." Trotz Zuschuss vom Staat ist das schwer zu schultern.“

Das Problem ist ein bayerisches

Wie den Böcklers geht es vielen der rund 10.000 Anbindehalter in Bayern. Sehr oft sind es kleinere Betriebe. Die meisten von ihnen werden auf kurz oder lang mit der Milchproduktion wohl aufhören. In anderen, vor allem den ostdeutschen Bundesländern reibt man sich bei diesem Thema allerdings verwundert die Augen. Dort gibt es große Ställe, zum Teil mit 1.000 und mehr Kühen, die sich aber alle frei bewegen können. Anbinde-Haltung ist dort ein Fremdwort.

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