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Übergewicht (Symbolbild)

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Welt-Adipositas-Tag: Corona-Krise macht dick

Fast jeder Dritte hat laut Studien ein paar Kilo in der Corona-Zeit zugelegt, denn viele essen zum Trost, aus Frust oder Langeweile. Gleichzeitig gibt es weniger Sportmöglichkeiten. Das ist für Menschen mit Adipositas besonders belastend.

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Von
  • Ulrike Nikola

Eigentlich trifft sich die Adipositas-Selbsthilfegruppe "Dicke Freunde" aus dem Nürnberger Land regelmäßig. Seit Monaten fallen in Hersbruck die Treffen durch Corona aus, doch gerade Menschen mit krankhaftem Übergewicht sind besonders gefährdet, schwer an Covid-19 zu erkranken. Daher versucht Nadya Nerdenyan, die Leiterin der Selbsthilfegruppe, mit den Mitgliedern über einen Videochat in Kontakt zu bleiben.

Selbsthilfegruppe in Zeiten von Corona wichtig

Die Menschen mit krankhaftem Übergewicht erzählen, dass der Kampf gegen die Pfunde seit einem Jahr besonders schwer sei, denn Corona mache einsam, und so essen sie aus Frust oder zum Trost. Manche möchten sich deshalb lieber nicht im Videochat zeigen, um zu verbergen, dass sie in der Corona-Zeit zugenommen haben.

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Nadya Nerdenyan und Georg Nickel, Adipositas-Selbsthilfegruppe Nürnberger Land

Inneren Schweinehund austricksen

"Es ist eine ständige Überwindung, dass man den inneren Schweinehund austricksen muss und nicht aus Langeweile in sich rein futtert. Durch die Corona-Beschränkungen ist das besonders schwer, denn man kann sich nicht mit anderen Betroffenen treffen und hat keinen Halt", sagt Georg Nickel. Seit einer Magenverkleinerung vor einem halben Jahr hat er von 170 Kilo auf 120 Kilo abgenommen. Dabei hat ihm auch die Adipositas-Selbsthilfegruppe im Nürnberger Land geholfen, die seine Lebensgefährtin Nadya Nerdenyan vor drei Jahren gegründet hat.

"Selbsthilfegruppen sind wichtig, weil man dort Gleichgesinnte trifft und Fragen stellen kann, die man sich sonst nicht traut auszusprechen." Nadya Nerdenyan, Adipositas-Selbsthilfegruppe

Außerdem würden die Mitglieder von den Erfahrungen der anderen profitieren, und Tipps erhalten zu Ernährung und Bewegung sowie medizinischen und psychologischen Angeboten.

Fast jeder Dritte hat zugenommen

Sportvereine, Fitnessstudios und Schwimmbäder sind geschlossen und die Sportmöglichkeiten in der Corona-Zeit stark eingeschränkt. Hinzu kommt der Bewegungsmangel im Alltag durch Homeoffice und Ausgangsbeschränkungen im Lockdown. Prof. Martina de Zwaan, Präsidentin der Deutschen Adipositas Gesellschaft, befürchtet nicht nur, dass viele Menschen mit Adipositas nach der Corona-Zeit wieder von vorne anfangen müssen, sondern "dass neue Fälle dazu kommen, denn Kinder, Jugendliche und Erwachsene haben in den vergangenen Monaten einige Kilo zugelegt". Das belegen auch Studien der Technischen Universität München (TUM) und der Medizinischen Fakultät der Universität München (LMU).

Weniger Angebote durch Corona

Am Adipositas Zentrum der Uniklinik Erlangen wird die Warteliste immer länger, denn die Ernährungsberatung ist derzeit nur eingeschränkt telefonisch möglich und Bewegungsangebote für Menschen mit krankhaftem Übergewicht gibt es nur online. Doch viele Betroffene leiden unter schwerwiegenden Begleiterkrankungen. Prof. Yurdagül Zopf vom Erlanger Adipositas Zentrum ist besorgt, denn die Patienten haben teilweise große Atem- und Gelenkprobleme, dazu kommen Stoffwechsel- sowie Herzkreislauf-Erkrankungen: "Durch die unzureichende medizinische Versorgung während der Corona-Epidemie können noch mehr gesundheitliche Probleme entstehen, sodass diese Patienten in einen schlechteren körperlichen Zustand verfallen".

Ein lebenslanger Kampf

Wer unter krankhaftem Übergewicht leidet, hat ein Leben lang damit zu tun. Denn die Fettsucht ist eine von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) anerkannte Krankheit, und wie bei jeder Sucht ist die Gefahr groß, dass man rückfällig wird.

Das weiß auch Thorsten Cours. Nach einer Magenbypass-Operation hat er 80 Kilo angenommen und bringt jetzt noch rund 100 Kilo auf die Waage. Jede Woche fiebert er dem festen Wiege-Tag entgegen, denn der 53-Jährige will auf keinen Fall wieder zunehmen. Doch im Homeoffice ist der Weg zum Kühlschrank kurz und die Versuchungen sind groß. Das Fitnessstudio, in dem er normalerweise trainiert, hat zu. Am Abend geht Thorsten Cours deshalb noch meist eine Runde spazieren, um sich etwas zu bewegen. Doch der Austausch mit anderen beim Sport oder in der Selbsthilfegruppe fehlen ihm seit Monaten: "Man ist ganz auf sich allein gestellt. Das ist auf jeden Fall eine psychische Belastung. Ich kann mir vorstellen, dass labile Menschen dadurch besonders gefährdet sind in alte Gewohnheiten zurückzufallen."

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Bildrechte: picture-alliance/dpa

Fast jeder Dritte hat laut Studien ein paar Kilo in der Corona-Zeit zugelegt, denn viele essen zum Trost, aus Frust oder Langeweile. Gleichzeitig gibt es weniger Sportmöglichkeiten. Das ist für Menschen mit Adipositas besonders belastend.

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