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Wahl in Bayern

Laut Experten sind Erstwähler eine derjenigen gesellschaftlichen Gruppen, die besonders umkämpft sind, weil sie neu gewonnen werden können. Betrachtet man die anderen Gruppen, die bisher klassisch einem politischen Lager zugeordnet werden konnten, so hat sich laut dem Politikwissenschaftler Michael Weigl von der Uni Passau das Bild in Bayern deutlich verändert:

"Wir können nicht mehr ausgehen von dem konservativen Milieu oder vom sozialdemokratischen Milieu. Die Gesellschaft ist sehr stark individualisiert und das heißt eigentlich auch, dass jeder mehr oder weniger seine Interessen bündelt zu so einem eigenen Wertepaket. Das macht es für die Parteien so wahnsinnig schwierig, diese Wähler noch anzusprechen." Michael Weigl, Politikwissenschaftler

Die Landwirte für die CSU, die Fabrikarbeiter für die SPD - diese Zeiten sind längst vorbei. Von den Beamten über die Kirchennahen bis zu den Unternehmern - die Milieus haben sich zum größten Teil von den Parteien emanzipiert. Neigungen gibt es zwar nach wie vor, so Weigl, aber auch dort, wo früher hauptsächlich eine Partei die Vormacht hatte, sind die Konstellationen mittlerweile vielfältig.

Grüne auf dem Vormarsch

Beim Kampf um die Direktmandate in den bayerischen Großstädten sind die Kontrahenten längst nicht mehr SPD und CSU, auch die Grünen mischen mit. In ländlichen Regionen in Niederbayern konnte die AfD bei der letzten Bundestagswahl der CSU Prozentpunkte abluchsen - auch für den Sonntag ist nicht klar, wer im Flächenstaat Bayern auf dem Land die Stimmen holt, sagt die Politikwissenschaftlerin Ursula Münch. Durch das Wirtschaftswachstum lebten dort viele zugezogene Fachkräfte aus der Industrie:

"Da ist ein hoher Anteil von Menschen, die auf dem Land leben, aber nicht auf dem Land arbeiten, also unter Umständen auch relativ stark vom Großstadtflair geprägt sind und sich auch da unter Umständen in ihrem Wahlverhalten von der angestammten ländlichen Bevölkerung unterscheiden. Abgesehen davon, dass auch die ländliche Bevölkerung nicht mehr automatisch die eine Partei bevorzugt." Ursula Münch, Politikwissenschaftlerin

Nicht-Wähler mobilisieren

Die Automatismen scheinen auch in Bayern auf dem Rückzug. Dennoch machen die Experten zwei Gruppen aus, die für den Ausgang der Wahl tatsächlich bedeutsam sein können: zum einen das bürgerliche Lager, das in Bayern nach wie vor mehrheitsentscheidend ist und bisher sicher in der Hand der CSU war, und die sogenannten Nicht-Wähler, sagt Politikwissenschaftler Prof. Weigl:

"Das haben wir jetzt in den letzten Wahlen gesehen, auch in der Bundestagswahl, dass es der AfD in besonderem Maße gelungen ist, Nicht-Wähler wieder an die Urne zu bringen. Das hat ganz viel mit Emotionalisierung zu tun, vielleicht auch mit einem neuen Politik-Stil, sicherlich auch zum Teil einfach mit Protest. Und insofern könnte das schon sehr entscheidend sein, dass die AfD zum Teil einfach aus diesem Lager der Nicht-Wähler für sich Stimmen rekurriert, ganz genau kann man es sicherlich erst am Wahlabend sagen." Michael Weigl, Politikwissenschaftler

Der Leiter des Politmagazins Kontrovers, Andreas Bachmann

Der Leiter des Politmagazins Kontrovers, Andreas Bachmann