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Welche Rolle spielt der Wasserstoff in der Zukunft bei der Energiegewinnung? Fragen dazu beantwortet Energiewirtschaftlerin Claudia Kemfert im Rundschau-Interview.

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Wasserstoff: Energieexpertin dämpft Erwartungen

Welche Rolle spielt Wasserstoff im Energiesystem der Zukunft? Nur eine Nebenrolle, sagt die Energiewirtschaftlerin Kemfert im BR-Gespräch. Bund und Freistaat wollen die Technologie mit einer Milliarde Euro fördern.

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Von
  • BR24 Redaktion
  • Antje Dörfner

Die Energieexpertin und Wirtschaftswissenschaftlerin Claudia Kemfert hat vor zu großen Erwartungen an die Wasserstofftechnologie gewarnt. Wasserstoff werde im Energiesystem "eine Nebenrolle" spielen, sagte Kemfert in der Rundschau im BR Fernsehen, auch wenn es derzeit viele Fördermöglichkeiten gebe. Wasserstoff werde am ehesten in der Industrie zum Einsatz kommen, wenn es um Klimaschutz gehe. "Insbesondere für die Industrie ist Wasserstoff sehr wichtig, gerade zur Stahlherstellung oder in der Schwerindustrie", erklärte die Energieökonomin, in diesen Bereichen werde "grüner Wasserstoff" benötigt.

Kemfert, die die Abteilung "Energie, Verkehr, Umwelt" am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin) leitet, wies darauf hin, dass Wasserstoff mit Ökostrom hergestellt werden müsse, um nachhaltig und klimaschonend zu sein. "Grüner Wasserstoff ist kostbar, man sollte ihn nur da einsetzen, wo man keine direkte elektrische Alternative hat, insbesondere im Industriebereich."

Für den Individualverkehr hingegen sei Wasserstoff keine Lösung, erklärte Kemfert, sinnvoller sei die Elektromobilität: "Alles andere wäre Verschwendung."

Expertin: Bayern braucht mehr Windenergie

Bayern benötigt nach Ansicht der Expertin mehr Ökostrom, insbesondere mehr Windenergie. Die Wissenschaftlerin sprach sich dafür aus, die 10-H-Regelung abzuschaffen, die den Mindestabstand von Windrädern zur Wohnbebauung regelt. Auch Solarstrom und Biomassestrom würden gebraucht.

Kemfert kritisierte, dass Bayern in diesen Bereichen "noch immer auf der Bremse" stehe. Wenn der Freistaat den Kurs in der Energiepolitik wechsle, könne viel Öko-Wasserstoff hergestellt werden.

Eine Milliarde öffentliche Förderung

Bayern und der Bund wollen mit rund einer Milliarde Euro sechs bayerische Wasserstoffprojekte anschieben. Zusammen mit Geld der beteiligten Unternehmen ergebe sich dadurch eine Investitionssumme von zwei Milliarden Euro, teilten heute Ministerpräsident Markus Söder (CSU) und Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) gemeinsam mit Wirtschaftsvertretern mit. Ziel sei es, mit moderner Technologie grünes Wachstum zu ermöglichen, sagte Söder. "Grüner Wasserstoff ist für Bayern, aber auch für ganz Deutschland eine große Chance."

Bundesweit werden zur Förderung der Wasserstofftechnologie acht Milliarden Euro an 62 Projekte verteilt. Beim in Bayern eingesetzten Geld kommen rund 700 Millionen Euro vom Bund und 300 Millionen vom Freistaat.

Altmaier: Hohe Bedeutung des Wasserstofftechnologie

Altmaier betonte die Bedeutung der Wasserstofftechnologie für die Energiewende. Dabei sei der Wasserstoff das fehlende Glied in der Kette. Grüner Wasserstoff könne weltweit dort produziert werden, wo die Gegebenheiten günstig seien und dort verbraucht werden, wo er benötigt werde. Unter anderem würden Anlagen zur Wasserstofferzeugung mit einer Leistung von 145 Megawatt entstehen, sagte Altmaier. Er sei überzeugt, dass Investoren aus der ganzen Welt kommen würden, um sich diese anzusehen - und dann hoffentlich auch zu bestellen. Das sichere Arbeitsplätze.

Aiwanger lobt Wasserstoff wegen Arbeitsplatz- und Klimaschutz

Auch Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger (Freie Wähler) lobte die Initiative. Man werde erst in einigen Jahren begreifen, wie wichtig sie sei. Wasserstoff sei gleichzeitig Klimaschutz und Arbeitsplatzschutz. Zu den beteiligten Unternehmen gehören unter anderem BMW, Bosch, Siemens Energy und Wacker Chemie.

Opposition verlangt weitergehende Schritte

Die bayerische Opposition forderte dagegen weitere Schritte. So kritisierte SPD-Fraktionschef Florian von Brunn, dass nach wie vor die 10-H-Regel den Ausbau der Windkraft bremse. "Wenn die Industrie klimaneutral werden soll, muss eine klimaneutrale Energieversorgung und Wasserstoffproduktion sichergestellt sein. Davon ist Bayern unter Söder Lichtjahre entfernt", sagte er.

Der Fraktionschef der Grünen, Ludwig Hartmann, sieht den Einsatz von Wasserstoff in der Industrie positiv, betonte aber auch: "Wasserstoff wächst nicht aus sich selbst heraus." Daher brauche es Vorranggebiete für Windkraft und mehr Photovoltaik.

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Um Wasserstoff herzustellen, braucht man viel Strom, und in Deutschland existieren bis jetzt nur 91 Wasserstoff-Tankstellen. Wasserstoff: Ein vielversprechender Stoff, bei dem es noch einige Fragezeichen gibt.

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