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Erzbistum München: Missbrauchsgutachten vorgestellt

Bildrechte: dpa-Bildfunk/Sven Hoppe
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BR24 extra: Missbrauchsgutachten wird vorgestellt

Wer hat was gewusst? Wer war involviert in Missbrauch und Vertuschung? Antworten auf diese Fragen soll ein Gutachten liefern, das heute in München veröffentlicht wird. In den Untersuchungszeitraum fallen die Amtszeiten hochrangiger Kardinäle.

Von
Anna KemmerAnna Kemmer
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Heute Vormittag wird in München das lange erwartete Missbrauchsgutachten der Öffentlichkeit vorgestellt. Unabhängige Gutachter der Kanzlei Westpfahl Spilker Wastl (WSW) haben im Auftrag der Erzdiözese München und Freising sexuellen Missbrauch durch Kleriker und Hauptamtliche in der Erzdiözese im Zeitraum von 1945 bis 2019 untersucht. Die Gutachter haben unter anderem geprüft, inwieweit "systemische Defizite" sexuellen Missbrauch durch Kleriker begünstigt haben könnten. Auch der Frage von persönlicher Verantwortung gingen sie nach.

Das Gutachten soll benennen, ob die Verantwortlichen des Erzbistums rechtliche Vorgaben sowie die Leitlinien der Deutschen Bischofskonferenz erfüllt und angemessen im Umgang mit Opfern und möglichen Tätern gehandelt haben.

Welche Rolle haben die Kardinäle gespielt?

In den Untersuchungszeitraum fallen auch die Amtszeiten Münchner Kardinäle wie Friedrich Wetter, Reinhard Marx - seit 2008 Erzbischof von München und Freising - sowie Joseph Ratzinger, der spätere Papst Benedikt XVI.

Der emeritierte Papst Benedikt hat für den Bericht auf 82 Seiten Stellung zu den Fragen der Gutachter genommen. Die Schicksale der Missbrauchsopfer gingen ihm "sehr zu Herzen", sagte sein Privatsekretär Georg Gänswein in einem Zeitungsinterview. In Ratzingers Zeit als Erzbischof von München und Freising fällt beispielsweise die Aufnahme von Pfarrer H. aus Essen. Dieser hatte sich bereits dort an Kindern und Jugendlichen vergangen, ist deshalb vorbestraft.

Trotzdem wurde er in Bayern wieder in der Gemeindeseelsorge eingesetzt und missbrauchte dort erneut Kinder und Jugendliche. Hat Ratzinger davon wirklich nichts gewusst, wie er behauptet? Schließlich heißt es in einem kircheninternen Dekret von 2016, Ratzinger sei "in Kenntnis der Sachlage" gewesen. Der Kirchenrechtsprofessor Thomas Schüller jedenfalls glaubt, dass das Gutachten "das heiligmäßige Bild" vom Papst emeritus erschüttern wird.

"Einfach nur fassungslos"

Für das Gutachten ausgesagt hat auch Stefan, der als 12-Jähriger im oberbayerischen Garching an der Alz von dem Priester Peter H. missbraucht wurde. Dem BR sagte er: "Diesen Verurteilten und untherapierbaren Mann wieder in eine Gemeinde zu schicken, und wieder etwas aufbauen zu lassen, und wieder mit so viel Kindern und Jugendlichen arbeiten zu lassen, das macht einen einfach nur fassungslos."

Auch Kardinal Marx ist in den Fall Peter H. involviert und wollte bereits im Frühsommer 2021 Verantwortung übernehmen und zurücktreten: "Ich bin ja Teil des Systems, das in weiten Teilen in der Frage des Missbrauchs versagt hat", so Marx. Papst Franziskus nahm sein Rücktrittsgesuch nicht an.

Betroffeneninitiativen fordern unabhängige Aufklärung

Allein der Fall H. soll in dem Gutachten 350 Seiten füllen. Insgesamt hat der Text knapp 1.900 Seiten. Die Ergebnisse bekommt das Erzbistum nicht vorab, sondern zeitgleich mit der Öffentlichkeit. Die Präsentation des Gutachtens findet per Livestream im Internet ab 11 Uhr und vor Ort für Pressevertreter im Haus der Bayerischen Wirtschaft statt.

Ein erstes Statement von Kardinal Marx wird bereits am Donnerstagnachmittag um 16:30 Uhr erwartet. Eine ausführliche Reaktion plant das Erzbistum erst eine Woche später und begründet dies mit dem enormen Umfang des Gutachtens.

Dass die Erzdiözese selbst die Gutachter gewählt und beauftragt hat, kritisieren Betroffene: "Es braucht endlich eine von außen durch den Staat garantierte unabhängige Aufklärung und Aufarbeitung der systematischen Verbrechen an Kindern und Jugendlichen und ihrer Vertuschung durch bischöfliche Verantwortungsträger", heißt es einem Schreiben des Aktionsbündnisses der Betroffeneninitiativen. Diese veranstalten am 20. Januar 2022 eine Kunstaktion in der Nähe des Hauses der Bayerischen Wirtschaft, bei der auch Gespräche mit Betroffenen sexueller Gewalt möglich sein werden. Am 21. Januar sind die Aktivisten mit dem "Hängematten-Bischof" am Stachus.

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