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Was tun im Kampf gegen sexuellen Missbrauch an Kindern? | BR24

© BR/Julia Müller

Was tun im Kampf gegen sexuellen Missbrauch an Kindern?

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Was tun im Kampf gegen sexuellen Missbrauch an Kindern?

Das Risiko für Kindesmissbrauch steigt in Folge von Corona. Gerade in den vergangenen Monaten sind einige Fälle von schwerem Kindesmissbrauch öffentlich geworden. Die WHO schätzt, dass ohnehin 90 Prozent aller Missbrauchsfälle nicht ans Licht kommen.

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Erst nach vielen Jahren des Missbrauchs durch ihren Stiefvater hat Karin Steinherr ihr Schweigen gebrochen. Sie wurde von ihm und einem seiner Freunde als Kind und Erwachsene missbraucht - über Jahre. Heute erzählt sie ihre Geschichte an Schulen und will damit Kinder stärken, die unter einem ähnlichen Schicksal zu leiden haben.

Die heute 45-jährige Frau aus Oberbayern kritisiert im BR-Fernsehen, dass es für Kinder kaum Anlaufstellen gebe. Wohin solle sich ein Kind mit sieben oder acht Jahren denn auch wenden, wenn es Redebedarf hat? Sie fordert, Anlaufstellen in Schulen zu schaffen und dafür Lehrer oder ältere Schüler besonders auszubilden.

Zwei Drittel der Täter gehören zur Familie oder dem Umfeld

Grund für die Forderung ist ein typisches Merkmal der Täter: Laut einer offiziellen Statistik der Bundesregierung kennen Kinder die Täter zu 93 Prozent. Bei zwei Dritteln gehören sie zur Familie oder dem nahen Umfeld.

Daher sind Lehrkräfte laut Umfragen des Deutschen Jugendinstituts wichtige Ansprechpersonen für betroffene Kinder und Jugendliche, weil die Schule ein zentrales Lebensfeld ist. Tatsächlich wenden sich Betroffene aber selten direkt an das Lehrpersonal, sondern meist an Mitschüler und Freunde. Vertrauen spielt dabei eine große Rolle. Ein Großteil der Lehrer berichtet, sich mit dem Thema überfordert zu fühlen.

43 Kinder pro Tag erfahren sexuelle Gewalt

Bundesweit stieg 2019 die Zahl der von der Polizei registrierten Missbrauchsfälle von 14.410 auf 15.701 - einschließlich versuchter Fälle - merklich an. Das sind laut Bundeskriminalamt im Schnitt 43 Kinder pro Tag. In Bayern sind das im vergangenen Jahr demnach 1.699 Fälle gewesen. Auf 100.000 Einwohner gerechnet liegt die Zahl damit unter dem bundesweiten Durchschnitt. Das Problem ist Experten zufolge aber die Dunkelziffer, also die unbekannten Fälle: Sie ist um ein Vielfaches höher.

Kinder müssen über Hilfsangebote informiert werden

Dass Präventionsangebote für Schulen nicht verpflichtend sind und Lehrer nicht besser ausgebildet werden, kann Karin Steinherr nicht nachvollziehen. Betroffene Kinder müssten besser informiert werden, dass es Hilfe für sie gibt. Daher sollte die Gefahr von sexuellem Missbrauch in jeder Jahrgangsstufe thematisiert werden.

Beim Thema Missbrauch von Kindern gibt es Julia von Weiler zufolge an viele Stellen Probleme. Sie ist Psychologin und im Vorstand des Vereins "Innocence in danger" und fordert, dass die bisherigen Erkenntnisse endlich umgesetzt werden müssten. Mehr Runde Tische und mehr Studien brächten betroffenen Kindern keine Hilfe. Stattdessen müsste es eine Art Task Force geben, die vor Ort aktiv wird.

Zu wenig Geld für Jugendämter

Außerdem seien Lehrer, Erzieher oder auch Sozialarbeiter häufig nicht für diese Fälle ausgebildet, kritisiert von Weiler. Und auch in Jugendämtern werde stark aufs Geld geachtet. Es werde am Personal gespart und das habe zur Folge, dass in der Regel junge und schlecht ausgebildete Mitarbeiter viel zu viele Fälle bewältigen müssen.

Spart die bayerische Staatsregierung am Kindeswohl? "Nein", sagt Familienministerin Carolina Trautner, man habe gerade im Bereich der Jugendämter gemeinsam mit den Regierungen und dem Zentrum "Bayern, Familie und Soziales" noch einmal genau hingeschaut und gegengesteuert, wo es notwendig gewesen sei.

Mehr Fortbildungen nötig

Gleichzeitig räumt die CSU-Politikerin ein, dass an einigen Stellen Nachholbedarf herrsche. Die Regierung müsse in Fortbildung und Weiterqualifikation investieren. Das betrifft die, die laut Trautner mit Kindern in Kontakt kommen und die ein Auge auf ihre Situation haben.

Anwalt: Sexualstrafrecht kommt im Jurastudium nicht vor

Fehlendes Wissen über Kindesmissbrauch gebe es auch bei Ermittlern oder Richtern, kritisiert Alexander Stevens, Münchner Anwalt und Strafrechtsexperte. Er vertritt sowohl Täter als auch Opfer von sexuellem Missbrauch vor Gericht. Es gebe sowohl bei Juristen als auch bei der Polizei fehlendes Wissen über Kindesmissbrauch. Das Thema komme im gesamten Jurastudium nicht vor. So seien Täter den ermittelnden Behörden immer einen Schritt voraus, so Stevens.

Bundesjustizministerin Christine Lambrecht (SPD) bestreitet das. Deutsche Ermittler seien gut ausgebildet und durchaus im Stande, sexuellen Missbrauch an Kindern aufzuklären. Das würden auch jüngste Ermittlungserfolge zeigen, sagte die SPD-Politikerin.

Wer von sexueller Gewalt betroffen ist oder einen Verdacht hegt, kann sich an das "Hilfetelefon Sexueller Missbrauch" wenden: Die Nummer 0800 / 22 55 530 ist kostenlos in ganz Deutschland erreichbar und Anrufer sind anonym. Die Mitarbeiter suchen dann eine Beratungsstelle vor Ort raus. Online-Hilfe für Jugendliche unter www.save-me-online.de

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