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Warum werden so viele alte Gebäude abgerissen? | BR24

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Ein ganzes Gebiet wird platt gemacht

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Warum werden so viele alte Gebäude abgerissen?

In München und anderen Großstädten werden derzeit viele Gebäude aus den siebziger Jahren abgerissen. Die Neubauten sind angeblich viel energieeffizienter. Kritiker halten das für eine Milchmädchenrechnung. Von Christoph Arnowski

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Im Münchner Osten, wo die A94 in die Einsteinstraße mündet, ist von den Bürohäusern aus den siebziger Jahren außer ein paar Fundamenten und Resten der Kellerräume nichts mehr zu sehen. Bagger graben sich ins Erdreich, beladen unablässig Lastwagen, die den Aushub abtransportieren. "TOMORROW STARTS TODAY “ verkündet eine große Bautafel, auf der ein ganzes Ensemble moderner, verglaster Hochhäuser abgebildet ist. Büros und ein neues Luxushotel sollen hier entstehen, am "Bogenhauser Tor", wie das Neubauprojekt genannt wird.

Zeitgemäß, mit modernster Haustechnik ausgestattet und natürlich absolut energieeffizient. Auf den ersten Blick scheint es nichts an solchen Neubauvorhaben auszusetzen zu geben. Doch der Münchner Architekt Muck Petzet sieht das anders. 

Er plädiert für Architekturkonzepte, die zumindest Teile des Bestandes erhalten und sanieren, statt sie  komplett abzureißen. Neubauten, so Petzet, seien oft unter dem Strich gar nicht energieeffzienter als die modernisierten Häuser aus den sechziger und siebziger Jahren. "Das ist eine klassische Milchmädchenrechnung, weil dabei völlig vergessen wird, dass das Bauen, Abbrechen und dann das Neubauen sehr viel Energie verschlingt."

Die verborgene Energie

Fachleute sprechen von grauer Energie, die in den alten Gebäuden steckt und die verloren ist, wenn sie einfach abgerissen werden. Auch die Münchner Stadtbaurätin Elisabeth Merk fordert ein Umdenken. "Ich bin dafür , dass die DIN-Normen und die Gewährleistungsansprüche, mit denen heute insgesamt das Bauen belegt sind, auf ihre Sinnhaftigkeit überprüft werden. Wenn man die graue Energie mit einpreist, kommt man vielleicht zu ganz anderen Lösungen."

Andere Lösungen, sprich, die Integration des Bestandes in Neubauprojekte, haben derzeit aber kaum eine Lobby. Selbst dann nicht, wenn das Gebäude, das abgerissen werden soll, unter Denkmalschutz steht. Das "Osram"-Haus am Mittleren Ring in München ist ein Beispiel dafür. Die einstige Konzernzentrale des Leuchtmittelherstellers war eines der ersten Gebäude in Deutschland mit Großraumbüros. In diesen wohnen derzeit noch Asylbewerber. In zwei Jahren aber will hier ein privater Investor Wohnungen bauen. 

In einem Architekturwettbewerb schrieb die Stadt München ausdrücklich zwei Varianten aus. Eine mit und eine ohne Erhalt des "Osram-Hauses". Am Ende entschied sich die Jury für ein Konzept, das den kompletten Abriss des Gebäudes vorsieht. Stadtbaurätin Merk wird ihn genehmigen müssen, der schlechte bauliche Zustand des Mitte der sechziger Jahre erstellten Bürohauses setzt den Denkmalschutz außer Kraft. 

Architekt Petzet kritisiert, der Abriss zeuge von mangelndem Geschichtsbewusstsein: "Das ist ein absoluter Skandal. München ist ja auch eine Stadt der Moderne, gerade am Mittleren Ring könnte man ein solches Gebäude wunderbar vertragen. Es wäre identitätsstiftend, es ist eine herausragende Architektur und steht nicht ohne Grund unter Denkmalschutz."

BayWa-Konzernzentrale wird generalsaniert

Dass es auch anders geht, beweist derzeit nur ein paar Kilometer weiter die Baywa AG. Der Agrarhandelskonzern hat sich entschieden, sein 1969 gebautes Bürohochhaus nicht abzureißen, sondern aufwändig zu sanieren. Um eine zeitgemäße Nutzung zu ermöglichen, wird nicht nur die gesamte Haustechnik ausgetauscht, sondern das Gebäude auch noch aufgestockt. Die wohl komplizierteste aller denkbaren Varianten. 

Aber Nachhaltigkeit und Tradition haben für die Baywa eine ganz besondere Bedeutung, wie der zuständige Vorstand Andreas Helber sagt. "Ich denke, da muss man richtig planen und gescheit arbeiten. Ein Wegriss und Neubau hätten sich vielleicht auch gerechnet, es wäre auf jeden Fall nicht teurer geworden. Aber das wollten wir nicht. Wir schaffen hier aus dem Bestehenden heraus eine neue moderne Arbeitswelt und darum ging es uns."

Und so wird das "Sternhaus" der Baywa auch künftig zur Stadtsilhouette im Münchner Osten gehören. Und ein Stück Geschichte von München und seiner Architektur in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts sein und bleiben.

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Die Bagger im Dauereinsatz

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In der Englschalkinger Straße werden Büros abgerissen

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Baustelle in der Einsteinstraße