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Warum sind die Covid-Zahlen in Bayern so hoch?

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    Warum die Corona-Zahlen in Bayern so hoch sind

    Bayern ist seit Beginn der Pandemie einer der Spitzenreiter bei der Zahl der Corona-Infektionen. Auch jetzt ist die Deutschlandkarte mit den Fallzahlen im Südosten rot oder dunkelrot eingefärbt. Woran liegt das?

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    Von
    • Maren Breitling

    Der Teil-Lockdown gilt jetzt seit einigen Wochen, aber die hohen Infektionszahlen sinken nicht, sondern sind zuletzt sogar gestiegen. Viele Menschen fragen sich, wie das mit den strengen Maßnahmen in Bayern zusammenpasst. Viele Faktoren spielen bei der Pandemie eine Rolle:

    Die hohen Zahlen sind eine Folge der vielen Infizierten im Frühjahr

    Virologin Ulrike Protzer, Professorin an der TU München, sagt, sie sehe im Verhalten der Menschen zwischen Bayern und anderen Bundesländern grundsätzlich keinen Unterschied. Aber in Bayern gebe es über das ganze Jahr höhere Werte an Infizierten, weil COVID-19 hier im Frühjahr stark begonnen habe.

    Es sei schwer, diese Infektionsherde komplett auszulöschen. Das sei ähnlich wie bei Brandherden - ein bisschen glühe eine Infektion weiter, erklärt Protzer. "Diese schwelende Infektionslage lässt die Zahlen dann hochgehen, wenn der Winter kommt, wenn die Tage kürzer werden, wenn das UV-Licht nachlässt, wenn man wieder mehr drin ist."

    Menschen schätzen Gefahren falsch ein

    Studien belegen laut Dieter Frey, Professor für Sozialpsychologe an der Ludwig-Maximilians-Universität München, dass Menschen die Gefahr von Krankheiten oft unterschätzen. Bei Corona komme hinzu, dass die meisten Menschen denken, sie seien nicht infiziert. Gleichzeitig würden sie glauben, dass die Leute, mit denen sie nahen Kontakt haben, nicht infizieren würden - also Arbeitskollegen, Freunde, Familie. "Und folglich halten sie da auch keine Abstandsregeln mehr ein." Besonders in ländlichen Regionen seien die sozialen Netze enger, sagt Frey, und damit die Vertrautheit größer.

    Grenzgänger treiben die Zahlen hoch

    Bayern hat im Vergleich zu anderen Bundesländern lange Außengrenzen. Viele Grenzgänger, die zum Einkaufen, für die Freizeit oder zum Arbeiten kommen, bedeuten grundsätzlich ein erhöhtes Infektionsgeschehen, sagt Virologin Ulrike Protzer. In Bayern würden viele der Pendler zudem in systemrelevanten aber ansteckungskritischen Berufen arbeiten, so Gesundheitsministerin Melanie Huml.

    In Bayern sind Huml zufolge an die 40.000 bis 50.000 Einpendler tätig. Sie seien in Bereichen wie im Seniorenpflegeheim, in Krankenhäusern, oder aber in Schlachtbetrieben tätig. Das seien Arbeitsstätten, bei denen in engem Kontakt gearbeitet werde.

    Zahlen der Bundesagentur für Arbeit zeigen, dass in Bayern mit 46.649 Menschen die meisten Grenzpendler arbeiten, die ihren Wohnsitz im Ausland haben. Darauf folgen Baden-Württemberg (26.341), Nordrhein-Westfalen (21.202) und Sachsen (20.386).

    Gesundheitsämter sind überlastet

    Die Kontaktnachverfolgung ist laut Bundesregierung eines der wichtigsten Instrumente gegen Corona. Wenn es erst einmal viele Infizierte gibt, geraten die Gesundheitsämter bei der Nachverfolgung umso schneller an ihre Grenzen. Gesundheitsministerin Huml versucht mit der Strategie, Hilfskräfte in die Hotspots zu schicken, Abhilfe zu schaffen.

    Die CSU-Politikerin sagt, es sei "sicherlich nicht ganz einfach" bei der hohen Anzahl an Fällen, die Kontaktverfolgung aufrechtzuerhalten. Man stocke das Personal nach Möglichkeit auf, um das zu gewährleisten.

    Mangelnde Meldemoral bei Kontaktpersonen

    Rita Röhrl, Landrätin im Landkreis Regen, bemängelt die Meldemoral von Infizierten mit dem Coronavirus. 40 Prozent des Infektionsgeschehens in ihrem Landkreis sei diffus, sagt die SPD-Politikerin. Die Gesundheitsämter wüssten nicht, woher diese Ansteckungen kämen.

    Der Verdacht liege nahe, dass Infizierte ihre Kontaktpersonen nicht vollständig angegeben hätten, sagt die Landrätin. Das könne einerseits sein, weil sie damit die Kontaktpersonen vor der Quarantäne schützen wollten oder weil sie den Kontakt als zu flüchtig eingeschätzt hätten. Anders sei das nicht erklärbar, so Röhrl.

    Im Frühjahr hatte Röhrl zufolge jeder positiv Getestete im Schnitt bis zu zehn Kontaktpersonen angegeben. Aktuell gebe es Infizierte, die nur drei oder vier Kontaktpersonen nennen würden. Wenn jemand berufstätig und draußen unterwegs sei, dann seien diese Zahlen unrealistisch.

    Diffuse Ansteckungen

    Aktuell überträgt sich laut der Virologin Protzer das Virus bei Menschen meistens eins zu eins oder eins zu zwei. Das komme durch persönliche Kontakte zu Stande. Als Beispiel nennt Protzer eine Situation, in der man nur kurz jemandem eine ausgeliehene Schüssel zurückgebe - da setze man häufig keine Maske auf, da man ja nur kurz bei jemandem vorbeischaue. Ein weiterer Grund ist laut Protzer eine Ansteckung am Arbeitsplatz.

    Es gibt über diese Bereiche hinaus weitere Faktoren, für die hohen Zahlen in Bayern. Dazu zählen unter anderem, wie überall in Deutschland, die wachsenden Fallzahlen in Pflegeheimen, die auch aufgrund von fehlenden Schnelltests ihre Vorsorgestrategien oft nicht umsetzen können. Abschließende Untersuchungen für die gesamten Einflussfaktoren gibt es aber nicht.

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