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Symbolbild: Hund
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Jasper Ruppert
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Symbolbild: Hund

Es waren Kinder, die das Tier fanden: eine Python, vier Meter lang, ohne Kopf. Jemand hat offenbar mit einer Axt den Kopf der Schlange abgetrennt und den Kadaver am Ortsrand von Ahorn im Landkreis Coburg abgelegt. Die Polizei hat inzwischen einen Tatverdächtigen festgenommen.

Messerangriff auf Schafe

Es ist nicht der einzige Fall von Tierquälerei, der zuletzt Aufmerksamkeit erregte: In Osterhofen im Landkreis Deggendorf hat ein 23-Jähriger mit einem Messer auf Schafe eingestochen. Fünf Tiere starben, drei weitere wurden schwer verletzt.

In Bayerischen Wald wurden zuletzt mehrfach Greifvögel vergiftet, im mittelfränkischen Haundorf steckte jemand ein lebendes Huhn in einen Plastiksack. All das sind Fälle aus den letzten zwei Wochen. Regelmäßig gibt es Meldungen über Giftköder für Hunde in bayerischen Städten. Bei zwei geköpften Rehen im Raum Schweinfurt kann ebenfalls die Gewalttat eines Menschen nicht ausgeschlossen werden.

850 Verstöße gegen das Tierschutzgesetz

2017 gab es in Bayern 850 Fälle von Verstößen gegen das Tierschutzgesetz, wie das bayerische Innenministerium auf BR-Anfrage mitteilte. Laut dem Gesetz macht sich derjenige strafbar, "wer ein Wirbeltier ohne vernünftigen Grund tötet (strafbare Tiertötung) oder ihm erhebliche Schmerzen oder Leiden zufügt". 63 Prozent der Fälle aus 2017 wurden aufgeklärt. Im Jahr 2016 wurden in Bayern 181 Menschen wegen Straftaten nach dem Tierschutzgesetz verurteilt.

Die Fälle der jüngsten Vergangenheit deuten darauf hin, dass es in diesem Jahr zu mehr Gewalt gegen Tiere kommt. "Aktuell ist ein Trend zum Anstieg der Fallzahlen zu beobachten", teilte auch das Innenministerium mit. Jedoch sei eine belastbare Aussage erst möglich, wenn die Statistik für 2018 vorliegt.

Was die Motive für Tierquälerei sein können

Für die allermeisten Menschen ist es unerklärlich, warum jemand gewalttätig gegenüber Tieren ist. "Es gibt eine große unterschiedliche Motivlage für Tierquälerei", erklärt Psychologin Dr. Andrea Beetz. In der Forschung werden fünf zentrale Ursachen genannt: Aggressionsabbau, Überforderung, Unterlassung, Berechnung - und der für die Gesellschaft gefährlichste Grund: Sadismus.

Beim Aggressionsabbau nutzten Menschen Tiere als Blitzableiter, als Ventil, um Frust abzubauen. Sie treten demnach beispielsweise eine wehrlose Katze oder schlagen einen Hund mit der Zeitung. Das kann einem Menschen impulsiv einmalig passieren; äußerst bedenklich wird es allerdings, wenn es zur Gewohnheit wird.

Diplom-Psychologin Dr. Andrea Beetz ist Dozent an den Universitäten Rostock und Wien und Expertin in der Forschung zur Mensch-Tier-Beziehung.

Diplom-Psychologin Dr. Andrea Beetz ist Dozent an den Universitäten Rostock und Wien und Expertin in der Forschung zur Mensch-Tier-Beziehung.

Auch Überforderung und Unterlassung sind Tierquälerei

Wenn Überforderung die Ursache ist, kommen Experten zufolge die Halter häufig nicht mit dem Verhalten des Haustieres zurecht. Training von Besitzer und Tier in Hundeschulen kann dabei helfen. Bei Unterlassung ist es meistens so, dass die Tiere weder richtig gefüttert noch gepflegt werden - die Halter sehen dabei die Notwendigkeit nicht oder nicht mehr.

Wenn Menschen Giftköder legen, gehört das zum Motiv der Berechnung. Dabei leben die Täter ihren Hass gegen Tiere aus, beispielsweise, wenn sie den bellenden Nachbarshund quälen wollen. Aber auch Abneigung gegen den Halter kann der Grund sein.

Warum Sadismus das beunruhigendste Motiv ist

Bei manchen Tätern herrscht schlicht eine Freude am Quälen vor. "Dieses Quälen und dieses Leiden der Tiere bringt den Tätern Befriedigung", sagt Psychologin Beetz. Es geht dabei - da sind sich Psychologen einig - fast immer um ein Gefühl der Überlegenheit gegenüber einem wehrlosen Lebewesen.

Wenn eine sadistische Neigung die Ursache für Tierquälerei ist, gibt es eine weitere Gefahr: "Gewalt gegen Tiere steht meistens nicht allein, sondern gibt Hinweise auf mögliche Gewalt gegen Menschen", so Beetz. Oder wie Tierschutzorganisation PETA in einer Broschüre für Polizeibeamte schreibt: "Menschen, die Tiere quälen, belassen es selten dabei."

Ein frühes Warnzeichen für virtuelle Mörder?

Ein ganzes Forschungsfeld beschäftigt sich inzwischen mit der Verbindung von Gewalt gegen Tiere zu Gewalt gegen Menschen. Eine Studie der Universität Massachusetts ergab beispielsweise, dass Menschen, die Tiere quälen, fünfmal wahrscheinlicher Gewalt gegenüber Menschen ausüben können.

Besonders bei Kindern und Jugendlichen sollte man es deswegen genau untersuchen, wenn es zu solch einem Verhalten kommt. "Tierquälerei ist eines der frühesten Warnzeichen, das man finden kann", erklärt Beetz. Untersuchungen des FBI in den USA haben ergeben, dass eine große Anzahl verurteilter Mörder in ihrer Kindheit Tiere gequält haben. Das heißt natürlich nicht, dass jeder, der im Kindesalter Tiere quält, später auch Gewalt gegenüber Menschen ausübt. In jedem Fall kann es aber auf eine psychische Störung hinweisen.

Tierquälerei als Teil häuslicher Gewalt

Ein weiterer Rahmen, in dem Tierquälerei stattfindet, ist häusliche Gewalt. "Da werden Tiere gequält oder bedroht, um zum Beispiel ein Kind oder die Partnerin zum Schweigen zu bringen", beschreibt Beetz das Motiv. "Das funktioniert leider auch recht gut: Wenn man das Heimtier bedroht, dann halten meistens Kinder und Frau den Mund, wenn Gewalt in der Familie vorherrscht."

In vielen Städten in den USA hat sich deswegen ein Vorgehen etabliert, so die Psychologin: "Wenn ein Fall von Tierquälerei angezeigt wird und es leben Kinder im Haushalt, dann geht immer der Kinder- und Jugendschutz mit rein - zusätzlich zum Tierschutz und der Polizei." Die Psychologin Beetz wünscht sich, dass man diese Praxis auch in Deutschland einführen würde.