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Warum Obdachlose nicht in Wohnheimen schlafen | BR24

© BR/Birgit Grundner

Obdachlose sollen nicht im Freien hausen – das zumindest fordert die Stadt München. Schließlich gebe es auch Unterkünfte für sie. Doch viele Wohnungslose wollen dieses Angebot nicht wahrnehmen. Eine schwierige Gratwanderung.

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Warum Obdachlose nicht in Wohnheimen schlafen

Obdachlose sollen nicht im Freien hausen – das zumindest fordert die Stadt München. Schließlich gebe es auch Unterkünfte für sie. Doch viele Wohnungslose wollen dieses Angebot nicht wahrnehmen. Eine schwierige Gratwanderung.

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Die Nacht war kalt. Trotzdem haben sicher wieder Menschen draußen geschlafen. In den Städten rollen sie dünne Matten im Eingang von Läden aus oder liegen unter Vordächern. Dass Obdachlose im Winter gemeinsam unter Brücken wohnen oder sich Lager bauen, lässt die Stadt München nicht zu.

Das Argument: Sie könnten ja auch in eine der Unterkünfte für Wohnungslose gehen. Doch viele wollen das nicht - auch weil sie Schlechtes über die Heime hören und eine feste Vorstellung davon haben, wie es dort zugeht. Hinzu kommt, dass die Einrichtungen Regeln aufstellen müssen, doch zu viele Regeln schrecken ab.

Viele Obdachlose haben falsches Bild von Wohnheimen

Im Wohnhaus des katholischen Männerfürsorgevereins an der Pilgersheimer Straße gelten für die Bewohner genaue Regeln. Alkohol zum Beispiel ist tabu. Und auch auf dem Gang schlafen darf man dort nicht. "Wegen dem Brandschutz", sagt Hans-Peter Tilliss, stellvertretender Leiter.

Das Bild, das viele von so einer Einrichtung haben, ist freilich ein anderes, weiß Tilliss: "Die meinen immer noch, im Männerheim geht es ganz schlimm zu: Mord, Totschlag, Chaos. Doch das ist nicht so. Abends ist es still. Die Leute sitzen in ihren Zimmern oder im Fernsehraum." Dass man in solche Einrichtungen am besten nicht gehen sollte, sitze in den Köpfen mancher Obdachloser fest.

Räumung von Obdachlosenlager in München

Vor gut zwei Wochen hat die Stadt München die Lager unter zwei Brücken räumen lassen – vor allem aus Sicherheitsgründen, wie betont wurde. Man wolle die Menschen schützen: vor Überfällen, Hochwasser und Kälte. Die Aktion war vorher angekündigt worden, die Obdachlosen wurden verwiesen auf "Einrichtungen der Sofortunterbringung", wie das im Amtsdeutsch heißt.

Doch nicht für alle ist das eine Alternative: "Aus Überzeugung gehe ich in keine Pension, ich teile keinen Wohnraum mit anderen", so ein Obdachloser.

Andere behaupten, dass in den Einrichtungen gestohlen wird. Und Hans-Peter Tilliss hat sogar schon das Gerücht gehört, dass man in seinem Wohnheim an der Pilgersheimer Straße geschlagen wird. Tilliss dazu: "Das sind oft Schutzbehauptungen, leider, um nichts an der eigenen Situation verändern zu müssen. Das ist für manche Leute sehr schwierig."

Fünf Euro pro Nacht für ein warmes Bett

Wer sich für das Wohnheim entscheidet, kann für fünf Euro pro Nacht eines der 179 Betten beziehen. Doch: "Wer sich komplett danebenbenimmt, bekommt Hausverbot – für viele eine furchtbare Vorstellung", sagt Tilliss.

Es gibt sogar eine Arztpraxis im Haus und einen sozialen Beratungsdienst. Denn auch wenn manche viele Monate bleiben: Eine Dauerlösung soll das Wohnheim nicht sein. Trotzdem ist es ist eine gute Überbrückungsmöglichkeit, findet einer der Bewohner. Wie vielen anderen sieht man ihm nicht an, dass er gerade kein eigenes Zuhause hat. Die Kleidung ist gepflegt, das Haar akkurat gescheitelt und sein Auftreten höflich.

"Das Essen ist gut. Ich war im Krankenstand und habe vorübergehend Unterschlupf gesucht. Es ist sehr sauber und sehr gepflegt", berichtet der Bewohner.

Besonders im Winter wird niemand im Heim abgewiesen

Über die Jahre hat sich die Klientel verändert: Mehr Männer mit Migrationshintergrund kommen in die Einrichtung, die Tilliss betreut. Oder Asylbewerber mit Duldung, aber ohne Aussicht auf eigene Wohnung. Genauso wie Südosteuropäer, die merken, dass ihr Lohn als Reinigungskraft oder Tellerwäscher nicht ausreicht. Tilliss sagt: "Das ist ihnen oft nicht klar zu machen. Jemand, der Geld hat, kann wunderbar in München leben. Aber ohne Geld ist es schwieriger als in anderen Städten."

Im Haus an der Pilgersheimer Straße wird nach Möglichkeit niemand abgewiesen. Jetzt im Winter erst recht nicht, betont Hans-Peter Tillies. Und: In München sei schon jahrelang niemand mehr erfroren.