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© BR/Julia Müller

Pflege in der Corona-Krise

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Warum manche Pflegeheime gut durch die Corona-Krise kommen

Während sich manche Pflegeheime zu Corona-Hotspots entwickeln, sind andere kaum betroffen. Die entscheidende Frage ist, ob das nur Glück ist, oder ob es dafür Gründe gibt. Noch fehlen breite Studien. Doch drei Gründe scheinen entscheidend.

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Bevor Siegfried Huber auf eine Frage antwortet, macht er oft eine kleine Pause. Der Leiter des Heilig-Geist-Stifts in Dillingen wählt seine Worte mit Bedacht und Sorgfalt. Und genauso scheint er auch das Senioren- und Pflegeheim durch die Corona-Krise zu führen.

Neues Personal für Corona-Schnelltests

Schon im Frühjahr hat er die angeschlossene Kapelle in einen Besuchsort umgewandelt, um das Infektionsrisiko zu minimieren. Und auch jetzt tut er mehr als vorgeschrieben. Das Beispiel Schnelltests: Huber hat zwei neue Mitarbeiterinnen eingestellt, die sich eigens darum kümmern. Zudem wurden auch die Leiterinnen der Wohnbereiche geschult, um auch am Wochenende Schnelltests anbieten zu können.

Allen Besuchern werden diese Tests ans Herz gelegt, bevor sie zu ihren Angehörigen können. Genauso ist es beim Mund-Nasen-Schutz. Besucher, die keine FFP2-Masken dabeihaben, bekommen diese vom Stift. Ebenso Schutzanzüge. Die kann man auch waschen, sagt Huber. Umweltschutz sei ja auch wichtig.

Warum Besuch so wichtig ist

Keine Besucher mehr ins Haus zu lassen, ist für Huber definitiv keine Option. "Es ist gerade für Bewohner mit Demenz ganz wichtig, dass sie ihre engsten Angehörigen regelmäßig zu Gesicht bekommen", sagt Huber. Während des Lockdowns im Frühjahr haben er und sein Team die bittere Erfahrung gemacht, dass demenzkranke Bewohner ihre Liebsten schon nach wenigen Wochen nicht mehr erkannt haben.

Das sieht auch Michael Isfort so. Er ist Professor am Deutschen Institut für angewandte Pflegeforschung. "Ein vollständiges Abschotten der Pflegeheime ist hochproblematisch, wenn man bedenkt, dass von den Bewohnern im Schnitt 60 bis 70 Prozent von Demenz betroffen sind. Deren Situation würde sich abrupt verschlechtern", warnt Isfort.

Kritik an RKI-Richtlinie

Für den Forscher ist entscheidend, dass wie im Fall des Heims in Dillingen genügend Personal zur Verfügung steht. Nur dann könne ein entsprechendes Hygiene-Konzept auch in die Tat umgesetzt werden. Viele Heime hätten dieses Personal aber nicht. Der Personalmangel sei bereits vor der Krise chronisch gewesen und setze das System nun unter enormen Stress. Einzelne Heime seien total überfordert. Für Hygiene und der Organisation von Tests müsste Personal abgestellt werden, das schlichtweg nicht da sei.

Und dann ist da das Problem mit infiziertem Personal. Das Robert-Koch-Institut erlaubt im Notfall auch deren Einsatz, unter der Bedingung, dass infizierte Pflegerinnen FFP2-Masken tragen und nur infizierte Bewohner betreuen. "Diese Empfehlung des RKI würde ich zu keinem Zeitpunkt umsetzen“, so Isfort. "Das ist Theorie, das hat mit der Praxis in Pflegeeinrichtungen nicht zu tun. Das kann man vielleicht in der Infektiologie eines Krankenhauses umsetzen."

Plakate in den Heimen

Isfort zufolge mehren sich die Hinweise, dass Heime stärker von dieser Regelung Gebrauch machen. "Ich habe selber mit mehr als 400 Studierenden zu tun, die selber in Einrichtungen arbeiten. Dort hängen teils Plakate, auf denen es heißt: 'Wenn Du positiv getestet bist, heißt das nicht, dass du auf jeden Fall zu Hause bleiben musst.' Oder eben: 'Wenn du einen kritischen Fall im Umfeld hast, heißt das nicht, dass du automatisch in Quarantäne musst, sondern komm bitte weiter arbeiten.' Eigentlich muss darüber aber das Gesundheitsamt entscheiden."

Die Gesundheitsämter seien jedoch auch anderweitig gefordert, sagt Isfort. Sie müssten zum einen die Hygiene-Konzepte der Heime prüfen. Und zum anderen Engagement zum Wohl der Pflegeheime zeigen: "Manchmal entscheidet es sich am Auto-Kennzeichen einer Pflegerin, ob sie getestet wird oder nicht. Wenn sie aus einem anderen Landkreis kommt, würden manche Ämter sie eben nicht testen." Solche Kleinigkeiten können dann den Unterschied ausmachen, ob es zu einem Ausbruch kommt oder nicht.

Drei Kriterien könnten entscheiden

Siegfried Huber aus Dillingen weist aber noch auf einen weiteren Punkt hin: Es ist entscheidend, Bewohner und Angehörige mitzunehmen und ihnen immer wieder den Sinn der Hygiene-Maßnahmen zu erklären. Nur dann könnten die Konzepte auch funktionieren. Vor allem auf lange Sicht sei das entscheidend, so Huber. Er rechnet damit, dass die Lage noch über Monate hinweg kritisch bleibt. Sein Team würde täglich sein Bestes geben.

Drei Gründe scheinen also entscheidend zu sein, um gut durch die Krise zu kommen: Erstens Engagement und genügend Personal in den Heimen, um die Hygiene-Maßnahmen auch umsetzen zu können. Zweitens ein gutes Zusammenspiel mit den Gesundheitsämtern. Und drittens Angehörige, die die Maßnahmen auch mittragen.

Nur eines, das jede Heimleitung derzeit dringend braucht, hat er nicht in der Hand, sagt Siegfried Huber: "Man braucht auch ein bisschen Glück."

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