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Der Anteil der Einwohner, die in Bayern mindestens einmal geimpft wurden, ist niedriger als in anderen Bundesländern.

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    Warum ist Bayerns Impfquote so niedrig?

    Bayerns Impfquote liegt seit einigen Wochen deutlich hinter der anderer Bundesländer zurück. Wird zu wenig Impfstoff geliefert? Funktioniert die Verteilung im Freistaat nicht? Zahlen und mögliche Ursachen zum langsamen Impffortschritt in Bayern.

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    Von
    • Claudia Kohler

    Jeder zweite Einwohner Bayerns hat mindestens eine Impfdosis gegen das Corona-Virus erhalten. Verglichen mit anderen Bundesländern findet sich Bayern damit auf den hintersten Plätzen: Am 28. Juni belegte der Freistaat mit einer Impfquote von 50,9 Prozent (mindestens einmal Geimpfte) den vorletzten Platz. Der Durchschnitt der Länder liegt bei 53,6 Prozent. Spitzenreiter bei den Impfungen sind Bremen (61,6 Prozent), Schleswig-Holstein (57,5 Prozent), das Saarland (57 Prozent) und Nordrhein-Westfalen (55,9 Prozent). Die folgende Grafik zeigt, wie sich die Quoten dieser Bundesländer im Vergleich zu Bayern entwickelt haben:

    Grafik: Aktuelle Zahlen zur Impfung in Deutschland

    Es wird deutlich: Bayern wurde erst kürzlich "abgehängt", die Entwicklung des Impffortschritts flachte vor allem in den vergangenen Wochen ab. Wie kommt das?

    Mangelware Impfstoff: Söder fordert gerechte Verteilung unter den Bundesländern

    Ein möglicher Grund könnte sein, dass immer noch zu wenig Impfstoff in Bayern ankommt. Schon zu Beginn der Impfkampagne ärgerte sich Bayerns Gesundheitsminister Klaus Holetschek darüber, dass die zugesagten Mengen nicht eintrafen. Die Verteilung der nach Deutschland gelieferten Impfdosen auf die Bundesländer, für die der Bund zuständig ist, folgt einem komplexen System – das Grundprinzip ist aber, dass die Bundesländer Impfstoff entsprechend ihrem Bevölkerungsanteil zugeteilt bekommen.

    Diese Grundidee wird scheinbar nicht konsequent eingehalten. So hat etwa (Stand: 28. Juni) das Saarland pro 100.000 Einwohner 104.500 Impfdosen erhalten, Bayern lediglich 95.500. Ministerpräsident Markus Söder äußerte nach dem bayerischen Impfgipfel seinen Unmut darüber, dass Bayern weniger Impfdosen erhalten habe, als andere Bundesländer. "Wir brauchen mehr Impfstoff, auch in der Verteilung der Bundesländer", so Söder. Die Verteilungsgerechtigkeit müsse erhöht werden, jedes Bundesland müsse auf 100.000 Einwohner gleich viel Impfstoff bekommen. Auf Anfrage des BR teilte eine Sprecherin des Bayerischen Gesundheitsministeriums mit, dass Bayern mit den vom Bund insgesamt gelieferten Impfdosen im Durchschnitt maximal Platz sieben bei den Impfungen erreichen könne. "Deutlich mehr als Platz sieben ist aufgrund der bisherigen Liefermenge kaum möglich."

    Zweitimpfungen und Pfingstferien bremsen die Erstimpfungen aus

    Das Ministerium nennt aber auch noch andere Gründe für die Entwicklung: So hätte man bei den Impfquoten in Bayern eine Art Pendelbewegung. Im Zeitraum der 21. bis 23. Kalenderwoche (Ende Mai bis Mitte Juni) habe es in Bayern vermehrt Zweitimpfungen gegeben. Derzeit gebe es wieder vermehrt Erstimpfungen und in sechs Wochen würden es voraussichtlich wieder mehr Zweitimpfungen sein. Tatsächlich steht Bayern bei der Quote der vollständig Geimpften mit 35,2 Prozent auf Platz 6 im Bundesländervergleich – nur knapp unter dem Bundesdurchschnitt von 35,4 Prozent.

    Besonders vor dem Hintergrund der sich auch in Bayern ausbreitenden Delta-Variante sei der vollständige Impfschutz wichtig, sagt die Ministeriumssprecherin. Gegen diese Mutante biete eine erste von zwei Impfdosen deutlicher weniger Schutz als gegen andere Corona-Varianten. Außerdem sei zu berücksichtigen, dass während der Pfingstferien rund 240.000 Impfungen weniger stattgefunden haben als vor oder nach den Ferien.

    Bayern verimpft langsamer als andere Bundesländer

    Impfstoffmangel und Schwankungen aufgrund von Ferien und vermehrten Zweitimpfungen sind also zwei Gründe für Bayerns schlechtes Abschneiden im Ländervergleich. Ein weiterer Grund könnten Schwierigkeiten im Verteilweg der Impfdosen innerhalb Bayerns sein. Vergleicht man die Verimpfungsquoten der Bundesländer – also wie viele der bisher gelieferten Impfdosen bereits verabreicht wurden – liegt Bayern auch hier auf einem der hinteren Plätze (Stand: 28. Juni):

    Grafik: Bisher gelieferte und verabreichte Corona-Impfdosen in den Bundesländern

    Zur Verimpfungsrate gibt es von offizieller Seite widersprüchliche Aussagen: Eine Sprecherin des bayerischen Gesundheitsministeriums teilte auf BR-Anfrage mit, dass "die Impfstoffe in Bayern immer mit hoher Geschwindigkeit verimpft werden". Dagegen sagte Ministerpräsident Markus Söder am 28. Juni, dass insgesamt 13 Prozent des gelieferten Impfstoffs in Bayern noch nicht verimpft worden sei und dass diese Quote unbedingt vollständig aufgelöst werden müsse. "Es kann immer einen kleinen Überhang geben, zwischen Eingabe und Ausgabe und Organisation, aber das kann nicht sein."

    Liegen die Probleme im bayerischen Verteilsystem?

    Der bayerische Gesundheitsminister Klaus Holetschek sieht den Unterschied zum Teil in den Abläufen bzw. der Logistik begründet. Laut Holetschek gebe es etwa verschiedene Auslieferungsdaten bei Impfzentren und verschiedene "Läufe, wann was verimpft wird". Diese Steuerung trage dazu bei, dass die Zahlen etwas unterschiedlich seien, als in anderen Bundesländern. Es habe aber nichts mit einem Strukturproblem im Kern zu tun.

    Markus Söder hingegen bezeichnete das System der Auslieferungen an die Impfzentren, an den Großhandel und an die Betriebsärzte als "nicht sehr transparent". Er gab als Ziel aus, dieses System besser zu organisieren. Vor allem solle es leichter möglich sein, Impfdosen zwischen den Impfstellen auszutauschen. "Es darf kein Impfstoff übrig bleiben", so Söder. Sollten etwa Ärzte oder Praxen Impfstoffe nicht benötigen oder abrufen, solle dies künftig gemeldet werden, damit das Vakzin dann an die Impfzentren weitergegeben werden könne.

    Astrazeneca und Johnson am wenigsten verimpft

    Auffällig ist, wie sich die gesamte Verimpfungsrate von 87 Prozent (stand: 28. Juni) auf die einzelnen Impfstoffe verteilt. Die folgende Grafik schlüsselt dies auf:

    Grafik: Welche Corona-Impfstoffe wurden bisher verabreicht?

    Es ist deutlich zu sehen, dass die von Markus Söder angesprochenen 13 Prozent sich nicht gleichmäßig aus den verschiedenen Impfstoffen zusammensetzen: Während die Biontech-Impfdosen fast vollständig verimpft werden, sind es beim Hersteller Johnson&Johnson nur etwas mehr als die Hälfte. Auch vom Astrazeneca-Impfstoff ist noch fast ein Drittel unverimpft (Stand: 28. Juni).

    Es ist aktuell vom Bund nicht vorgesehen, dass Impfdosen für die Zweitimpfungen zurückgelegt werden - das stellt also keine Erklärung dar. Vielmehr könnte es sein, dass es gegen die Vektorimpfstoffe von Johnson&Johnson und Astrazeneca noch immer Vorbehalte in der Bevölkerung gibt. So gab es am vergangenen Wochenende in Memmingen eine offene Impfaktion mit Astrazeneca, bei der jedoch nur zehn Prozent des angebotenen Impfstoffes verimpft wurde. Es waren schlicht zu wenig Menschen gekommen.

    Peter Aurnhammer, Apotheker in Ismaning, sagte dem BR im Interview, dass Astrazeneca auch in den Arztpraxen nicht sehr begehrt sei. "Da bekommen die Ärzte, was sie wollen, aber das wollen halt oft die Patienten nicht." Markus Söder stellt fest, dass der Impfstoff von Astrazeneca "nicht weg wie warme Semmeln" gehe - obwohl er, so betont der Ministerpräsident, ein sehr guter Impfstoff sei.

    Sorge vor abnehmender Impf-Bereitschaft

    Hinzu komme, sagt Söder, dass auch generell ein gewisser Dämpfer in der Impfbereitschaft festzustellen sei. "Wir spüren bei dem einen oder anderen eine gewisse Müdigkeit beim Impfen." Um dem Ganzen entgegenzusteuern, müsse es neue Anreize geben.

    Söder nennt als Beispiele etwa die bayernweite Impfkampagne "Ich tu’s für", spezielle Impfangebote für Studenten und die Aufhebung der Impfpriorisierung in den Impfzentren, die am 28. Juni bekannt gegeben wurde. Aber auch mögliche Kreuzimpfungen, etwa mit Astrazeneca und Moderna, könnten laut Söder dazu beitragen, die Impfbereitschaft mit Astrazeneca zu erhöhen, da so unter anderem die Abstände zwischen den zwei Impfungen gesenkt werden könne.

    Klaus Holetschek rief in diesem Zusammenhang die Ständige Impfkommission (Stiko) auf, sich zum Thema Kreuzimpfungen mit zwei verschiedenen Impfstoffen klarer zu positionieren. Zudem seien Kreuzimpfungen unter Umständen für Auffrischungen etwa bei Bewohnern von Seniorenheimen laut Virologen eine denkbare Alternative.

    Keine Daten dazu, wo die Impfquoten besonders niedrig sind

    Ob das Problem in allen Landkreisen und Städten gleichermaßen groß ist und wo es die niedrigsten Impfquoten gibt, kann nicht dargestellt werden. Das Bayerische Gesundheitsministerium stellt nach wie vor keine Daten zu den Impfungen auf Landkreisebene für die Berichterstattung zur Verfügung. Dabei begründete Gesundheitsminister Klaus Holetschek am 17. Juni Sonderlieferungen an Impfzentren in 28 Landkreise damit, dass die Impfquoten der Ärzte in diesen Gebieten zu niedrig seien.

    Die Kassenärztliche Vereinigung Bayerns (KVB) kritisierte bereits am 6. Mai in einem Statement, dass es in der Entscheidungshoheit des Bayerischen Gesundheitsministeriums liege, eine Gesamtschau zu erstellen und öffentlich zu machen. Dem Gesundheitsministerium lägen alle Zahlen vor. Der Verband schreibt, er finde es bedauerlich, dass "mittlerweile verstärkt Politik mit den angeblich unterschiedlichen Impfmengen in den einzelnen Regionen im Freistaat gemacht" werde. "Durch die fragwürdige Interpretation unterschiedlicher Zahlen aus verschiedenen Quellen wird unnötig Misstrauen gesät."

    Grafik: Zahlen zur Corona-Impfung in Bayern und Deutschland

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