Zurück zur Startseite
Bayern
Zurück zur Startseite
Bayern

Warum die Behörden Hygienemängel lieber verschweigen | BR24

© BR

Die Lebensmittelüberwachung in Bayern ist Sache der Landratsämter und Städte. Was die Kontrolleure in den Betrieben feststellen, erfährt der Verbraucher aber in der Regel nur bei Gesundheitsgefahr.

Per Mail sharen
  • Artikel mit Audio-Inhalten

Warum die Behörden Hygienemängel lieber verschweigen

Was Lebensmittelkontrolleure in Betrieben feststellen, erfährt der Verbraucher in der Regel erst, wenn Gesundheitsgefahr besteht - nicht, wenn es "nur" eklig ist. Doch warum werden Hygienemängel von Behörden lieber verschwiegen?

Per Mail sharen

Am Anfang war die Nudel: 1985 warnte das Stuttgarter Regierungspräsidium vor dem Verzehr von Birkel-Eiernudeln. Bei der Herstellung sollen befruchtete und bebrütete Eier eine unappetitliche Rolle gespielt haben. Es war der Beginn eines der größten Lebensmittelskandale Deutschlands und wurde das "Birkel-Trauma". Unternehmer Klaus Birkel ging vor Gericht. Der Prozess endete mit einem Paukenschlag.

Das Stuttgarter Landgericht sah in der Warnung der Verbraucher eine "Amtspflichtverletzung" der Behörden, schließlich habe keine Gesundheitsgefahr bestanden. Der inzwischen verstorbene Nudelfabrikant erstritt vom Land Baden-Württemberg fast 13 Millionen Mark Schadensersatz.

Behörden haben Angst, vor Gericht zu landen

Birkel gehört heute zu einem italienischen Nudelhersteller. Der Skandal steht damit nicht nur für den Siegeszug italienischer Hartweizen-Pasta in Deutschland, sondern auch für ein Behörden-Trauma: Die Angst, vor Gericht zu landen, weil Verbraucherinformationen Unternehmen schädigen und Arbeitsplätze kosten können.

"Natürlich haben die Behörden Angst vor Schadensersatzforderungen, aber diese Angst darf nicht der Grund sein, dass man die Verbraucher nicht informiert." Florian von Brunn, verbraucherpolitischer Sprecher der SPD im bayerischen Landtag

Die Lebensmittelüberwachung in Bayern liegt in den Händen der Landratsämter und kreisfreien Städte. Die schicken ihre Kontrolleure in Gaststätten und Kantinen, zu Lebensmittelhändlern und auf Märkte, in Bäckereien und Metzgereien. Seit dem 1. Januar 2018 gibt es auch noch eine Spezialbehörde, angesiedelt in Kulmbach, die für die Überwachung der 600 überregional tätigen Lebensmittelbetriebe in Bayern zuständig ist.

Lebensmittelskandale in Bayern - eine Chronologie

Und doch passiert oft genau das, wie sich an der starren Chronologie moderner Hygieneskandale ablesen lässt: Der Betrieb schlampt, das Amt kontrolliert und stellt Hygiene-Mängel fest. Wenn es "nur" eklig ist, erfahren die Verbraucher erstmal nichts.

2004 stießen die Behörden auf ekelerregende Zustände bei einem Wildfleisch-Großhändler in Passau: Gammeliges, ungenießbares Fleisch, Etikettenschwindel. Doch es mussten viele Tonnen Hasenschlegel, Rehrücken, Fasanenbrust und Hirschgulasch fragwürdiger Qualität verzehrt werden, ehe 2006 das Verbraucherschutzministerium eine Rückrufaktion startete und der damalige Minister Werner Schnappauf versprach, aufzuklären.

Ab 2010 verschwiegen die Behörden im Landkreis Freising Hygienemängel in einer Brotfabrik. Vorgefunden wurden Verschmutzungen auf Förderbändern, in Gärkammern und Lüftungsschächten. Auch eine tote Maus wurde entdeckt.

"Wüsste der Verbraucher dies, dann hätte er das so nicht gekauft"

Andreas Zapf, Präsident des Landesamtes für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit und damit oberster Lebensmittelkontrolleur Bayerns, sagte später im Landtag: "Wüsste der Verbraucher dies, dann hätte er das so nicht gekauft." Doch der Verbraucher erfuhr das alles erst durch Reporter des Bayerischen Rundfunks Anfang 2012 - zwei Jahre später.

Im gleichen Jahr scheiterte in Bayern und anderen Bundesländern der Vorstoß, einen Hygienepranger im Internet einzuführen. Vor allem Wirte klagten gegen die Veröffentlichung von Verstößen. "Es gab einige Verwaltungsgerichtsentscheidungen, die das in Frage gestellt hatten mit der Veröffentlichung. Das ist nicht mit der Verfassung vereinbar. Einige Bundesländer haben weiter veröffentlicht. Bayern allerdings nicht", so Florian von Brunn.

Zwischenzeitlich wurde es still um die Hygienemängel in Lebensmittelbetrieben.

Bayern-Ei-Skandal: Verseuchte Eier in halb Europa

Im Bayern-Ei-Skandal waren es 2014 der BR und die Süddeutsche Zeitung, die öffentlich machten, dass wegen mit Salmonellen verseuchten Eiern aus Bayern in halb Europa Menschen schwer erkrankten.

Die Verbraucherorganisation Foodwatch warnte 2017 vor Ekelbrot in mehreren bayerischen Bäckereien und 2018 vor Hygienemängeln in einer Landsberger Wurstfabrik.

Im März 2019 deckte der Bayerische Rundfunk auf, dass im Raum Freising und Dachau Speisefische mit Malachitgrün belastet sind. Verbraucherschutzminister Thorsten Glauber von den Freien Wählern erklärte dazu Anfang März schriftlich: "Transparenz für die Verbraucher ist ein hohes Gut. Mir ist wichtig, dass die zuständigen Behörden die Verbraucher informieren, wenn das gesetzlich möglich ist. Das Handeln der Behörden muss auch vor Gericht bestehen können."

Behörden warnen, wenn Gesundheitsgefahr besteht

Mit anderen Worten: Sie warnen, wenn sie müssen, also bei Gesundheitsgefahr. Im Mai 2016 war das der Fall. Das Bayerische Verbraucherschutzministerium stoppte Produktion und Verkauf von Produkten der Großmetzgerei Sieber aus dem oberbayerischen Geretsried, warnte vor dem Verzehr der Waren.

Bereits zehn Tage später meldete der Betrieb Insolvenz an. Der Insolvenzverwalter klagte darauf vor dem Landgericht München 1 auf Schadensersatz. Der Prozess steht vor dem Abschluss und Beobachter halten es für wahrscheinlich, dass der Freistaat verurteilt wird.