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Warum die Abbrecherquote in der Pflegeausbildung so hoch ist | BR24

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12.000 Pflegekräfte fehlen in Bayern laut der Gewerkschaft Verdi derzeit. Ein Grund: Jeder vierte Pflegeazubi bricht die Ausbildung ab. Zudem wollen immer weniger junge Alten-, Kranken- und Kinderkrankenpfleger ihren erlernten Beruf auch ausüben.

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Warum die Abbrecherquote in der Pflegeausbildung so hoch ist

An bayerischen Kliniken sind derzeit laut verdi etwa 12.000 Stellen für Pflegekräfte unbesetzt. Doch immer weniger junge Leute schließen eine Ausbildung als Alten-, Kranken- oder Kinderkrankenpfleger ab, jeder vierte Pflege-Azubi bricht sogar ab.

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Oft geht es ja ums liebe Geld: Doch in der Pflegeausbildung ist das zumindest für die meisten Azubis nicht das Problem. Denn in der Pflege bekommen sie eine bessere Ausbildungsvergütung als in so manch anderer Branche - zwischen 1040 Euro im ersten und 1200 Euro im zweiten Ausbildungsjahr. "Das Problem sind die Ausbildungsbedingungen und dass Praxis und Theorie oft weit auseinanderklaffen", sagt Diana Sgolik, Verdi- Jugendkoordinatorin für Gesundheit und Soziales. Sie schildert die Missstände: Bereits im ersten Lehrjahr werden Azubis als Fachkraft eingesetzt, bekommen Verantwortung übertragen, die ihre Kompetenzen überschreiten. Zum Beispiel, dass sie Patienten alleine versorgen, waschen und Verbände anlegen müssen und das unter mangelnder Aufsicht. "Weil keine Zeit ist, fallen Einweisungen sehr mangelhaft aus", so Sgolik weiter.

Mit einem Fuß im Gefängnis

"Weil nicht genug Personal auf den Stationen da ist, stehen die Azubis sogar mit einem Fuß im Gefängnis, weil sie noch nicht qualifiziert sind, aber eine Übernahmeverantwortung haben, wenn sie einen Patienten alleine betreuen", so die Gewerkschafterin.

Personalmangel löst einen Teufelskreis aus

Der Personalmangel in der Branche führt zu einem Teufelskreis: Ausbilder werden in der Praxis oft anderweitig eingesetzt, können den Lernenden nicht zur Seite stehen. Dazu komme eine Regelung, wonach mehrere Azubis zusammen als eine volle Planstelle für eine Pflegekraft gezählt werden, obwohl sie noch lernen, so der Deutsche Pflegeverband. Geschäftsführer Rolf Höfert zufolge werden in der Praxis fünf Pflegeazubis auf eine Planstelle angerechnet. "Das führt dazu, dass Azubis als Arbeitskraft verheizt werden", so Höfert. Obendrein folgt die Ernüchterung beim ersten Praxiseinsatz im Krankenhaus oder in der Altenpflege: "Will man seine Arbeit schaffen, zählt Schnelligkeit, nicht der Pflegebedürftige als Mensch", sagt Verdi-Fachbereichsleiter Robert Hinke, der zuständig für Bayern ist. Aber genau das wird gleich zu Beginn der Pflegeausbildung in der Schule vermittelt. Ein weiterer Grund, warum bereits ein Drittel der Azubis bereits in der Probezeit ihre Ausbildung abbrechen.

Personalmangel ist hausgemacht

Der Pflegefachkräftemangel kommt nicht von ungefähr. Das prangern sowohl der Deutsche Pflegeverband als auch die Gewerkschaft verdi an. Zwischen 1998 und 2005 sei bundesweit massiv Personal reduziert worden, etwa 10.000 Stellen. Auch zwischen den Jahren 2014 und 2017 habe es 30 Prozent "Schwund" gegeben, weil die Krankenhäuser sparen mussten, sagt Sgolik. Sie nennt das einen provozierten Fachkräftemangel. Zudem siebten viele Berufsschulen zu Ausbildungsbeginn oft noch einmal aus. Auch hier sei das Problem: Es fehlt an Personal.

Azubis haben es in der Praxis schwerer, ihre Rechte durchzusetzen

Gibt es Missstände in der Ausbildung, können sich Azubis in der Regel an die Jugendauszubildendenvertretung, eine Art Betriebsrat für Azubis, wenden. Zum Beispiel, wenn sich ein Pflegebetrieb nicht an Ausbildungsplan oder -vertrag hält oder Probleme in der Berufsschule auftreten. Allerdings haben es Azubis in der Praxis schwerer, ihre Rechte wirklich durchzusetzen, sagt Gewerkschafter Hinke.

Azubis in der Pflege haben eine längere Probezeit

Grundsätzlich hat ein Azubi die gleichen Rechte wie ein Arbeitnehmer. So gilt zum Beispiel das Bundesurlaubsgesetz oder das Kündigungsschutzgesetz. Weil Auszubildende, vor allem, wenn sie unter 18 Jahre alt sind, besonders schutzbedürftig sind, finden aber noch andere Regeln Anwendung. Die stehen zum Beispiel im Jugendarbeitsschutzgesetz. Oder im Berufsbildungsgesetz - normalerweise. Allerdings gilt das für Azubis im Gesundheitswesen nicht. Für sie gibt es andere Regeln. Das führt dazu, dass Betriebe für ihre Azubis eine längere Probezeit von bis zu sechs Monaten festlegen können. In anderen Branchen sind nur vier Monate üblich. DGB und Verdi bemängeln außerdem, dass wichtige Bestimmungen wie Ausbildungsziele und Prüfungsangelegenheiten in jedem Bundesland anders gehandhabt werden, dass "jeder sein eigenes Süppchen kocht". Auch das trage dazu bei, dass Azubis oft in der Ausbildung verheizt werden, kritisiert der Deutsche Pflegeverband.

 Ab 2020 ändert sich einiges bei der Pflegeausbildung

Einige Verbesserungen sind tatsächlich ab dem kommenden Jahr in Sicht: Dann gilt das neue Pflegeberufegesetz. Es führt die Ausbildungsgänge für Altenpfleger, Krankenpfleger und Kinderkrankenpfleger zusammen. Heißt: bundesweit soll es dann nur noch einen Ausbildungsgang für die Pflege geben. Erst im dritten Lehrjahr spezialisieren sich die jungen Leute. So können sich Azubis in verschiedenen Pflegebereichen erst einmal ausprobieren bevor sie sich zum Beispiel auf die Pflege von alten Menschen festlegen. Damit soll die Abbrecherquote verringert werden.

Pflegeverband kritisiert Generalisierung der Ausbildung

Der Deutsche Pflegeverband sieht die Änderung allerdings kritisch: "Es macht keinen Sinn, alles über einen Kamm zu scheren und sich dann erst am Ende der Ausbildung zu spezialisieren," so Verbandschef Rolf Höfert. Er befürchtet zudem einen Sogeffekt, nämlich dass sich während der Ausbildung zu wenige für die Altenpflege entscheiden. Beliebter sei die Krankenpflege bei den Azubis. Positiv sei, dass es zumindest im ersten Lehrjahr verboten wird, dass Azubis als Planstellen fest im Dienstplan einkalkuliert werden und somit als reguläre Arbeitskraft behandelt werden.

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Immer wieder brechen Pflegeschüler ihre Ausbildung ab – obwohl in der Pflege dringend Personal gesucht wird. Zwei Betroffene erklären das mit frustrierendem Zeitmangel bei der Arbeit mit den Patienten.