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Warum beim Straßenbau auf Kosten der Umwelt geklotzt wird | BR24

© BR / Georg Bayerle

Protestplakat gegen "Monsterstraßen"

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Warum beim Straßenbau auf Kosten der Umwelt geklotzt wird

Bayern vernachlässige die Sanierung von Staatsstraßen gegenüber dem Neubau, kritisiert der Rechnungshof seit Jahren. Aber wenn saniert wird, wird meistens gleich noch ausgebaut. In Schwaben kämpft eine Bürgerinitiative für eine schlanke Variante.

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Hinter dem Weiler Holzhausen in der Gemeinde Gablingen führt die ST 2036 in einer langgezogenen Kurve durch ein grünes Tal mit alten Bäumen und satten Wiesen. Hier grasen die Rinder des jungen Biolandwirts Christoph Luderschmid. Für den geplanten Ausbau der Staatsstraße müssten mehrere der über 100 alten Eichen und Linden sowie ein großes Stück Weide verschwinden. Den Flächenverbrauch bezeichnet er als "massivst". Als Gemeinderatsmitglied fordert er deshalb in einem einstimmigen Beschluss eine Überarbeitung der Pläne für eine deutlich abgespeckte Variante.

Straßen werden breiter und größer

Alle Seiten sind sich klar darüber, dass die Staatsstraße saniert werden muss. Die Planungen des Straßenbauamts Augsburg folgen nun der Logik, dass, wenn schon saniert wird, dann auch gleich die aktuellen Standards für den Straßenbau herangezogen werden. Und die gehen immer mehr in Richtung Größe und Breite, erklärt die Forschungsgesellschaft für Straßen- und Verkehrswesen (FGSV) in Köln, denn Fahrzeuge werden größer und schwerer, neue Verkehrsteilnehmer wie E-Bikes kommen dazu, der Verkehr nimmt generell weiter zu. Weil in Deutschland außerdem Geschwindigkeitsbegrenzungen vermieden werden sollen, werden Straßen breiter, gerader und flacher gebaut.

Lebensstil und Formen des Arbeitens und Wirtschaftens bilden sich so unmittelbar im Straßenbau ab und damit auch in den Richtlinien, die die FGSV erarbeitet. Die Forschungsgesellschaft veranstaltet auch Asphaltstraßen- oder Betonstraßentagungen. Es werde durchaus kontrovers diskutiert und es würden auch Alternativmeinungen gehört, erklärt Hartmut Beckedahl, Mitglied der Forschungsgesellschaft. Vor Ort werden die Richtlinien dann von der Politik und den Straßenbauverwaltungen umgesetzt. Wenn Lastwagen schwerer werden, braucht es dickere Asphaltauflagen; werden hohe Geschwindigkeiten gefahren, müssen Straßen gerader und breiter gebaut werden. Hauptkriterien sind Sicherheit und Leistungsfähigkeit – so bestätigt es auch das bayerische Verkehrsministerium.

Flächenverbrauch auf Kosten der Landwirtschaft

Abweichungen von der Ausbaulogik gibt es praktisch keine, obwohl den Straßenbauern durchaus bewusst ist, dass die Umsetzung erhebliche Eingriffe bedeutet. Das Straßenbauamt Krumbach in Schwaben etwa kauft 95 Prozent der für Straßenbauprojekte notwendigen Flächen von Landwirten.

"Mit jedem Meter Straße, den wir neu bauen, entziehen wir der Landwirtschaft eine gewisse Existenzgrundlage. Vor diesem Hintergrund denke ich, ist dieses hohe Staatsziel Flächensparen sicher sinnvoll und auch notwendig." Wilhelm Weirather, Straßenbauamt Krumbach

Ein Drittel des täglichen Flächenverbrauchs für den Verkehr

Zwölf Hektar Landschaft werden in Bayern jeden Tag neu verbaut – ein Drittel davon für Straßen und Wege. Ein Umdenken ist nicht in Sicht, im Gegenteil: Weil gerade der Straßenaus- und -neubau auf kommunaler Ebene mit hohen Fördersummen vom Staat bezuschusst wird, motiviere das erst recht dazu, großangelegte Umgehungsstraßen oder Landstraßen zu bauen, sagt der Bund Naturschutz:

"Im Moment ist es bei Zuschüssen so: Je größer die Naturzerstörung, desto höher der Zuschuss. Umgekehrt muss es sein: Je weniger Natur zerstört wird, desto mehr Zuschuss muss die Kommune bekommen." Gernot Hartwig, Verkehrsexperte beim Bund Naturschutz

"Schlanker Ausbau" – ein Modellprojekt?

Der Gemeinderat und die Bürgerinitiative in Gablingen würden mit ihrem Straßenbauprojekt der ST 2036 gerne ein Vorbild dafür abgeben, dass es auch sanfter und kostengünstiger geht. Der Bund Naturschutz sieht darin sogar ein Modellprojekt dafür, wie der Straßenbau künftig umweltgerechter gestaltet werden könnte. Ein Treffen im Bayerischen Staatsministerium für Bau und Verkehr in dieser Woche wurde kurzfristig abgesagt, soll aber nachgeholt werden. Dafür will die Bürgerinitiative weitere Daten und Argumente sammeln und die Alternativvorschläge bereits in den Planungsprozess einbringen. Gerade erst hat der Bund Naturschutz in einer Vergleichsstudie vorgerechnet, dass Bayern beim Straßenbau in puncto Klimaschutz und sparsame Flächennutzung zu den Schlusslichtern in Deutschland zählt.

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