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Wann ist eine Streuobstwiese ein schützenswertes Biotop? | BR24

© dpa/pa, blickwinkel/AGAMI/R. Schols

Obstwiese

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Wann ist eine Streuobstwiese ein schützenswertes Biotop?

Am 1.8.2019 ist das neue Bayerische Naturschutzgesetz in Kraft getreten. Dadurch stehen in Zukunft auch Streuobstwiesen, die von besonderem Wert für die Artenvielfalt sind, unter gesetzlichem Schutz.

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Eine Verordnung im zugehörigen Begleitgesetz des Bayerischen Naturschutzgesetzes soll die Kriterien für solche Biotope wie Streuobstwiesen genau definieren. Die Staatsregierung hat dazu einen Entwurf vorgelegt. Aus Sicht des Landesbund für Vogelschutz würde dieser aber dazu führen, dass ein Großteil von schützenswerten Wiesen keinen Schutzstatus erhält.

Extensiv genutzte Streuobstbestände sind von unschätzbarem Wert für die Biodiversität. Sie gelten als die artenreichsten Lebensräume in der bayerischen Kulturlandschaft. Doch in den letzten Jahrzehnten sind 70 Prozent davon im Freistaat verschwunden. Eine solche Obsterzeugung gilt heute als unrentabel. Durch das neue bayerische Naturschutzgesetz fallen naturschutzfachlich wertvolle Streuobstwiesen nicht nur unter Biotopschutz, für ihre Bewirtschaftung und die Obstvermarktung werden zusätzliche Fördergelder in Aussicht gestellt.

Doch wann ist eine Streuobstwiese ein schützenswertes Biotop?

Entscheidend ist, dass es sich um hochstämmige Apfel-, Birn-, Kirsch- oder Zwetschgenbäume handelt. Das heißt, der Stamm verzweigt sich erst in einer bestimmen Höhe. Solche Bäume sind besonders langlebig und entwickeln mit zunehmendem Alter Höhlen in ihren Stämmen. Die sind lebenswichtig für viele bedrohte Tierarten, wie zum Beispiel Fledermäuse sowie der seltene Steinkauz, Wendehals und auch Gartenrotschwanz.

Ab welcher Höhe gilt ein Obstbaum als Hochstamm?

Bisher gilt bei der Biotopkartierung die Maßgabe: Der Kronenansatz bei Hochstämmen beginnt frühestens in einer Höhe von 1,60 Metern. Doch in der von der Staatsregierung vorgelegten Verordnung sollen 75 Prozent der Bäume sich erst in einer Höhe von 1,80 Metern verzweigen, um den Schutzstatus zu erhalten.

Auch im Vertragsnaturschutzprogramm des Bayerischen Umweltministeriums galt bisher für die Förderung die Mindesthöhe von 1,60 für den Stamm. Das Bayerische Landwirtschaftsministerium fördert die Pflege von Streuobstbeständen sogar schon bei einem Kronenansatz ab einer Stammhöhe von 1,40 Metern. Bis 1995 haben Baumschulen in der Regel Hochstämme verkauft, die sich ab 1,60 Metern Höhe verzweigen. Ein Großteil älterer Obstbaumbestände weist also einen Kronenansatz in rund 1,60 Metern Höhe auf. Heute gilt allerdings 1,80 Meter als Standardmaß.

Aber auch weitere Kriterien der geplanten Verordnung könnten die Ausweisung von Streuobstwiesen als gesetzlich geschützte Biotope deutlich erschweren. So ist etwa vorgesehen, dass nicht mehr als 100 Bäume auf einem Hektar Wiese stehen und es soll auch ein bestimmter Mindestpflanzabstand gelten. Je nachdem, ob schmälere Zwetschgen- oder Apfelbäume mit deutlich breiteren Kronen wachsen, wird in der Praxis diese Dichte oder der geforderte Abstand nicht eingehalten.

Der Landesbund für Vogelschutz hat die Kriterien in Probe-Kartierungen in Mittel- und Unterfranken angewendet und kommt zu dem Schluss: "Keine einzige der 21 untersuchten und eindeutig wertvollen Streuobstbestände erfüllt die Kriterien der geplanten Verordnung" (Dr. Norbert Schäffer, Vorsitzender des LBV).

Bekommen viele Streuobstwiesen keinen Schutz?

Auf den Vorwurf, der größte Teil der bayerischen Streuobstwiesen würde mit den von der Staatsregierung geplanten Vorgaben keinen gesetzlichen Schutz erhalten, sagt der Landtagsabgeordnete Eric Beißwenger (CSU):

"Wir berufen uns auf den Text des Volksbegehrens. Und da steht drin, dass extensive und hochstämmige Streuobstwiesen unter Schutz gestellt werden sollen. Man kann natürlich auch jeden Nieder- und Halbstammbaum mit reinnehmen. Aber so war der Gesetzestext und wir sind ja dafür da, das Ganze umzusetzen.“ Eric Beißwenger, MdL CSU

Doch für bayerische Baumschulen gilt immer noch: Bereits ab einer Stammhöhe von 1,60 Metern darf ein Obstbaum als Hochstamm verkauft werden.

Aus Sicht der Naturschutzvertreter gibt es noch einen weiteren Kritikpunkt an dem vorgelegten Verordnungsentwurf. Kriterien, die für den ökologischen Wert der Streuobstbestände sprechen, werden nicht aufgeführt. Dazu gehören Merkmale, wie ein hoher Anteil an alten Bäumen mit vielen Baumhöhlen.

Das von der Staatsregierung verfolgte Ziel, mit der Annahme des Volksbegehrens die Lebensbedingungen für Insekten und andere bedrohte Tierarten zu erhalten und zu verbessern, könnte nicht erreicht werden, warnen Naturschützer. Zumindest wenn es um einen verlässlichen Schutz der wertvollen Restbestände extensiver Streuobstwiesen in Bayern geht.

© BR

LBV sieht Biotopschutz in Gefahr