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Wann ist eine Eizelle befruchtet? Münchner Gericht entscheidet | BR24

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Das Bayerische Oberste Landesgericht in München entscheidet darüber, ab wann eine menschliche Eizelle als befruchtet gilt.

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Wann ist eine Eizelle befruchtet? Münchner Gericht entscheidet

Das Bayerische Oberste Landesgericht urteilt heute im Prozess um eine Eizellenspende. Es geht um die Frage, ob im Rahmen einer Kinderwunschbehandlung eingefrorene Eizellen gespendet werden dürfen. Doch die Sache ist kompliziert.

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Von
  • Judith Zacher

Paare mit Kinderwunsch, Eltern, die eine Kinderwunschbehandlung hinter sich haben, Reproduktionsmediziner und natürlich die drei Angeklagten erwarten dieses Urteil mit Spannung: Zum ersten Mal entscheidet ein Oberlandesgericht in Deutschland, ob im Rahmen einer Kinderwunschbehandlung übrig gebliebene, imprägnierte Eizellen einem kinderlosen Paar gespendet werden dürfen, oder nicht.

Kernfrage: Befruchtet oder nicht befruchtet?

Die Grundfrage ist hierbei, ob diese eingefrorenen und mit Sperma versehenen Eizellen befruchtet sind oder nicht. Darüber streiten sich Juristen und Mediziner. Für Reproduktionsmediziner wie Bernd Lesoine vom Kinderwunschzentrum im Münchener Stadtteil Bogenhausen ist die Sache klar: Diese Eizellen seien befruchtet. Es sei nur eine Frage von Stunden, bis sie sich zum Embryo weiterentwickeln würden. Durch das Einfrieren werde diese sonst unaufhaltsame Entwicklung lediglich unterbrochen. Die Staatsanwaltschaft aber ist der Auffassung, die Befruchtung werde erst durch das aktive Auftauen der Eizellen vollzogen – sie seien also erst danach befruchtet, so Oberstaatsanwalt Matthias Nickolai.

Embryonenspende ist legal

Von Bedeutung ist das, weil Embryonen gespendet werden dürfen. Die Begründung ist, dass es sich hier um schützenswertes Leben handelt. Können oder sollen Embryonen der leiblichen Mutter nicht eingesetzt werden, etwa weil sie doch keine Kinder mehr will oder weil sie krank ist, darf sie sie also spenden.

Im Fall der eingefrorenen Eizellen würden die Embryonen aber erst nach dem Auftauen entstehen, argumentiert der Augsburger Oberstaatsanwalt Matthias Nickolai. Das heißt, durch das Auftauen würden die Embryonen erst hergestellt, im Fall der Spende für eine andere als die leibliche Mutter. Das ist laut Embryonenschutzgesetz verboten.

Dilemma für die Frauen

Im Rahmen einer Kinderwunschbehandlung werden der Frau wenn möglich gleich mehrere Eizellen entnommen, um ihr weitere Eingriffe zu ersparen. Diese Eizellen werden mit dem Sperma des Mannes zusammengebracht und - quasi als Vorrat - eingefroren. Ist die Behandlung geglückt und hat die Frau ihr Kind geboren, bleiben diese Eizellen übrig. Hunderttausende davon lagern in den Gefrierschränken der Reproduktionsmediziner. Eltern stehen vor der Frage, sollen wir sie weiterlagern oder vernichten? Eine Spende an andere kinderlose Paare würden viele bevorzugen, wenn das legal wäre.

Netzwerk bringt kinderlose Paare mit spendebereiten Paaren zusammen

Das Netzwerk Embryonenspende mit Sitz in Dillingen, in dem über 20 Kinderwunschzentren zusammengeschlossen sind, bringt kinderlose Paare mit Paaren, die überzählige Embryonen haben, zusammen. Vor dem Rechtsstreit wurden auch imprägnierte Eizellen vermittelt. Laut Hans Peter Eiden, Vorstandsmitglied des Netzwerks, ist die Nachfrage nach Spenden weit höher als das Angebot. Über 40 Kinder sind mit Hilfe der Vermittlungsarbeit des Netzwerks inzwischen auf die Welt gekommen. Das älteste ist sechs Jahre alt.

Der Verein bewahrt die Daten der genetischen Eltern auf, so dass das Kind, wenn es volljährig ist, erfahren kann, wo es herkommt. Außerdem arbeite der Verein nicht gewinnorientiert. Wie lange Paare auf eine Spende warten müssten, könne er nicht genau sagen, so Eiden. Es werde Wert daraufgelegt, dass das Spenderpaar auch zum Empfängerpaar passe, hier werde der Phänotyp verglichen, damit das Kind und seine Eltern nicht wegen eines sehr unterschiedlichen Aussehens stigmatisiert würden.

Paare gehen ins Ausland

Im Ausland wird das nicht gemacht. Außerdem kostet dort eine solche Spende bis zu 10.000 Euro. Viele Paare gehen trotzdem dorthin. In Spanien oder Tschechien etwa ist nämlich sowohl die Eizell- also auch die Embryonenspende legal. Das Angebot ist weit höher als in Deutschland. Schwierig sei das für Frauen auch, so eine junge Mutter, die gerade eine Kinderwunschbehandlung in Deutschland macht, weil man seinen vertrauten Arzt verlassen und sich in fremde Hände begeben müsse.

Sie kenne trotzdem viele, die diesen Schritt gegangen seien, weil sie in Deutschland keine geeignete Spende hätten erhalten können. Diese Kinder werden nie wissen, wer ihre genetischen Eltern sind, da Daten darüber nicht aufbewahrt werden.

Bedeutung des Urteils

In zwei Prozessen wurden die drei Angeklagten freigesprochen. Das Bayerische Oberste Landesgericht ist die letzte Instanz in der Sache. Gibt das OLG der Revision statt, wird der Fall zurück ans Augsburger Landgericht verwiesen. Lehnt es die Revision ab, wird der Augsburger Freispruch rechtskräftig. Dieses Urteil wäre von bundesweiter Bedeutung, da dann in dieser Sache erstmals eine obergerichtliche Entscheidung vorläge.

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  • Judith Zacher
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