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Waldkraiburger Attentäter wohl Narzisst ohne Verbindung zum IS | BR24

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Nach den Anschlägen auf vier türkische Geschäfte in Waldkraiburg hat ein 25-Jähriger die Taten gestanden. Bei ihm wurden mehrere Rohrbomben gefunden. Er bezeichnet sich selbst als IS-Anhänger. Als Motiv nennt er "Hass auf Türken".

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Waldkraiburger Attentäter wohl Narzisst ohne Verbindung zum IS

Nach dem Geständnis des mutmaßlichen Attentäters von Waldkraiburg werten Ermittler auch Handydaten des 25-Jährigen aus. Er bezeichnet sich selbst als IS-Kämpfer, was die Ermittler bezweifeln. In der Stadt sind die Menschen nur zum Teil erleichtert.

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Nach den Anschlägen auf Geschäfte türkischstämmiger Inhaber in Waldkraiburg im Landkreis Mühldorf am Inn werten Ermittler derzeit unter anderem Handydaten des mutmaßlichen Täters aus. Auch weitere elektronische Datenträger werden untersucht.

Die Beamten erhoffen sich Hinweise auf weitere Hintergründe sowie mögliche Mitwisser oder mögliche Mittäter. Bisher gehen Polizei und Staatsanwaltschaft aber von einem Einzeltäter aus. Seit April waren die Scheiben dreier türkischer Läden eingeschlagen und ein Feuer in einem Gemüseladen gelegt worden, sechs Menschen wurden verletzt.

25-Jähriger legt Geständnis ab

Als "Bombenleger von Waldkraiburg" hat sich der Tatverdächtige in den Vernehmungen bei der Polizei bezeichnet. Vollumfänglich gestand er die vier Anschläge gegen türkische Geschäftsbesitzer im Verhör. Und er räumte weitere geplante Attacken ein. Polizeipräsident Robert Kopp attestiert ihm eine narzisstische Persönlichkeit. "Er zeigte sich stolz drauf, was er gemacht hat. Er will Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Das macht ihn gefährlich."

Letztlich wurde dem 25-Jährigen eine "Schwarzfahrt" ohne Ticket in einem Regionalzug zum Verhängnis. Aufmerksamen Bundespolizisten fiel der Mann auf, und noch am Freitagabend klickten die Handschellen. Damit konnten vermutlich weitere Anschläge verhindert werden.

Motiv: "Hass auf Türken"

Sein Motiv war ein tiefgründiger Hass gegen Türken – und das, obwohl er selbst Eltern hat, die aus der Türkei stammen. Wie aus Ermittlerkreisen zu erfahren war, gab es aber schon seit längerer Zeit keinen Kontakt mehr zwischen Eltern und Sohn. Seine Mutter und seine Schwester sprachen bei der Polizei von einer extremen, religiösen Einstellung des 25-Jährigen. Laut Oberstaatsanwalt Georg Freutsmiedl ist der Tatverdächtige ein bekennender Sympathisant der Terrororganisation islamischer Staat (IS).

© Instagram

Ein Instagram-Selfie des mutmaßlichen Attentäters von Waldkraiburg

Gibt es eine Verbindung zum IS?

In der Vernehmung bezeichnete er sich selbst als ein IS-Kämpfer. Nach dem derzeitigen Stand gebe es jedoch keine direkte Verbindung zu der Terrororganisation, sagt Oberstaatsanwalt Georg Freutsmiedl. Jedoch werde mit Hochdruck weiter ermittelt. Sämtliche Aussagen sowie Spuren am Tatort oder auch Videoaufzeichnungen belegen derzeit, dass es sich um einen Einzeltäter gehandelt habe.

Rohrbomben und Schusswaffen gefunden

Jedoch sei der 25-Jährige brandgefährlich gewesen, heißt es vonseiten der Polizei. Neben selbst hergestellten Rohrbomben fanden die Beamten auch eine scharfe Schusswaffe sowie zahlreiche Materialen zum Bau von Sprengsätzen. In der Vernehmung sprach der Beschuldigte von weiteren geplanten Anschlägen auf türkische Einrichtungen in der Region. Konkrete Zeitpunkte und Orte nannte er aber nicht.

Aufatmen in Waldkraiburg, aber auch Sorge

Nach der Festnahme des mutmaßlichen Attentäters atmen die Bürger in Waldkraiburg auf. "Vielen Dank an alle" – mit diesen Worten meldete sich der Besitzer des Obst- und Gemüseladens, auf den der schwere Brandanschlag ausgeübt wurde, auf dem sozialen Netzwerk Instagram. Er sei erleichtert und hoffe nun, dass es sich tatsächlich um einen Einzeltäter handle.

Innerhalb der türkisch-islamischen Gemeinde in Waldkraiburg ist eine zweigeteilte Stimmung zu spüren: einerseits Freude, dass der Tatverdächtige gefasst wurde, andererseits bestehen immer noch Angst und der Zweifel, dass es vielleicht doch ein Netzwerk geben könnte. Die erhöhte Polizeipräsenz soll deshalb in Waldkraiburg weiter bestehen bleiben.

Bürgermeister Pötzsch: "War ein Stück weit gelähmt"

Auch Bürgermeister Robert Pötzsch zeigte sich in einer ersten Reaktion erleichtert, dass von dem gefährlichen Täter jetzt keine weitere Gefahr mehr ausgehe. "Fassungslos" hat Pötzsch die Pressekonferenz verfolgt: "Ich war ein Stück weit gelähmt, habe mir Gedanken gemacht, wie ein Mensch zu so etwas in der Lage ist. Bei uns leben 100 Nationen bisher friedlich zusammen, haben die Stadt aufgebaut. Und jetzt gilt es, den Zusammenhalt zu formen, dass so etwas in Zukunft nicht mehr passiert."

Haftbefehl: Versuchter Mord in 27 Fällen

Gegen den 25-jährigen Deutschen mit türkischen Wurzeln wurde mittlerweile Haftbefehl erlassen – unter anderem wegen Mordversuch in 27 Fällen. Die Ermittler sprechen von großem Glück, dass bei den Anschlägen keine Menschen ums Leben gekommen sind.

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