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"Wald vor Wild": Der Streit um die Jagd und den Waldumbau

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"Wald vor Wild": Der Streit um die Jagd und den Waldumbau

Wie steht es um die Jagd in Bayern? Wird im Freistaat zu viel gejagt oder zu wenig? Müssen Bäume vor Rehen geschützt werden, um den Waldumbau nicht zu gefährden? Waldbesitzer, Tierschützer und Jäger geraten hierüber immer wieder in Streit.

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Von
  • Angela Neulinger

Rehe sind Feinschmecker. Mit großem Appetit fressen sie die frischen Triebe und Knospen nachwachsender Bäume. Und schon gibt es Ärger. Ihr Abschuss wird gefordert. Aber nicht etwa von den Jägern, sondern von der Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner. Ihr Entwurf zum neuen Jagdgesetz will den Wald besser vor dem Verbiss durch Wild schützen, um den für das Klima so wichtigen Umbau zu Mischwäldern voranzutreiben. Die Waldbesitzer freut das. Ein Aufschrei kommt hingegen von den Jägern.

Nein zum ersten Entwurf des Jagdgesetzes

Wenn Ernst Weidenbusch, der neue Präsident des Bayerischen Jagdverbands, durch die Wälder zieht, freut er sich über jeden jung aufwachsenden Baum. Da geht es ihm genauso wie den Waldbesitzern. Denn nur ein gesunder Wald ist auch ein guter Lebensraum für Wildtiere. Ein klares "Nein" kommt von ihm zum ersten Entwurf des neuen Jagdgesetzes. Der Entwurf berücksichtige die Interessen der Jäger zu wenig und die der Förster zu viel, meint Ernst Weidenbusch: "Und wenn man im Wald im Ungleichgewicht arbeitet, dann kommt am Ende nichts Gutes raus."

Kritik an Verbissgutachten

Alle drei Jahre erstellt die Bayerische Forstverwaltung für die rund 750 Hegegemeinschaften im Freistaat forstliche Gutachten zur Situation der Waldverjüngung. Diese "Verbissgutachten" haben maßgeblichen Einfluss auf die Abschussplanung. Sie differenzieren laut Weidenbusch aber nicht genug zwischen den verschiedenen Baumarten, der natürlichen Verjüngung, der Saat und der Pflanzung. Auch wieviel Licht eine Fläche hat, spiegelten sie nicht wider.

In Zukunft sollten Gutachten auch diese Faktoren mit einbeziehen, fordert Bayerns oberster Jäger: "Wo Licht ist, da kann das Pflanzenwerk schnell wachsen und wird vom Wild gar nicht mehr erreicht, um verbissen zu werden. Wo kein Licht ist, bleibt es ewig lang sehr niedrig, und dann sind die Schäden groß. Und das muss man im Gutachten in Zukunft abbilden, dann kann man daraus vernünftige Schlüsse ziehen", so Weidenbusch.

Prozentzahlen sind kein Wegweiser

Der Verein "Wildes Bayern" sieht sich als Anwalt der Wildtiere im Freistaat. Seine Vorsitzende, Dr. Christine Miller, übt ebenfalls Kritik an den forstlichen Gutachten. Die Gutachten wiesen lediglich Prozentzahlen auf. Diese sagten aber nichts über die wirklichen Schäden aus: "Kein seriöser Forstwissenschaftler auf der ganzen Welt kann Ihnen sagen, was ein Verbiss-Prozent bedeutet, und ein Verbiss-Prozent hat auch nichts mit der Menge an Wildtieren zu tun. Das kann verschiedene Gründe haben, warum die Einwirkungen der Wildtiere so sind, wie sie sind." Auch Aussagen über langfristige Auswirkungen und Schäden könnten mit Hilfe dieser Gutachten nicht getroffen werden.

Teamarbeit für den Wald

Waldverjüngung und Wildbestand miteinander in Einklang zu bringen, ist das oberste Ziel von Kirsten Joas. Die Forstrevierleiterin berät private Waldbesitzer im Landkreis Ebersberg. Sie hilft bei Themen wie Waldpflege, Aufforstung, standortgerechte Baumarten und staatliche Förderung. Um einen gesunden Wald zu bekommen, bei dem junge Bäume unter dem Dach der Altbestände aufwachsen, ist ihrer Meinung nach die Teamarbeit von Waldbesitzern, Förstern und Jägern wichtig.

Hand in Hand für den Wald

Der Waldbesitzer müsse dafür sorgen, dass ausreichend Licht auf den Waldboden kommt. Der Jäger dafür, dass nicht zu viele Rehe da sind, die die Bäume verbeißen. Die Försterin schließlich könne vermitteln. Wälder, so Kirsten Joas, seien der natürliche Lebensraum von Rehen. Kein Reh könne ohne Wald überleben. Deshalb brauchten Rehe einen gesunden Wald. So müsse auch die Formel "Wald vor Wild" verstanden werden. Es gehe keinesfalls um eine Konkurrenz oder gar einen Gegensatz.

Rehe und Hirsche schädigen den Wald

Der aufwachsende Wald hat viele Fressfeinde. Auch Hirsche nagen gerne am jungen Grün. Anders als Rehe leben sie meist in Rudeln. Ihr Schadenspotential ist deutlich höher. Ein Rotwild frisst vier bis fünfmal mehr als ein Reh. Zudem schälen sie Bäume gerne ab. Hier kann dann Fäulnis eintreten und den Baum beschädigen.

Allein in den Isarauen bei Freising sind rund 300-350 Hirsche, Hirschkühe und Kälber unterwegs. Seit einem Jahr ist das Revier zum Naturwald erklärt worden. Hier spielen die Schäden zumindest finanziell keine so große Rolle wie bei Privatwäldern oder wirtschaftlichen Staatsforsten.

Im Freistaat ist das Rotwild allerdings alles andere als frei: Die Tiere sind nur in zehn Gebieten zugelassen, auf insgesamt vierzehn Prozent der Landesfläche. Sobald die Hirsche die Grenzen der ihnen zugewiesenen Bezirke überschreiten, gilt das Abschussgebot.

Projekt: Wald mit Wild

Eine Schadensvermeidung nur mit dem Gewehr kann aus Sicht der Jäger allerdings nicht funktionieren. Im Rahmen seines Projekts "Wald mit Wild" will der Bayerische Jagdverband deshalb Flächen, die aus der Bewirtschaftung durch die Staatsforsten herausgenommen werden, ins eigene Jagdmanagement übernehmen. Ziel, so BJV-Präsident Ernst Weidenbusch, sei es zu beweisen: "Mit einem klugen Management kann der Wald gedeihen, sich entwickeln, ohne dass man alles totschießt. Danach ist ein super Wald da, und das Wild bleibt erlebbar und es wird auch die Einsicht Platz greifen, dass man nur miteinander vorwärtskommt", so Weidenbusch.

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