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Bildrechte: dpa-Bildfunk/Matthias Balk

Zwischen Fans und Polizei sind die Fronten oft verhärtet. Eine Strategie, die erfolgreich in Baden-Württemberg eingesetzt wurde, soll zur Befriedung beitragen: Die Stadionallianz. Das fordern die bayerischen Landtagsgrünen jetzt auch für Bayern.

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Stadionallianzen: Waffenruhe für Bayerns Fankurven

Zwischen Fans und Polizei sind die Fronten oft verhärtet. Eine Strategie, die erfolgreich in Baden-Württemberg eingesetzt wurde, soll zur Befriedung beitragen: Die Stadionallianz. Das fordern die bayerischen Landtagsgrünen jetzt auch für Bayern.

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Von
  • Katharina Pfadenhauer

Die Polizei spricht von hasserfüllten Gesichtern, gewaltbereite Fußballfans von "Feinden". Fußballfans und Polizei stehen sich manchmal noch immer unversöhnlich gegenüber. Konflikte gebe es oft schon bei der Anreise der Fußballfans, sagt Lothar Langer. Als Sozialarbeiter der Münchner Fanprojekte sorgen ihn die verhärteten Fronten seit vielen Jahren. Beide Seiten seien sich oftmals gar nicht bewusst, wie sie sich gegenseitig hochschaukeln können, beobachtet Langer.

Atmosphäre durch Stadionallianzen entspannen

Die Grünen im Bayerischen Landtag plädieren deshalb für sogenannte Stadionallianzen, wie es sie in Baden-Württemberg gibt. Dabei bekommen unter anderem Fanprojekte mehr Mitspracherecht, auch bei polizeilichen Einsätzen.

Mit solchen Stadionallianzen, also einer Art Arbeitsgruppe aus Polizei, sozialpädagogischen Fanprojekten, Sicherheitsakteurinnen und -akteuren von Vereinen und Kommunen, könnte man die Atmosphäre entspannen, sagt der sportpolitische Sprecher der Landtagsgrünen, Max Deisenhofer.

"Am Ende muss die Entscheidung bei der Polizei liegen", räumt Deisenhofer zwar ein, "aber es ist halt eine vertane Chance, wenn man die Expertise, die die Fanprojekte unbestritten haben, nicht mit einfließen lässt."

Fanprojekte könnten Polizei unterstützen

Die Fanprojekte sind ein deutschlandweit agierendes Netz aus unabhängigen, aber szenekundigen Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeitern, die letztlich wie eine Art Bindeglied zwischen Fans und Polizei agieren.

Volker Goll ist stellvertretender Leiter der Koordinationsstelle für die deutschen Fanprojekte. Auch er findet: Alle, die etwas Positives zu einem Bundesliga-Spieltag beitragen können, sollten im Vorfeld mithelfen Missverständnisse zu vermeiden und Konflikte zu entschärfen.

Weniger Verletzte und weniger Polizeieinsatzstunden

Seit 2017 gibt es solche Stadionallianzen in Baden-Württemberg. Die Bilanz kann sich sehen lassen: 35.000 weniger Polizei-Einsatzstunden, 18 Prozent weniger Strafanzeigen und rund 13 Prozent weniger Verletzte bei Fußballspielen allein in der ersten Saison 2017/2018 - und das bei gleichbleibendem Sicherheitsniveau.

Es gehe nicht um Mitspracherecht bei polizeilicher Einsatztaktik, sagt Armin Bohnert, sondern um eine spieltagsbezogene Zusammenarbeit von Fanprojekten und der Polizei. Bohnert ist Polizeibeamter in Baden-Württemberg, Vorsitzender der Berufsvereinigung PolizeiGrün und hat die Entwicklung der Stadionallianzen von Anfang an begleitet.

"Kein Bereich, der die Polizei so intensiv beschäftigt"

In Baden-Württemberg würden Einsatzleiterinnen und Einsatzleiter vor jedem Spiel die Einschätzung der Fanprojektvertreterinnen und -vertreter einholen und eben auch davon abhängig machen, mit welcher Polizeipräsenz sie anrückten, sagt Bohnert.

Wenn er sich den Aufwand anschaue, der für den Fußball betrieben wird, falle ihm außer Demonstrationen und Versammlungen "kein Bereich ein, der die Polizei so intensiv beschäftigt."

Auch um herauszufinden, warum die Fronten zwischen einigen Fußballfans und der Polizei so verhärtet sind, wäre es laut Bohnert gut, alle Partner regelmäßig an einen Tisch zu holen.

Grüne fordern Institutionalisierung

Sicherheitsbesprechungen zwischen Fanprojekten und Polizei gebe es regelmäßig in Bayern, betont der bayerische Innenminister Joachim Herrmann (CSU). Grünen-Politiker Max Deisenhofer aber beklagt: Sporadische Gespräche seien nicht das gleiche wie Stadionallianzen.

Es sei wichtig, dieses Angebot zu institutionalisieren, so Deisenhofer: "Und wirklich Woche für Woche mit allen Beteiligten zu reden und dann gemeinsam zu überlegen, wie viel Leute brauchen wir."

Auch sei es notwendig, sich im Nachhinein zusammenzusetzen und Konflikte oder mögliche Ausschreitungen gemeinsam zu besprechen.

Goll: Man kann viel falsch machen

Volker Goll von der Koordinationsstelle der Fanprojekte aber warnt: Man müsse sich ganz genau überlegen, wie man solche Stadionallianzen konzipiert. In Nordrhein-Westfalen gebe es auch Stadionallianzen, jedoch mit dem gegenteiligen Effekt.

"Es ist schade, dass der Begriff nicht geschützt ist", so Goll. "Wir haben in NRW zum Beispiel das komplette Gegenteil". Hier seien die Stadionallianzen Goll zufolge nichts weiter als eine Art Lippenbekenntnis. "Da kann man vieles falsch machen, man kann aber auch einiges richtig machen und ich finde, da ist auch Potenzial für Bayern da."

Herrmann hat sich über Stadionallianzen informiert

Tatsächlich scheint auch der Innenminister, Joachim Herrmann (CSU), dem Konzept der Stadionallianzen etwas abgewinnen zu können. Er habe sich erst kürzlich mit Vertreterinnen und Vertretern der Fanprojekte und der Vereine über das Thema Stadionallianzen unterhalten.

"Wir hatten extra Vertreter aus Baden-Württemberg zu Gast". Grundsätzlich, so Herrmann, sei man in Bayern bestrebt Sicherheitskonzepte der Polizei weiterzuentwickeln und "auch bei uns noch besser zu machen."

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