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Während Corona-Quarantäne: Extreme Hitze in Container-Unterkunft | BR24

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Immer wieder werden ganze Flüchtlingsunterkünfte unter Quarantäne gestellt. Besonders unangenehm für Flüchtlinge in Stahlcontainern: Dort herrschen im Sommer oft quälende Temperaturen. Doch verlassen darf man sie nur um die Sanitäranlagen aufzusuchen

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Während Corona-Quarantäne: Extreme Hitze in Container-Unterkunft

Fünfzig Grad im Container - das sollen Bewohner einer Flüchtlingsunterkunft in München gemessen haben. Das Gebäude aus Blech hatte sich in der Sonne extrem aufgeheizt. Da sie in Quarantäne saßen, durften die Bewohner die Unterkunft nicht verlassen.

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Von
  • Arno Trümper

Ahmet ist froh. Er steht hinter dem Tresen eines kleinen Restaurants in Schwabing. Endlich kann er wieder arbeiten und gleich kommen die Gäste. Heute, an seinem ersten Arbeitstag, präpariert Ahmet die Auslagen besonders liebevoll.

Erst vor wenigen Tagen wurde er aus der Quarantäne entlassen: Seine gesamte Flüchtlingsunterkunft, eine Containersiedlung in München-Freiham mit über 100 Bewohnern, war betroffen. Ahmet war schockiert und fand dass, die Quarantänevorschriften rigide durchgesetzt wurden.

Eingesperrt auf 14 Quadratmetern

"Die haben gesagt: Niemand darf rausgehen", erzählt Ahmet. "Wenn jemand rausgeht, dann rufen wir die Polizei und dann werdet ihr bestraft und müsst ein Bußgeld zahlen. Sie standen überall - an jeder Ecke standen zwei bis drei Security-Leute. Wir haben gesagt, das ist ja wie im Gefängnis!"

Nur für einen Toilettengang habe er seinen Container verlassen dürfen, die Behausung habe eine Grundfläche von gerade einmal 14 Quadratmetern und die müsse er sich mit einem Mitbewohner teilen, erzählt Ahmet. Die Enge sei extrem, besonders wenn man nicht vor die Tür könne. Und dazu noch die Hitze.

"Mein Zimmer, das hatte 50 Grad. Das war wirklich sehr heiß. Sogar auf dem Boden war es noch heiß. Zwei bis drei Tage konnte ich nicht schlafen und dazu hatte ich riesige Kopfschmerzen ... ja, so war die Situation bei uns." Nach zwei Tagen hätten die Behörden eingelenkt und die Flüchtlinge durften die Container, zumindest zeitweise, verlassen, so Ahmet.

Die Sozialverbände schlagen Alarm

Andrea Betz ist Leiterin der Flüchtlingshilfe der Inneren Mission München. Für sie ist die späte Reaktion der Behörden eine Folge struktureller Defizite: "Ich glaube, dass die Sensibilität bei den Behörden, was Flüchtlingsunterkünfte betrifft, nicht so groß ist. Ich habe das Gefühl, dass die Behörden miteinander nicht ausreichend kommunizieren, was Corona-Auflagen und Quarantäne für Flüchtlingsunterkünfte bedeutet. Was heißt das eigentlich für Menschen und welche Auswirkungen haben die Auflagen?"

Wer ist zuständig?

Dass die Situation in Flüchtlingsunterkünften so aus dem Ruder zu laufen scheint, könnte auch an den Zuständigkeiten liegen, die völlig unübersichtlich sind. Etwa wird eins der Flüchtlingsheime in Freiham von der Stadt München betrieben. Zumindest von außen wirken die Gebäude dort solide und das Gelände ist bepflanzt. Ahmet nennt es "die gute Unterkunft". Da wohnt er aber nicht.

Ahmet wohnt hundert Meter weiter. In einer Unterkunft, die die Regierung von Oberbayern betreibt. Hier ein völlig anderes Bild: Auf einer Kiesfläche stehen die gestapelten Blechcontainer, also solche, die sich so stark aufheizen sollen und die bis vor kurzem für Quarantäne genutzt wurden.

Wer ordnet Quarantäne an?

Allerdings: Egal, wer in einer Region der Betreiber einer Flüchtlingsunterkunft ist - für eventuelle Quarantänemaßnahmen ist die lokale Gesundheitsbehörde zuständig. Im Fall von Freiham ist das das Münchner Referat für Gesundheit und Umwelt. Die Behörde schreibt: "Grundsätzlich ist die Quarantäne im Zimmer einzuhalten". Aber wer Flüchtlingshelfer danach fragt, erhält meist die Antwort: Die Maßnahmen seien zu streng und den Bedingungen in vielen Unterkünften nicht angemessen.

Wer überwacht die Gesundheitsbehörde?

Politische Vorgaben sollen die lokalen Volksvertreter den Behörden vor Ort machen. Im Fall von Freiham ist das der Münchner Stadtrat, beziehungsweise die grün-rote Mehrheit. Könnte es also sein, dass die zuständige Stadtregierung dem Referat für Gesundheit keine ausreichenden politische Vorgaben gemacht hat? Hätten sie unnötige Härten von vornherein vermeiden müssen?

Klaus Peter Rupp ist gesundheitspolitischer Sprecher und Stadtrat für die SPD. Er sagt dazu: "Das ist ein Vorwurf, der sicherlich kommen kann, aber ob der berechtigt ist, bleibt in der Tat abzuwarten, weil wir einfach die Fakten noch nicht kennen." Der Fall werde derzeit aufgebarbeitet und sobald die Fakten klar seien, werde man auch entsprechend reagieren.

Regierung von Oberbayern: "50 Grad nicht nachvollziehbar"

Umgesetzt werden die Vorgaben der städtischen Gesundheitsbehörde jeweils von den Betreibern. Im Fall der beiden Unterkünfte in Freiham ist das also die Stadt München beziehungsweise die Regierung von Oberbayern. Ein Sprecher der Regierung von Oberbayern räumt auf Anfrage ein, dass die Quarantäne eine Belastung sei, aber: "Die Aussage, dass die Temperaturen in den Zimmern teils auf über 50 Grad steigen würden, können wir nicht nachvollziehen."

Bei der Komplexität der Zuständigkeiten sieht Gülseren Demirel, Landtagsabgeordnete der Grünen, ein Problem - bei der Größe der Unterkünfte ein anderes, besonders in Zeiten von Corona: Diese großen Unterkünfte unter Quarantäne zu stellen, das gehe nicht. Darum sage auch das Robert-Koch-Institut in seinen Empfehlungen: Kleine Einheiten.

Demirel: "Kettenquarantäne" in Unterkünften

"Sie müssen sich einmal vorstellen, 300 Menschen für 14 Tage einzusperren. Dann kann es passieren, dass ich innerhalb der 300 Personen in den 14 Tagen noch einmal eine Infektion habe." So sei es in Unterkünften bereits zu immer wieder verlängerter "Kettenquarantäne" gekommen.

Ahmet genießt jetzt erst einmal seine Freiheit. Er hofft, dass seine Unterkunft in nächster Zeit von einer Infektion verschont bleibt. Seit acht Jahren ist er schon in Deutschland und hofft, jetzt endlich eine Ausbildung anfangen zu können. Er möchte Physiotherapeut werden. Aussicht auf einen Ausbildungsplatz hat er schon.

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