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© Tobias Burkert

Nürnberg - Ein Viertel der Bevölkerung von Armut bedroht

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Wachsende Ungleichheit: Arm im reichen Bayern

Bayern gilt als reich. Doch die Ungleichheit im Freistaat wächst. Bayerische Sozialverbände kritisieren statistische Schönfärberei seitens der Politik. Die Unterschiede seien vor allem regional sehr groß. Von Simon Emmerlich

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Die soziale Ungleichheit in Bayern wächst, obwohl der Freistaat als reich gilt. Bayerische Sozialverbände sprechen von statistischer Schönfärberei seitens der Politik. Im Sozialbericht 2017 hat sich die Staatsregierung im vergangenen Frühjahr ein gutes Zeugnis ausgestellt. Der Begriff Armut taucht im Bericht gar nicht auf, stattdessen spricht man im entsprechenden Kapitel von "niedrigen Einkommen".

"Armut ist immer relativ. Ich muss mir das Leben mit meinen Mitteln in meiner Umgebung leisten können. Thomas Beyer, Landesvorsitzende AWO Bayern

Laut Bericht liegt die Armutsgefährdungsquote in Bayern bei 11,6 Prozent. Das ist bundesweit der niedrigste Wert. Als Vergleichsgröße legt die Staatsregierung das bundesweite Netto-Äquivalenzeinkommen zugrunde, also vereinfacht gesagt das, was Menschen in Deutschland im Schnitt als Erwachsener pro Monat zur Verfügung steht.

Vorwurf: "Kunstgriff in der Statistik“

Der Bayerische Landesverband der Arbeiterwohlfahrt kritisiert diese Berechnung und hält sie für "mehr als einen Kunstgriff in der Statistik“. Wegen der statistisch höheren Einkommen in Bayern müsse man als Grundlage des Vergleichs natürlich auch das bayerische Durchschnittseinkommen heranziehen – nicht das bundesweite. Dann steige das tatsächliche.

"In Bayern ist demnach mehr als jede und jeder Siebte von Armut bedroht und nicht "bloß“ jede und jeder Neunte." Thomas Beyer, Landesvorsitzender AWO Bayern

Gemessen am Netto-Einkommen ist Augsburg die ärmste Stadt Bayerns. Lediglich 18.424 Euro verfügbares Durchschnittseinkommen haben Augsburger, bayernweit waren es 2014 immerhin 23.080 Euro.  Der Niedergang der Textilindustrie ist in Augsburg bis heute zu spüren. Viele haben den Beruf, in dem sie Jahre gearbeitet haben, verloren. Das wirkt sich bis heute aus, etwa beim Rentenniveau.


"Armenhaus“ Nürnberg

Auch in Nürnberg steigt das Armutsrisiko stetig. Fast ein Viertel der Einwohner gilt als "von Armut bedroht“. Bundesweit belegt die Frankenmetropole nach Zahlen des statistischen Bundesamts für 2016 im Negativ-Ranking der 15 größten Städte den zweiten Platz nach Dortmund. Auf Rang drei folgt Duisburg.

"Was wir tun können, ist über den Nürnberg-Pass versuchen, den Betroffenen das Leben zu erleichtern. Wir haben das Bildungs- und Teilhabepaket für Kinder und Jugendliche, wo wir kleine Hilfen geben können." Dieter Maly, Leiter Sozialamt Nürnberg

Überraschend ist für Sozialamtschef Dieter Maly, dass die Zahl der Empfänger von Sozialhilfeleistungen parallel nicht angestiegen, sondern wegen guter Konjunktur sogar leicht gesunken ist. Viele Sozialverbände ziehen aus dieser Entwicklung den Umkehrschluss: Immer mehr Menschen in Bayern sind eben trotz Erwerbstätigkeit von Armut bedroht.   

269.000 Münchner sind arm

Vor allem in der Landeshauptstadt geht die Einkommensschere immer weiter auseinander. 17,4 Prozent der Münchner Bürgerinnen und Bürger sind laut diesem Bericht der Stadt von Armut betroffen. Das sind etwa 269.000 Menschen. Trotz positiver wirtschaftlicher Entwicklung ist die Zahl seit 2011 um 2,7 Prozent gestiegen.

Ungleichheit wächst

Der Wohlstand steigt ebenso. Der Anteil der gut und besser verdienenden Menschen in München, die über 120 Prozent oder mehr des mittleren Einkommens verfügen, stieg binnen sechs Jahren von 30 auf 34 Prozent, heißt es von der Stadt.

200.000 Bayern auf Lebensmittelspenden angewiesen

Wie die soziale Lage in Bayern tatsächlich aussieht, lässt sich auch am Beispiel der Tafeln erahnen. Denn bei der kostenlosen Essensausgabe zeigt sich direkt, was sonst hinter schwammigen Einkommensmedianen verschwimmt. Ob es sonntags auch mal Fleisch gibt, ob Kinder hungrig in die Schule gehen oder eben nicht.

In Bayern gibt es aktuell 170 Tafeln. Rund 200.000 Menschen werden unterstützt, die Hälfte davon rekrutiert sich aus erwerbsfähigen Erwachsenen, darunter viele Hartz-IV Empfänger. Knapp ein Viertel sind Rentner. Zum Vergleich: Auch in Nordrhein-Westfalen sind rund 200.000 Menschen auf die Hilfe der dort rund 170 Tafeln angewiesen. Ähnliche Zahlen wie in Bayern, und das obwohl NRW weitaus höhere Bevölkerungs- und Arbeitslosenzahlen aufweist als das vermeintlich reiche Bayern.

"Es geht uns gut, aber die Verteilung dieses Gutgehens ist denkbar schlecht." Reiner Haupka, Landesverband der Tafeln in Bayern.

Er sieht vor allem die Altersarmut als Problem, das auf alle Menschen in Deutschland zukommt.

"Wenn sie eine Rente von 2.000 Euro haben wollen, müssen sie über 45 Jahre lang 4.500 Euro im Monat verdienen. Viele Rentner haben momentan um die 1.000 Euro. Wie wollen sie da heute in einer Region wie München überleben?", Reiner Haupka, Landesverband der Tafeln in Bayern.