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Vorgeschichte einer Revolution: Verzweiflung an der Heimatfront | BR24

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Hungernde in München während des Ersten Weltkriegs

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Vorgeschichte einer Revolution: Verzweiflung an der Heimatfront

Der Weltkrieg tobte nicht nur an der Front. Auch daheim bröckeln Siegeszuversicht und monarchische Gesinnung, regieren Hunger und Mangel. Im tristen Alltag - Steckrüben, Sockenstopfen, Ohnmachtsanfälle - braut sich Revolutionäres zusammen.

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Geplant war eine Dichterlesung. Das Ergebnis: ein kafkaeskes Fiasko. Am 10. November 1916 nimmt Franz Kafka in der Münchner Galerie Goltz Platz und beginnt, seine neue Novelle "In der Strafkolonie" vorzutragen. Was kurz darauf passiert, schildert ein Zeuge so.

"Ein dumpfer Fall, Verwirrung im Saal, man trug eine ohnmächtige Dame hinaus. Die Schilderung ging inzwischen fort. Zweimal noch streckten seine Worte Ohnmächtige nieder. Die Reihen der Hörer und der Hörerinnen begannen sich zu lichten. Manche flohen im letzten Augenblick, bevor die Vision des Dichters sie überwältigte." Max Pulver, Erinnerungen an eine europäische Zeit (1953)

Kafkas fiktiver Reisebericht - durch die Zensur geschmuggelt als "tropische Münchhausiade" - ist in der Tat unerhört. Der Dichter beschreibt detailgenau eine Foltermaschine, die dem Delinquenten seine Vergehen in die Haut ritzt. Ihr Konstrukteur - ein Offizier - will dem Erfolg seiner Schöpfung nachhelfen, indem er sie an sich selbst anwendet - was zugleich sein Ende und das der Maschine besiegelt.

Der Dichter und sein Publikum: beide vom Krieg gezeichnet

Entstanden ist die Erzählung ab Oktober 1914 unter dem Eindruck des Kriegs. Kafkas Arbeitgeber hat seine Einberufung verhindert, in seinem Tagebuch aber tauchen Frontberichte seines Schwagers und düstere Reflexionen auf: "Die Gedankengänge, die sich an den Krieg knüpfen, sind in der quälenden Art, mit der sie mich in den verschiedensten Richtungen zerfressen."

Auch die übermäßige Wirkung des Werks hat wohl mit dem Krieg zu tun. Im Vortragssaal ist es eiskalt - Heizmaterial ist rar. Die Ernährungslage ist zunehmend prekär - Schwächeanfälle auch außerhalb von Dichterlesungen an der Tagesordnung.

Hunger und Protest

Gleich nach dem von vielen euphorisch begrüßten Kriegsausbruch hat die Regierung damit begonnen, Ernteerträge für die Front zu konfiszieren. Man rechnet mit einem kurzen Krieg, die Ernte 1915 soll schon wieder im Frieden eingebracht werden. Dem ist nicht so, und auf den Feldern fehlen Arbeitskräfte. Für immer mehr Menschen sind Essensausgaben wie die Münchner letzte Anlaufstation.

"In der ersten Zeit der Eröffnung [der Münchner Volksküche] kurz nach Kriegsbeginn hatten sich etwa 150 Kostgänger eingefunden; bald begann der Zudrang sich merklich zu steigern, es kamen bald 300 und jetzt sind die regelmäßigen Mittagsgäste auf über 500 angestiegen." Münchner Stadtchronik, März 1916

Im Juni kommt es auf dem Münchner Marienplatz zur ersten von mehreren Hungerausschreitungen. Der Anarchist Erich Mühsam notiert in seinem Tagebuch:

"Die Polizisten hatten blank gezogen und ritten jetzt, nach allen Seiten schlagend, über den Platz. Man hörte Schreie von Verwundeten, namenlose Wutäußerungen: Pfui! Sauhunde! Preußenknechte! Helden! Auf Weiber und Kinder habt ihr Mut! Pfui! Pfui!" Erich Mühsam

Dabei steht das Schlimmste noch bevor.

Der "Dotschenwinter" 1916/17 und die Folgen

1915 hat man auf Geheiß aus Berlin massenhaft Schweine geschlachtet, um Kartoffeln zu sparen. 1917 sind die Schweine gegessen, die Kartoffeln dennoch rar, auf dem Speisezettel steht Notnahrung: Steckrüben ("Dotschen") mit "Nährhefe", Ersatzprodukte wie Wurzelkaffee, in der Natur Aufgelesenes.

Der Medizinhistoriker Wolfgang U. Eckart hat die Ernährungslage im "Hungerwinter" und "Hungersommer" 1917 untersucht. Die Grundversorgung in den Städten liegt bei nur noch 1.000 Kalorien am Tag - "zum Sterben zu viel und zum Leben und Arbeiten zu wenig", so Eckart - und zitiert den Direktor der Heil- und Pflegeanstalt Regensburg, der beobachtet, wie die Kranken Gras und Blumenzwiebweln verzehren und "um die Nahrungsmittel mit Mitkranken förmlich rauften".

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Propagandapostkarte (1915)

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Sarkastische "Traueranzeige" (1918)

Kurz und knapp: Es fehlt an allen Ecken und Enden

Die Schriftstellerin Isolde Kurz - seit 1873 Wahlmünchnerin - schildert, wie ihre Spaziergänge sie "in den ersten Kriegsjahren weit in den damals noch unbebauten Norden Schwabings hinausführten, aber am Ende nur noch bis zu einer Bank am Parzifalplatz reichten: "Dort saßen wir dann, während die Straßen der Stadt im Dunkel lagen, nur von wenigen, gegen die Fliegergefahr blauabgedämpften Laternen erhellt (...)"

Anschaulich beschreibt Kurz, wie sie aus feuchtem Zeitungspapier Kohleersatz-Briketts zusammendreht und, weil das im Winter nicht reicht, ins Bett eingemummelt "durchgelaufenen Strümpfe stopft, die längst keinen Faden von ihren ursprünglichen Sohlen mehr hatten." Einmal wickelt sie eine Art Care Paket für das "noch ärmere Österreich" mit einem Vorkriegsbindfadenrest ein.

"Am andern Tag kam es vom Postamt zurück mit dem Vermerk, eine so gute, aus reinem Hanf gedrehte Schnur dürfe Deutschland nicht verlorengehen; zum Versand über die Grenzen sei nur die neue Ersatzschnur aus Papier erlaubt." Isolde Kurz, Die Pilgerfahrt nach dem Unerreichlichen. Eine Lebensrückschau

Da hilft es eher wenig, dass König Ludwig III. zu Spenden aufruft, wohl auch selbst spendet und im Vatikan erreicht, dass die Mutter Gottes offiziell zur "Patrona Bavariae" ernannt wird.

Der Tod kommt mit nach Hause

Im Herbst 1918 steigt die Zahl der Notleidenden drastisch an. Zehntausenden Soldaten kehren desillusioniert von der Font zurück. Mit ihnen hält ein verheerendes Virus Einzug in Bayern: Die "Spanische Grippe", die europaweit Millionen Menschen das Leben kostet. In Bayern, hat der Historiker Manfred Vasolt herausgefunden, fordert die Seuche binnen weniger Monate 20.321 zivile Opfer. Die zeitliche Nähe zu den revolutionären Ereignissen, so Vasolt, legt nahe, dass die Krankheit die Wut in der Bevölkerung weiter verstärkt.

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Die sogenannte Spanische Grippe war eine der gefährlichste Pandemien der Menschheitsgeschichte. Gut zu wissen blickt ins Archiv und erklärt die Chronologie.

"Im Felde unbesiegt": Die Ursprünge der Dolchstoßlegende

Viel später wirksam, aber ähnlich verheerend ist ein nationaler Mythos, der sich viral ausbreitet: Die "Dolchstoßlegende". Diese Geschichtsklitterung reaktionärer Kreise, die nach dem problematischen Friedensvertrag von Versailles an Popularität gewinnt, behauptet, nicht die Oberste Heeresleitung sei am verlorenen Krieg schuld, sondern Verräter an der Heimatfront - je nach Gusto Pazifisten, Sozialdemokraten oder Juden. Scheinbar plausibel wird die Behauptung durch die Tatsache, dass bis zum Kriegsende kein feindlicher Soldat deutschen Boden betritt - während gleichzeitig daheim die Verzweiflung immer mehr Menschen zu Protestaktionen auf die Straße treibt.

Der Historiker Holger Afflerbach, der sich mit den Gründen der Niederlage beschäftigt hat, beschreibt den Zusammenhang so:

"Die Stimmung an der deutschen Heimatfront war so verzweifelt, und die Leute wollten so dringend den Frieden, dass die Heimatfront [eine Fortdauer des Kriegs] wahrscheinlich nicht ausgehalten hätte. Das heißt, das, was man militärisch macht, ist falsch, und das, was militärisch richtig gewesen wäre, nämlich abzuwarten, wäre wegen der Heimatfront nicht möglich gewesen." Holger Afflerbach

Wenig später wird die Dolchstoßlegende zum Propagandainstrument eines Mannes, der 1913 aus Wien neu nach München gekommen ist, das Jahr 1917 im Lazarett und an der Westfront verbringt und im November 1918 nach München zurückkehrt: Adolf Hitler.

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Diskussion: die Folgen der Revolution. Hans-Michael Körner, Professor LMU, Andreas Wirsching, Direktor des Instituts für Zeitgeschichte, Adrian Prechtel, "Abendzeitung", Michael Stephan, Leiter des Münchner Stadtarchivs.

Autor
  • Michael Kubitza
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