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Desinfektionsmittel an einer Grundschule

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    Vor weiterer Schulöffnung am Montag: Lehrer schlagen Alarm

    Fehlende Schnelltests, mangelnde Strategien für den Umgang mit positiven Corona-Befunden, keine Zeit für schwächere Kinder und Jugendliche. Vor der Rückkehr zu mehr Präsenzunterricht am Montag schlagen Bayerns Lehrerverbände und Gewerkschaften Alarm.

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    Von
    • Anna Giordano
    • Michael Kubitza
    • BR24 Redaktion

    Kommende Woche soll an den meisten Schulen in Bayern wieder in Präsenz unterrichtet werden, unter Einhaltung entsprechender Hygienekonzepte. Doch anders als vorhergesagt sind an vielen Schulen die Lehrerinnen und Lehrer noch immer nicht geimpft, Lüftungsanlagen wurden nicht in Klassenzimmer eingebaut - und die Möglichkeit für Lehrkräfte, sich einem Schnelltest zu unterziehen, besteht vielerorts nur in der Theorie.

    Alles unvermeidliche Folgen der Corona-Krise? Simone Fleischmann, Präsidentin des Bayerische Lehrer- und Lehrerinnenverband (BLLV), bestreitet, dass an Bayerns Schulen im Prinzip alles gut sei:

    "Die meisten Schwachstellen im Bildungssystem gibt es nicht erst seit Corona. Die Krise hat uns besonders deutlich gezeigt, was wahr ist, aber nicht wahr sein darf." Simone Fleischmann, BLLV

    Tests für LehrerInnen und Kinder? Oft nur auf dem Papier

    "Unsere Lehrerinnen und Lehrer haben Angst vor einer Infektion", erzählt zum Beispiel Almut Wahl, Schulleiterin einer Mittelschule in München, auf einer Pressekonferenz des BLLV:

    "Offiziell dürfen sie sich zweimal die Woche testen lassen, das Schreiben dazu haben wir schon bekommen. Aber die Tests sind nicht da." Almuth Wahl, Schulleiterin einer Mittelschule in München

    Die Verteilung der Schnelltests an die Schulen erfolgt über die Kreisverwaltungsbehörden. "Leider ist es derzeit noch nicht möglich, für alle Schulen zeitgleich eine erste Lieferung anzubieten, weil die hierfür benötigten Mengen an Selbsttests noch nicht zur Verfügung stehen", heißt es auf der Seite des Bayerischen Kultusministeriums.

    Gewerkschaft Erziehung und Unterricht kritisiert Selbsttest-Angebot

    Harsche Kritik an den Widersprüchen zwischen Theorie und Praxis kommt auch von der Gewerkschaft Erziehung und Unterricht, wo man sich dagegen wehrt, dass die Unterrichtenden neben der Umsetzung der Hygienepläne und ständig wechselnden Unterrichtsformen nun auch noch die "Bayerischen Teststrategie" realisieren sollen. Als realitätsfern wertet die GEW vor allem das "Selbsttest-Angebot" für jüngere Schüler:

    "Der Umgang mit (unter Umständen positiven) Testergebnissen bleibt bei den Selbsttests jedem einzelnen überlassen, was das ganze Unterfangen vollkommen entwertet." Martina Borgendale, GEW

    Die GEW fordert daher fest installierte Teststationen mit medizinisch geschultem Personal an jeder Bildungseinrichtung.

    Kultusminister Michael Piazolo hatte am Dienstag die Maßnahmen dagegen in einem offenen Brief an die Erziehungsberechtigten in Bayern verteidigt. "Den Infektionsschutz an Schulen haben wir weiter verstärkt", heißt es darin. Als Beispiel werden die Maskenpflicht und das Testkonzept angeführt. "Mit dem Hygienekonzept bieten wir die größtmögliche Sicherheit im Präsenzbetrieb", so Piazolo.

    Benachteiligte Kinder fallen durchs Netz

    Eine Absage an den Präsenzunterricht sei die Kritik nicht, betont die Schulleiterin Almut Wahl. Denn besonders Kinder aus benachteiligten Familien würden im Distanzunterricht ins Hintertreffen geraten: "Wir haben Schüler, die einfach nicht mehr wollen, die keine Motivation mehr spüren, sich nicht mehr aufraffen können."

    Ihre Kolleginnen hätten teilweise an den Haustüren der Kinder und Jugendlichen geklingelt, um festzustellen, "was da los ist". Auch Monika Faltermeier, Mittelschul-Lehrerin in Wartenberg, bestätigt diese Erfahrungen:

    "In manchen Familien teilen sich vier Kinder eine Internetverbindung. Es ist klar, dass Distanzunterricht so keinen Spaß macht." Monika Faltermeier, Mittelschul-Lehrerin

    Und sie fragt sich: "Können die im Lockdown entstandenen Lerndefizite jemals aufgeholt werden?"

    Förder- und Fachlehrkräfte sind frustriert

    Denn ein weiteres Problem ist nach Aussagen des BLLV, dass Förder-Lehrkräfte, die schwächere Kinder eigentlich unterstützen sollten, das nicht tun können. Aufgrund des Lehrermangels würden sie häufig für andere Aufgaben eingesetzt: "Seit dem Lockdown sitze ich mit 80 Prozent meiner Arbeitszeit in der Notbetreuung, in den anderen 20 Prozent beaufsichtige ich Proben", berichtet zum Beispiel Jochen Fischer, Förderlehrer einer Grundschule in Otterfing: "Es kann doch keine Bildungsgerechtigkeit geben, wenn Kinder, die das brauchen, nicht gefördert werden."

    Ganz ähnlich geht es Fachlehrkräften wie Dimitri Telent. Er ist Musiklehrer an einer Nürnberger Mittelschule. "Viele meiner Kolleginnen und Kollegen sind frustriert, und das ist verständlich", erklärte Telent mit Blick auf die Situation der Fachlehrkräfte. Die Kinder bräuchten Erfolgserlebnisse. "Und praktische Fächer unterstützen dieses Bedürfnis wesentlich. Dafür brauchen wir dringend eine Verbesserung unserer Arbeitsbedingungen." Der Lehrerberuf werde zunehmend unattraktiver, wenn ausgebildete Kräfte ihre Kompetenzen nicht ausleben könnten.

    Auch die Lehrerausbildung leidet unter Corona

    Referendare, hätten derzeit ohnehin schwierige Startbedingungen, erzählt ein Gymnasiallehrer aus Ingolstadt: "Die jungen Uni-Absolventen, die im September mit ihrer Ausbildung begonnen haben, unterrichten Schüler im Distanzunterricht, denen sie teilweise noch nie im echten Leben begegnet sind." Lehrproben wurden teilweise dreimal verschoben, weil diese nur im Präsenzunterricht abgenommen werden können. Das sei für die Referendare "unglaublich nervenzehrend."

    Starre Übertrittsregeln unangemessen

    Auch das starre Festhalten Bayerns an den Regelungen zum Übertritt, insbesondere der hohe Wert des Notendurchschnitts in der vierten Klasse, wurden scharf kritisiert: "Unsere Kinder lernen durch die vielen Umbrüche gerade unglaublich viel", sagte zum Beispiel Sabine Bösl, Schulleiterin einer Grundschule in Holzkirchen.

    "Es sollte doch jetzt viel mehr darum gehen, ihre Kompetenzen zu stärken, sie für ein Leben in der modernen Welt vorzubereiten. Und nicht darum, ihnen Noten zu geben, die sie für stures Auswendiglernen bekommen." Sabine Bösl, Schulleiterin

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