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Vor 75 Jahren übernahmen die Alliierten Lindau am Bodensee | BR24

© picture alliance / arkivi

Historisches Bild von Lindau

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    Vor 75 Jahren übernahmen die Alliierten Lindau am Bodensee

    Ende der Terrorherrschaft: Vor 75 Jahren haben die Alliierten die Nationalsozialisten besiegt. Am 30. April 1945 marschierten die Franzosen in Lindau am Bodensee ein und übernahmen die Rot-Kreuz-Stadt. Sie drangen bis ins Oberallgäu vor.

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    Von
    • Steffen Armbruster
    • Torsten Thierbach

    In den ersten Monaten nach Kriegsende waren die Kreise Kempten und Sonthofen unter französischer Herrschaft. Im Juli 1945 gingen sie an die Amerikaner. Damit war ganz Bayern unter US-Besatzung – bis auf einen einzigen Landkreis: Lindau. Die Franzosen behielten die Kontrolle über Lindau, umso ihre Besatzungsgebiete in Österreich von Württemberg aus auf dem Landweg erreichen zu können.

    Die Franzosen fahren im Jeep und mit weißer Fahne vor

    Rudolf Bast war zehn Jahre alt als die Franzosen Lindau besetzten. Es war der 30. April 1945. Vom Fenster aus sah er die Soldaten in einem Jeep mit einer weißen Fahne darauf vorfahren. Mit seinem Zwillingsbruder lief Rudolf Bast dann aus dem Haus.

    Wir sind mit den Franzosen in die Polizeiwache rein. Das waren offenbar kinderfreundliche Soldaten. Und das war der Augenblick, wo Lindau übergeben worden ist.

    Der Kreis Lindau war der einzige bayerische Kreis unter französischer Besatzung. Der Rest von Bayern fiel den Amerikanern zu. Lindau gehörte damit nicht mehr zu Bayern, aber auch nicht zu Württemberg – Lindau war quasi ein eigener Staat geworden: Französisch-Bayern. Und dafür suchten die Franzosen einen Kreis-Präsidenten.

    Gesucht wird: ein Kreispräsident für Lindau

    Anton Zwisler war seinerzeit Vorsitzender der Industrie- und Handelskammer und Landmaschinenbauer. Anfangs hatte er sich noch geweigert diese Aufgabe zu übernehmen. Doch die Parteien im Kreistag wollten ihn und die Franzosen machten Druck.

    Ich musste dann 'Ja' sagen nachdem die Franzosen gesagt haben: Wenn Sie bei ihrer Weigerung bleiben, dann bleibt nichts anderes übrig, als Lindau an Württemberg anzuhängen. Und dagegen hat sich dann doch mein bayerisches Herz gesträubt. Und ich habe 'Ja' und 'Amen' gesagt.

    Und das sollte sich als Glücksfall für die Lindauer erweisen. Denn Zwisler bekam weitreichende Befugnisse: Er konnte Gesetze erlassen und sie auch selbst umsetzen. Die Bürgermeister und der Landrat waren ihm unterstellt. Er konnte Beamte einsetzen und über die Finanzen bestimmen.

    "Anton der Sanftmütige" baute Straßen und Schulen

    Das Geld steckte er vor allem in den Bau von Straßen und Schulen. Zwisler sorgte für ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Industrie und Landwirtschaft: die Tabakfabrik in Weiler im Westallgäu versorgte Soldaten und Bevölkerung mit Zigaretten; es gab Käsefabriken, genügend Butter und Obst. Und weil der Kreispräsident seine Macht nie ausnutzte, nannten ihn die Lindauer auch liebevoll „Anton den Sanftmütigen“.

    Und dann gelang Zwisler ein Coup: 1950 eröffnete die Spielbank Lindau. Weit und breit die einzige. Manch einer soll seine Villa hier verspielt haben. Lindau konnte die Einnahmen komplett einstreichen. Sogar Stimmen waren laut geworden, die nach einem eigenen Staatswesen riefen. Doch Zwisler winkte ab.

    Wir hätten uns finanziell tragen können. Aber, da habe ich gesagt: Nein! Also ich bin ein Bayern und bleibe ein Bayer. Und ich möchte nicht in München am Marienplatz öffentlich gehängt werden.

    Viele verklärten die Zeit später als "Paradies". Rudolf Bast spricht heute lieber vom reichen Leben armer Leute. So hat er auch sein Buch betitelt, in dem er seine Erinnerungen aufgeschrieben hat. Er sagt: Der Hunger ist gegangen. Die Freundschaft zu den Franzosen ist geblieben.