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Von Urwaldrelikten und Naturwaldreservaten | BR24

© Rebekka Preuß

Der Rickenbach in der Rohrachschlucht

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    Von Urwaldrelikten und Naturwaldreservaten

    Der Tannenfeuerschwamm lebt nur auf Totholz. Der fleischfressende Sonnentau wartet im Moor auf lebendige Nahrung. Was sich in Allgäuer Tobeln und Mooren verbirgt, erforscht Isolde Miller als Gebietsbetreuerin im Landkreis Lindau.

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    Isolde Miller läuft über eine Wiese in der Nähe von Scheidegg. Am Ende des Grüns verschwindet sie im dichten Wald. Ab hier geht es bergab: in die Rohrachschlucht. Ein bewaldeter Tobel mit steil abfallenden Felswänden. Am Grund rauscht der Rickenbach. Er hat sich tief in die Ablagerungen der Süßwassermolasse gegraben und den Tobel geformt.

    "Die Tobel sind für mich schon was ganz Besonderes. Das Rauschen des Wassers und die Kraft des Wassers, die man immer wieder spürt und sieht. Ich spüre da auch ganz viel Natur und Ungezähmtheit." Isolde Miller, Gebietsbetreuerin "Moore, Tobel und Bodenseeufer im Landkreis Lindau"

    Die Rohrachschlucht erforscht Isolde Miller als Gebietsbetreuerin im Auftrag des Bayerischen Naturschutzfonds und des Bund Naturschutz seit 16 Jahren. Weitere Tobel und mehrere Moore gehören zu ihrem Gebiet im Landkreis Lindau. Die Bodenseeregion zeichnet sich durch eine große Artenvielfalt aus – wie hier in der Rohrachschlucht.

    Große Artenvielfalt im Tobel

    Der Tobel ist ein Naturwaldreservat. Weil seine Hänge zu steil sind, ist er für die Holzwirtschaft uninteressant. Und auch für Spaziergänger ist er unerschlossen. Das gibt dem Wald die Chance, sich fast wie ein Urwald zu entwickeln und so Lebensraum für seltene Tiere und Pflanzen zu sein. So wie für den Tannenfeuerschwamm. Der Pilz wächst ausschließlich auf toten Tannen.

    "Dieser Tannenfeuerschwamm ist aufgrund seiner Größe mit Sicherheit schon 6 oder 7 Jahre alt. Vor 3 Jahren habe ich ihn entdeckt." Isolde Miller, Gebietsbetreuerin "Moore, Tobel und Bodenseeufer im Landkreis Lindau"

    Die unterschiedlichen Pilzarten im Tobel werden seit mehreren Monaten kartiert. Die Schlucht ist für die Wissenschaftler um Isolde Miller wie ein Freiluftlabor. Auch die Käfer, die im Tobel leben, wurden bereits gezählt und bestimmt.

    "Pilze sind für das Ökosystem im Wald sehr wichtig. Neben den Pilzen wurden auch Totholz besiedelnde Käfer kartiert. Und hier sieht man sehr gut die Zusammenhänge. Es wurde eine Urwald-Relikt-Art gefunden – der Harzporling-Ozellen-Käfer. Der kommt nur auf dem Harzporling-Pilz vor. Gäbe es den Pilz nicht, gäbe es den Käfer nicht. Also es gibt immer Tiere, die an Pilze gebunden sind. Pilze, die an Baumarten gebunden sind. Diese Abhängigkeiten im Ökosystem sind gerade am Beispiel Pilze sehr gut darzustellen." Isolde Miller, Gebietsbetreuerin "Moore, Tobel und Bodenseeufer im Landkreis Lindau"

    Und dann haben die Wissenschaftler bei ihren Käfer-Untersuchungen in der Rohrachschlucht sogar noch eine bislang unbekannte Art entdeckt.

    Moore wichtig für den Klimaschutz

    Auch die Pflege mehrerer Moore gehört zur Aufgabe der Gebietsbetreuerin. Die Renaturierung des Hagspielmoors hat 4 Jahre gedauert. Mehrere Hundert Staudämme haben Isolde Miller und weitere Naturschützer in die Entwässerungsgräben gebaut, damit sich das Wasser wieder anstaut und das Moor verwässert. Die Aktivierung der Moore ist ein elementarer Beitrag zum Klimaschutz. Zwar bedecken Moore nur drei Prozent der weltweiten Landfläche, dafür aber speichern sie doppelt so viel Kohlenstoffdioxid wie alle Wälder der Erde zusammen.

    Moore sind außerdem ein wichtiger Wasserspeicher. Dadurch, dass sie Niederschläge aufsaugen wie ein Schwamm, dienen sie bei Starkregen oder Hochwasser als Rückhaltebecken. Außerdem filtern Moorpflanzen und Torf Schadstoffe aus dem Wasser – die sonst in unser Grundwasser gelangen würden.

    Umweltschutzmaßnahmen und Öffentlichkeitsarbeit

    In die Tobel und Moore des Landkreises Lindau nimmt Isolde Miller auch immer wieder Interessierte auf Exkursionen mit. Neben den Umweltschutzmaßnahmen ist die Öffentlichkeitsarbeit ein wichtiger Bestandteil ihrer Arbeit als Gebietsbetreuerin.

    "Das Bewusstsein für den Naturschutz wächst und wir müssen es weiter stützen durch Informationen. Denn wir müssen den Menschen die Informationen auch geben, damit sie wissen, was kann ich tun oder was geht eigentlich verloren, wenn wir nichts tun." Isolde Miller, Gebietsbetreuerin "Moore, Tobel und Bodenseeufer im Landkreis Lindau"

    Im Hagspielmoor beispielsweise ist kaum noch eine offene Wasserfläche zu erkennen. Torfmoose haben den Boden bereits dicht bedeckt. Und so konnten sich auch wieder Pflanzen ansiedeln, die auf dem vormals verbuschten Moorboden keine Chance hatten. Wie der fleischfressende Sonnentau, der mit seinen mit Klebedrüsen besetzten Blättern tierische Nahrung fängt - und die Moosbeere.