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Ein Besuch im Biergarten: Menschen wie Jörg Mertens können sich das nicht leisten.

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"Von Leben kann man gar nicht reden" - Armut in Bayern

"Von Leben kann man gar nicht reden" - Armut in Bayern

Scham, Stress, ständig verzichten müssen: Was heißt es, im Freistaat arm zu sein? Einen Einblick gibt die Twitter-Aktion #IchbinArmutsbetroffen. Sein Budget reicht an allen Ecken und Enden nicht, sagt ein Betroffener.

Wehmütig – so fühlt sich Jörg Mertens immer, wenn er am Biergarten im Münchner Hirschgarten vorbeigeht. Früher konnte er sich hier mit Freunden treffen und bei einer Maß plaudern. "Das ist eine Sache, die kann ich mir nun ganz einfach nicht mehr leisten", sagt Mertens.

Der 60-Jährige kann wegen verschiedener Erkrankungen nicht mehr arbeiten. Er lebt von einer Erwerbsminderungsrente und benötigt zusätzlich Grundsicherung. "Von Leben kann man, glaub ich, gar nicht reden", sagt er. Das Budget reicht an allen Ecken und Enden nicht. Die Lebensmittel im Kühlschrank, Anfang des Monats frisch gefüllt, werden nur bis zum 15. Juni reichen. Der Duschkopf ist hin, der Fernseher flackert, selbst Rasierklingen sind zu teuer.

Ein Hashtag für mehr Sichtbarkeit

Solche Momente teilen Menschen wie Jörg Mertens derzeit unter #IchBinArmutsbetroffen auf Twitter: Menschen aus allen Bevölkerungsgruppen. Alleinerziehende, Rentner, Studierende, Azubis, Menschen mit Schwerbehinderung. Sie erzählen über Einschränkungen am laufenden Band. "Eigentlich wollte ich heute endlich meinen Kindern den Wunsch nach einer Wassermelone erfüllen, die sie seit Wochen haben wollen. Ich musste sie wieder enttäuschen", schreibt da jemand.

Ein anderer: "#IchBinArmutsbetroffen heißt auch, sich total zu freuen wenn die Mutter einem den Eintritt ins Schwimmbad zahlt. Als erwachsener Mensch." Oder: "Ich habe einen akademischen Grad – aber auch drei Kinder. Arbeite deswegen Teilzeit und nicht im studierten Feld. Mann ist hochqualifizierter, extrem unterbezahlter Facharbeiter und burn out-Kandidat. Es reicht meist gerade irgendwie, statistisch arm."

Aktion will auch Stereotype aufbrechen

"Die Gruppe der Armutsbetroffenen ist unglaublich divers", sagt Konstantin Seefeldt von der Stiftung "OneWorryLess Foundation", die Bedürftige und auch die Aktion unterstützt. Mehr als 100.000 Tweets sind es inzwischen. Not und Existenzangst hätten angesichts der aktuellen Krisen noch einmal zugenommen, sagt Seefeldt. "Der Austausch zeigt: Ich bin mit meinem Schicksal nicht allein, ich bin kein Einzelfall. Und ich werde gehört, gesehen, ich kann teilhaben."

Die Aktion will auch Stereotype aufbrechen – etwa das Vorurteil vom faulen Erwerbslosen. Trotzdem finden sich unter den Posts mitunter Beleidigungen und ungefragte Ratschläge zur Budgetplanung. Kontraproduktiv, sagt Seefeldt. "Die meisten Armutsbetroffenen sind Meister im Sparen und Planen."

Arme in Bayern: Keine kleine Randgruppe

Armut betrifft in Deutschland 13,4 Millionen Menschen – 16,1 Prozent der Bevölkerung. Meist wird zwischen absoluter und relativer Armut unterschieden, sagt der Kölner Armutsforscher Christoph Butterwegge. Als absolut arm gilt jemand, der seine Grundbedürfnisse nicht befriedigen kann, der nicht genug zu essen oder kein Obdach hat.

Häufiger ist in Deutschland aber die relative Armut. Dabei können sich Betroffene vieles nicht leisten, was in der Gesellschaft als normal gilt. "Mal ins Kino, ins Theater zu gehen, sich mit Freunden im Restaurant zu treffen oder mit den Kindern auf die Kirmes, in den Zoo oder den Zirkus", sagt Butterwegge.

Wer von Armut bedroht ist

Laut einer Konvention der EU gilt als armutsbedroht, wer weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens der Bevölkerung einnimmt. In Deutschland liegt diese "Armutsrisikoschwelle" bei 1.126 Euro für einen Alleinstehenden. In Bayern betrifft das laut Mikrozensus 2021 1,6 Millionen Menschen – mehr also, als München Einwohner hat.

Erhöht ist das Armutsrisiko bei Arbeitslosen, aber auch bei Alleinerziehenden, Alleinlebenden, Menschen ohne deutschen Pass und kinderreichen Familien. Fast ein Drittel aller Studierenden in Deutschland lebt in Armut, zeigte kürzlich eine Studie. Und: Rund 22 Prozent der über 65-Jährigen in Bayern sind von Armut bedroht – und damit teilweise deutlich mehr als in allen anderen Bundesländern.

Armutsquote in Bayern am geringsten in Deutschland

Für die Gesamtbevölkerung ist die Armutsquote im Freistaat, je nach Berechnung, dagegen am niedrigsten in ganz Deutschland oder in der unteren Hälfte. Bayerns Sozialministerium führt das vor allem auf den stabilen Arbeitsmarkt zurück. Bayern habe mit 2,8 Prozent im Mai 2022 bundesweit die niedrigste Arbeitslosigkeit, auch die Jugendarbeitslosigkeit ist mit 2,1 Prozent noch geringer. "Die effektivste Prävention sind ein guter Arbeitsmarkt und ein möglichst durchgängiges Erwerbsleben", so das Ministerium.

Als Leistungen für Familien nennt es etwa Entlastung bei den Kita-Gebühren und das Bayerische Familiengeld, das nicht auf Sozialleistungen angerechnet wird. Von der Bundesregierung fordert das Sozialministerium unter anderem, Rentner bei den steigenden Energiepreisen zu berücksichtigen.

Armutsforscher fordert mehr Mindestlohn und höhere Regelsätze

Erwerbsarmut sei ein großes Problem, so Butterwegge. Die Mehrheit derer, die unter 1.126 Euro netto als Single-Haushalt zur Verfügung haben, arbeitet. "Das heißt, die haben einen so niedrigen Lohn oder ein so niedriges Gehalt, dass sie häufig auch noch aufstocken und Hartz IV in Anspruch nehmen müssen." Im deutschen Niedriglohnsektor seien über 20 Prozent der Beschäftigten tätig, so Butterwegge.

Er sieht die soziale Ungleichheit in Deutschland mit Sorge. "Wir haben eine Gesellschaft, die sich immer stärker in Arm und Reich spaltet." Der Forscher fordert unter anderem höhere Regelsätze für Hartz IV-Empfänger. Von 449 Euro für einen Alleinstehenden könne man sich nicht gesund ernähren und einigermaßen gut kleiden.

Es sei auch wichtig, den Mindestlohn deutlich zu erhöhen. "Der Niedriglohnsektor ist das Haupteinfallstor für Erwerbs-, Kinder-, Familien- und spätere Altersarmut", so Butterwegge. Es brauche mehr Kündigungsschutz, prekäre Beschäftigungsverhältnisse müssten in sozialversicherungspflichtige umgewandelt werden, die Tarifbindung solle gestärkt werden.

Initiative will Helfende besser vernetzen

Damit Hilfe ankommt, ist es auch wichtig, dass bestehende Initiativen bekannter werden. Das findet etwa die Initiative "Regionale Netzwerke für Soziale Arbeit" in München, kurz REGSAM. "München ist gut ausgestattet mit vielen sozialen Einrichtungen und Angeboten", sagt Geschäftsführerin Martina Hartmann – vom Formular-Service bis hin zu Kleiderspenden. Wichtig sei aber, dass die Einrichtungen im jeweiligen Stadtteil voneinander wissen und sich absprechen. So kann die Frau vom Nachbarschaftstreff etwa helfen, wenn sie den Weg zum Jobcenter kennt oder Betroffene darauf hinweist, dass zwei Straßen weiter ein Familienzentrum ist.

Die von der Stadt finanzierte Organisation sammelt deshalb verschiedene Angebote und bringt Akteure zusammen – etwa Vereine, Initiativen, aber auch Politik und Verwaltung. So lassen sich unnötige Gänge für Betroffene vermeiden, indem mitunter Essens- und Kleiderspenden an einem Ort gesammelt angeboten werden. Auch bei Themen wie digitaler Bildung spricht man sich ab, um etwa sozial benachteiligte Kinder oder arme Senioren mit Laptops zu versorgen.

Vertrauenspersonen sind wichtig

Die Betroffenen wüssten oft nichts über solche Angebote oder trauten sich aus Scham nicht, nachzufragen, sagt Aylin Romey von REGSAM. Vertrauenspersonen sind daher zentral, um auf Hilfe aufmerksam zu machen. "Zu den Behörden zu gehen wird als sehr kompliziert und unübersichtlich wahrgenommen", sagt Romey. Einen Flyer zu Leistungen für "Bildung und Teilhabe", mit denen Kinder aus sozial benachteiligten Familien unterstützt werden, würden Eltern so isoliert nicht annehmen. Ganz anders, wenn jemand bei der Tafel oder im Sozialbürgerhaus sagt: Sag mal, kennst du das schon?

Wichtig sei für Betroffene auch, durchgehende Ansprechpartner zu haben, denen man vertraut. Bei Behörden habe man es ständig mit fremden Menschen zu tun, denen man sich von Neuem öffnen müsse. "Es wirkt vielleicht banal: Aber es ist ganz wichtig, dass die Person im Jobcenter oder beim KVR freundlich ist", sagt Romey. Es brauche aber auch strukturelle Verbesserungen: Etwa, dass komplizierte Formulare einfacher werden.

Das fordert auch Jörg Mertens. Er wünscht sich, dass die Gesellschaft mehr über das Thema spricht. Und sich bewusst wird: Armut kann jeden treffen.

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