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Von Internaten lernen: Vorbild für die öffentlichen Schulen? | BR24

© picture alliance / dpa | Andreas Gebert

Archiv: Schüler der privaten Internatsschule Schloss Neubeuern sitzen vor Laptops.

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    Von Internaten lernen: Vorbild für die öffentlichen Schulen?

    Spätestens nach den Skandalen in Ettal oder an der Odenwaldschule sind Internate in ein fragwürdiges Licht gerückt. Doch in Corona-Zeiten zeigt sich: Die meisten Internate in Bayern machen richtig gute Arbeit. Sind sie Vorbilder für alle Schulen?

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    Von
    • Katrin Bohlmann

    Das bayerische Schulsystem gerät in der Corona-Krise immer stärker in die Kritik. Eine Ausnahme bilden offenbar die Internate. Sie sind technisch, digital und personell gut ausgestattet, können durch wenig Bürokratie schnell reagieren. Die Schüler profitieren davon.

    Freunde treffen, gemeinsam Sport treiben, zusammen Spaß haben. Was aktuell im Lockdown für viele nicht erlaubt ist, steht Schülerinnen und Schülern in bayerischen Internaten frei. Sie können fast uneingeschränkt in ihrer "Internats-Blase" leben. Sie dürfen das Schulgelände aber nicht ohne Weiteres verlassen. Auch hier findet wie an den öffentlichen Schulen Online-Unterricht statt.

    Internatsschüler leben von Außenwelt abgeschnitten

    Das Landheim Ammersee hat rund 280 Schülerinnen und Schüler. 140 davon gehen aufs Internat, die anderen schlafen zu Hause und kommen täglich zur Schule. Etwa zwei Drittel der Internatsschüler leben aktuell im Lockdown auf dem Campus. So wie die 18-jährige Tess aus München. Die Abiturientin genießt das Internatsleben in ihrer Hausgemeinschaft gerade sehr. "Es ist echt schön. Man kann hier viel machen. Wir können zwar nicht alle sehen. Aber wir Mädchen haben uns. Wir machen dann Mädelsabende, das ist einfach viel entspannter hier als zu Hause. Einfach mal weg von den Eltern", erzählt sie lachend.

    Ein fast normales Leben im Lockdown

    Auch der 18-jährige Jannis ist froh, jetzt im Internat zu sein. Hier kann er seine Freunde sehen, Basketball oder Fußball spielen, ins Fitnessstudio gehen. "Wenn ich daheim geblieben wäre, dann säße ich nur 'rum, hätte Playstation gespielt oder vielleicht mal mit einem Freund telefoniert. Aber hier sind viel mehr Möglichkeiten, mit anderen etwas zu machen", sagt der junge Mann aus Krailling.

    Sein Zimmergenosse Thomas ist erst seit wenigen Wochen im Internat. Der 19-Jährige war bisher Tagesheimschüler, wollte dann aber im Lockdown unbedingt ins Internat, weil er sich zu Hause einsam fühlte. "Das ist hier wie in einer WG. Ich kann meine Freunde sehen, wir kochen zusammen, [ich] kann Sport machen, man hat immer jemanden zum Reden. Zu Hause hängt man nur rum."

    Bayerische Internate: Nachfrage von Eltern seit Corona gestiegen

    Die Schüler im Landheim Ammersee erleben also einen fast normalen Alltag. Natürlich gelten auch hier klare Corona-Regeln. "Wer die nicht befolgt, muss gehen", sagt Stiftungsleiter Rüdiger Häusler. So müssen die Schüler nach einem Wochenende zu Hause einen Corona-Schnelltest machen. Erst dann dürfen sie sich – vorausgesetzt, sie sind negativ – auf dem Campus frei bewegen. Das altehrwürdige Landheim, idyllisch gelegen direkt am See, ist 1905 gegründet worden. Träger der Ganztagsschule ist eine Stiftung.

    Das Interesse von Eltern an einem Internatsplatz sei in den vergangenen Monaten gestiegen, bestätigen bayerische Internatsleiter dem BR. Ein Internatsplatz in Bayern kostet bis zu 3.500 Euro im Monat. Viele Privatschulen helfen dabei mit Stipendien, die aber oft nicht in Anspruch genommen würden, heißt es. Außerdem kooperieren bayerische Internate mit den Jugendämtern.

    Öffentliche Schulen können von Internaten lernen

    Der Stiftungsleiter vom Landheim Ammersee, Rüdiger Häusler, macht sich seit langem Gedanken über das bayerische Bildungssystem. Ihm ist klar, dass sich die wenigsten Familien einen Internatsplatz leisten können. Dabei sollte jeder Schüler optimale Lernbedingungen haben. Der ehemalige Gymnasiallehrer war 25 Jahre im öffentlichen Schuldienst. Er kenne die starren Strukturen dort. Im Gegensatz zu vielen staatlichen Schulen konnte das Landheim Ammersee schon zum ersten Lockdown schnell reagieren, hat technisch und digital aufgerüstet.

    Starre Strukturen im öffentlichen Bildungssystem aufbrechen

    Die Privatschulen könnten Vorbild für die öffentlichen Schulen sein, sagt der 54-Jährige, fügt aber hinzu: "Wer bin ich, einem staatlichen Gymnasium mit 2.000 Leuten schlaue Ratschläge zu erteilen? Aber sich zusammenzusetzen, sich auszutauschen. Das tun wir ständig."

    Das Landheim Ammersee begreife sich als Mitglied der bayerischen Schulfamilie, betont Häusler. "Wir sind so etwas wie eine kleine wendige Fregatte, wenn man das vergleicht mit den großen Öltankern der staatlichen Schulen. Wir haben deshalb eher Möglichkeiten, ein bisschen zu experimentieren. Aber trotzdem könnten sich die staatlichen Schulen davon das eine oder andere abschauen." Seine Ideen: Den Schulen mehr Autonomie geben. Die Krise als Chance nutzen, etwas Grundlegendes in der Bildung zu ändern, offen sein für neue Modelle.

    Elternverband: mehr Eigenverantwortung für öffentliche Schulen

    Mutter Monika Liebig aus Starnberg sagt: Das staatliche Schulsystem könne auch vom pädagogischen Ansatz von Privatschulen lernen. Ihre Tochter Katharina sei nach Jahren der schulischen Quälerei ins Landheim Ammersee gekommen und fühlt sich nun gut aufgehoben.

    Denn hier gehe es nicht nur nach den schulischen Leistungen. Die Kinder würden ganzheitlich wahrgenommen, sagt die Mutter: "Das ist eine Frage des Konzeptes, dass jedes Kind einen anderen Schwerpunkt hat. Dass das Kind nicht nur als Person gilt, wenn es in Mathe oder Deutsch gut ist, sondern auch in anderen nicht-akademischen Bereichen. Das hat mit Geld überhaupt nichts zu tun."

    Internate als optimaler Bildungsort? Die staatlichen Schulen könnten massiv von ihnen lernen, sagt Henrike Paede vom Bayerischen Elternverband. Bei den privaten Schulen seien die Wege kurz, da könne die Schulleitung schnell eine Entscheidung treffen. Und: "Die öffentlichen Schulen müssten ein höheres Budget bekommen, das sie selbst verwalten können", fordert die stellvertretende Landesvorsitzende. "Das Zauberwort heißt: Die Eigenverantwortung der Schulen stärken und ihr die entsprechenden Mittel zur Verfügung zu stellen."

    Während Internate früher oft für Negativschlagzeilen gesorgt haben, wie etwa die Missbrauchsfälle in Ettal oder in der Odenwaldschule, könnten sie jetzt also Vorreiter in der Bildungspolitik sein. Laut Bildungsministerium gibt es aktuell 28 Internate in Bayern.

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