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Symbolbild: Streuobstwiesen in Franken

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    Von der Kirsche bis zum Traktor: Diebstahl in der Landwirtschaft

    Kirschen am Baum oder Weintrauben an der Rebe sind meist unbewacht. Und können so leicht gestohlen werden. Was harmlos klingt, ist für viele Landwirte ein echtes Problem. Denn es bleibt oft nicht bei Kirschen und Trauben.

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    Von
    • Rebecca Reinhard

    Es summt nicht mehr in dem Waldstück in der Nähe des Wörthsees. Bis vor vier Monaten lebten in einer Hütte wenige Meter abseits des Pfades noch 16 Bienenvölker. Bis Bio-Imker Christoph Henkel die Tür am 28. März aufgebrochen vorfand. Es fehlten vier ganze Bienenvölker – ausgerechnet die, die am besten entwickelt waren. Die Polizei attestierte besonders schweren Diebstahl. Sachschaden: rund 1.500 Euro, den Honigverlust nicht mit eingerechnet.

    Mittlerweile hat Christoph Henkel auch die verbliebenen Bienenvölker weggebracht. Die Motivation nach nur einem Jahr als Pächter des Bienenhauses ist weg. Eine Kamera zu installieren, kam für den Bio-Imker nicht infrage. Und gesehen oder gehört hat niemand etwas. Vor kurzem folgte schließlich ein Schreiben der Staatsanwaltschaft: Die Ermittlungen gegen Unbekannt wurden eingestellt.

    Bienendiebe sind oft selbst Imker

    Ein Einzelfall ist der Diebstahl am Wörthsee nicht. Inga Klingner vom Landesverband Bayerische Imker teilt mit, dass im Frühjahr häufiger Bienenvölker gestohlen werden. Die mutmaßlichen Täter: Oft ausgerechnet Berufskollegen. Imker, die über den Winter Völker verloren haben und Verluste ausgleichen wollen. Denn ein Bienendiebstahl braucht Fachkenntnis. Jedes Jahr werden dem Landesverband bayerischer Imker rund 50 Fälle gemeldet.

    Landwirte sind oft ausgeliefert

    Aber Diebstahl ist ein Problem, das nicht nur Imker, sondern Landwirte aller Art betrifft. Was auf dem Feld wächst, ist nur selten bewacht. Gefährdet sind damit sämtliche Feldfrüchte: Spargel, Erdbeeren, Blumen. Einem Winzer in Volkach etwa wurden im vergangenen Jahr rund 400 Kilo Weintrauben direkt vom Weinberg gestohlen. Umgerechnet sind das mehr als 200 Flaschen Wein, die verloren gingen.

    Aufklärungsquote bei landwirtschaftlichem Diebstahl gering

    Zwar teilt das Landeskriminalamt Bayern mit, dass Diebstahl in der Landwirtschaft insgesamt kein großes Problem sei. Um die einhundert Fälle werden hier jedes Jahr verzeichnet, aber eine offizielle Statistik gibt es nicht. Und viele Fälle mit kleineren Schadensummen werden gar nicht gemeldet.

    Während im letzten Jahr rund 40 Prozent aller Diebstahlsfälle in Bayern aufgeklärt wurden, ist die Quote in der Landwirtschaft stabil gering. Greift keine Versicherung, bleiben Bauern auf ihrem Schaden sitzen. Besonders während der Pandemie beobachten Landwirte mehr Diebstahlsfälle. Schuldig machen sich oft ausgerechnet Spaziergänger, die zu Tätern werden ohne es zu wissen.

    Obst-Diebstahl: Das sagt die Rechtsanwältin

    Denn einen Apfel von einem bewirtschafteten Baum zu pflücken, gilt strenggenommen schon als Diebstahl, sagt Rechtsanwältin Johanna Mathäser. Prinzipiell ist der Straftatbestand mit einer Freiheitsstrafe von bis zu fünf Jahren belegt, aber: Es komme natürlich auf die Menge an. "Wenn ich eine Kirsche nehme, wird das sicher nicht verfolgt und es wird auch nichts dabei herauskommen am Schluss", so Mathäser. Es ist ein Diebstahl geringwertiger Sachen. "Wenn es ein ganzer Eimer ist, dann weiß ich, es geht darüber hinaus." Faustregel: Ab einem Warenwert von 50 Euro sei die Grenze geringwertiger Sachen überschritten und die Polizei verfolge den Fall.

    Das könne auch bei geringwertigen Sachen passieren – allerdings nur, wenn der Eigentümer Strafanzeige stellt, so die Anwältin. Dass auch eine Strafe bis hin zum Gefängnis dabei herauskommt, sei aber unwahrscheinlich. Es komme nicht nur auf die Menge, sondern auch auf das Vorstrafenregister an.

    Obstbauer fehlen pro Jahr mehrere Tonnen Äpfel

    Weil Strafen in diesem Bereich kaum abschrecken, bleibt etwa einem Besitzer von Obstbäumen nur, Zäune aufzustellen. Und Spaziergängern rät die Juristin, genau hinzuschauen, ob die Bäume bewirtschaftet sind. Wer etwa eine Plantage sehe, der wisse, "der lebt davon oder es ist Teil seines Einkommens".

    Denn selbst geringwertigste und unbewusste Diebstähle können für Landwirte große Verluste bedeuten. Das sagt Obstbauer Alexander Vorbeck. In der Nähe von Aschaffenburg bewirtschaftet er rund 2.000 Streuobstbäume. "Wenn hier am Tag 400 Leute vorbeilaufen und jeder nimmt ein oder zwei Äpfel mit, dann sind das im Laufe von sechs Wochen Erntesaison schon ein paar Tonnen Äpfel, die fehlen", so Vorbeck.

    Rund die Hälfte der Äpfel seien auf viel besuchten Streuobstflächen schon abgeerntet, bevor Alexander Vorbeck mit der Lesemaschine anrückt. Verlust: Rund 1.000 Euro, jedes Jahr. Dazu käme, dass beim Pflücken der Äpfel oft auch die Bäume beschädigt würden.

    "Legal klauen": das ist erlaubt

    In einem Gemeinschaftsprojekt mit Kollegen will er nun Schilder aufstellen. Ziel: Ein Bewusstsein bei Spaziergängern zu schaffen, dass die Obstflächen bewirtschaftet werden. Wer dennoch regelmäßig Obst pflücken möchte, der kann bei Alexander Vorbeck auch ganze Streuobstwiesen pachten – auch als Privatperson.

    Kostenlos Obst ernten und trotzdem ehrlich sein – das geht aber auch. Mittlerweile gibt es Webseiten, die anzeigen, wo öffentliche Obstbäume oder Sträucher wachsen. Nutzer der gemeinnützigen Webseite "mundraub.org" etwa können in ganz Europa Standorte eintragen. Allein im Raum München gibt es über eintausend davon, bei denen man legal Pflaumen, Kirschen oder Äpfel ernten darf.

    💡 Mundraub

    Wer etwa eine Pflaume vom Baum des Nachbarn gepflückt und sich in den Mund gesteckt hatte, beging von Mitte des 19. Jahrhunderts bis 1975 Mundraub. Mundraub meint Diebstahl von Nahrungsmitteln in geringen Mengen oder von unbedeutendem Wert. Als eigener Straftatbestand wurde er 1851 ins damalige Strafgesetzbuch aufgenommen. Wer Mundraub beging, musste sich nicht klassischen Diebstahls verantworten. Gleiches galt auch etwa bei einer Entwendung von Viehfutter oder Zigaretten. Man hatte, so das Gesetz, aus einer Notlage heraus gehandelt.

    Daher erschien es Mitte des 19. Jahrhunderts als übertrieben, geringwertige Diebstähle als solche zu ahnden und schaffte so den weniger schwerwiegenden Begriff des Mundraubs. Deshalb hieß Mundraub auch oft Notentwendung. Dafür konnte man auch ins Gefängnis kommen – allerdings nur für wenige Wochen. Noch wenige Jahre zuvor, zu Beginn des 19. Jahrhunderts hatte man sich bei kleinen Diebstählen bereits der Todesstrafe schuldig gemacht. In der Nähe von Aschaffenburg, im südhessischen Ort Beerfelden etwa wurde 1804 eine Frau gehängt, weil sie ein Huhn und zwei Laib Brot gestohlen hatte.

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