Drei Frauen unterhalten sich bei der Arbeit an einem Denkmal in Nordhalben.
Bildrechte: BR/Richard Padberg

"Probebewohnerin" Antje Rüggeberg im Gespräch mit Frauen in Nordhalben.

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Von der Großstadt nach Nordhalben: Über das Landleben auf Probe

Leben und Arbeiten auf dem Land – für viele Großstadtbewohner ist das eine schöne Vorstellung. In Nordhalben im Landkreis Kronach können zehn von ihnen das jetzt ausprobieren. Das Pilotprojekt bringt Vorteile für Nordhalben und die "Probebewohner".

Über dieses Thema berichtet: Mittags in Franken am .

Mit verschiedenfarbigen Textmarkern steht Bürgermeister Michael Pöhnlein (parteilos) vor einer Ortskarte in seinem Büro im Nordhalbener Rathaus. Grün umrandete Grundstücke bedeuten beispielsweise, dass sie verkauft sind. So behält Bürgermeister Pöhnlein den Überblick. Durch ein Pilotprojekt des Vereins Oberfranken Offensiv könnten bald weitere Grundstücke grün umrandet werden. Nordhalben hat bis Ende Juli "Probebewohner" zu Gast, die hier leben und arbeiten.

80 Menschen wollten das Leben in Nordhalben testen

Der Markt Nordhalben wehrt sich, wie viele andere Dörfer im ländlichen Raum auch, gegen die Abwanderung. Hauptaufgabe des Bürgermeisters Pöhnlein ist es, die Einwohnerzahl in der Frankenwaldgemeinde mindestens zu halten. Die Infrastruktur Nordhalbens sei für 3.000 Menschen ausgelegt, momentan leben 1.650 Menschen hier. Das Hauptproblem sei deshalb, eine nun eigentlich viel zu große Infrastruktur zu erhalten und zu sanieren.

Um wieder mehr Menschen für ein Leben im ländlichen Raum zu begeistern, hat sich Nordhalben für ein Pilotprojekt des Vereins "Oberfranken Offensiv" beworben und den Zuschlag bekommen. Menschen aus Großstädten und Ballungszentren können für acht Wochen kostenfrei in Nordhalben wohnen und von dort aus arbeiten. Platz für beides ist vorhanden. Aus rund 80 Bewerberinnen und Bewerbern hat der Verein zehn Menschen aus ganz Deutschland ausgewählt.

Voraussetzung für die Bewerberinnen und Bewerber für das Probewohnen im Frankenwald sei das digitale Arbeiten gewesen, erklärt Projektmanagerin Sandra Wolf von Oberfranken Offensiv. In einem modernen Co-Working-Space im Ort können die Auserwählten aus Hamburg, Stuttgart oder Berlin ganz bequem digital ihrer Arbeit nachgehen. Das Projekt wird finanziell durch der Finanz- und Heimatministerium gefördert.

Architektin schätzt die Ruhe in Nordhalben

Antje Rüggeberg aus Nürnberg hatte sich aus Lust auf eine Veränderung für die Teilnahme beworben und wurde ausgewählt. Die Architektin lebt und arbeitet seit 30 Jahren in Nürnberg. In Nordhalben fühlt sie sich seit knapp vier Wochen sehr wohl und schätzt besonders die Ruhe beim Arbeiten. Es gebe viel weniger Ablenkung und sie könne sich voll und ganz auf die Arbeit konzentrieren, berichtet sie. Antje Rüggeberg wohnt noch bis Ende Juli in einem modernen Appartement in der Ortsmitte von Nordhalben, der Co-Working-Space ist direkt angeschlossen.

Nach Feierabend und an den Wochenenden ist Antje Rüggeberg oft in Nordhalben und der Region unterwegs. Für ihre Touren durch die Natur hat sie sich ein gebrauchtes Fahrrad gekauft. Ohne Auto stößt man schnell an die Grenzen der Mobilität, auch eine Erkenntnis nach vier Wochen. Die Architektin ist ohne Vorbehalte in den Frankenwald gekommen, für Rüggeberg eine Voraussetzung für das Gelingen des Projekts. Sie singt nach wenigen Wochen im Chor in Nordhalben, die Offenheit der Einheimischen in den Gastwirtschaften und im Schwimmbad begeistert sie.

Bei einem Spaziergang durch Nordhalben kommt Antje Rüggeberg mit Barbara Wachter ins Gespräch, die mit dem Gartenbauverein ein Beet aufhübscht. In Nordhalben werde man schnell integriert, berichtet Barbara Wachter. Allerdings gehe das nur, wenn man nicht in der Stube hocke und sich stattdessen einbringe wolle. Sie weiß, wovon sie redet. Zusammen mit ihrer Schwester ist sie vor 50 Jahren nach Nordhalben gekommen und fühlt sich seitdem rundum wohl im Frankenwald.

Hoffnung auf neue Nachbarn und Neubürger

Barbara Wachter und andere Mitglieder im Gartenbauverein würden sich über neue Nachbarn in Nordhalben freuen und hoffen, dass der ein oder andere "Probebewohner" in den Frankenwald zieht, zumindest zeitweise. Architektin Antje Rüggeberg kann sich genau das vorstellen. Komplett aufgeben will sie ihr Leben, das Umfeld und ihre Freunde in der Großstadt Nürnberg nicht. Doch wochen- oder monatsweise in Nordhalben zu leben und arbeiten, das sei schon eine schöne Idee, findet Rüggeberg.

Solche Aussagen freuen Bürgermeister Michael Pöhnlein. Anfang der Woche habe er bereits einem anderen Projektteilnehmer ein leerstehendes Haus in Nordhalben gezeigt. Dieser überlege und habe wohl ernsthafte Absichten, das Haus zu kaufen. Neben seiner Tätigkeit als Bürgermeister agiere er auch als eine Art Immobilienmakler in Nordhalben, allerdings ohne hohe Gebühren. Er vermittle die Gebäude stattdessen für eine Maß Bier, berichtet er lachend.

"Kleiner Lottogewinn" für Nordhalben

Generell sei das Projekt Landleben auf Probe wie ein "kleiner Lottogewinn" für Nordhalben. Das Zwischenfazit aller Teilnehmer falle positiv aus, die Zusammenarbeit mit "Oberfranken Offensiv" laufe sehr gut. Gut möglich, dass das Pilotprojekt nach einer Evaluierung Schule macht und auch in anderen ländlichen Gebieten Bewegung in die Ortskarten bringt.

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