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Archivbild: Horst Seehofer
© picture alliance/Peter Kneffel/dpa

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Petr Jerabek
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Archivbild: Horst Seehofer

An die 27 Jahre von Franz Josef Strauß kommt er nicht heran, alle anderen aber hat Horst Seehofer hinter sich gelassen. Weder Edmund Stoiber noch Hanns Seidel standen so lange an der CSU-Spitze wie der Ingolstädter. Und weil Seehofer seinen Rückzug als Parteichef bis ins neue Jahr hinauszögerte, hat er jetzt auch noch Theo Waigel um rund vier Wochen überflügelt. Nach zehn Jahren und knapp drei Monaten geht die Ära Seehofer in der CSU zu Ende, am Samstag soll Markus Söder das Ruder übernehmen.

Seehofer: Abschied mit Wehmut

Eigentlich ist Seehofer noch bis Herbst 2019 gewählt, nach dem schlechten Landtagswahl-Ergebnis vor drei Monaten beugte er sich aber dem innerparteilichen Druck und kündigte seinen vorzeitigen Abschied als CSU-Chef an. Der 69-Jährige machte keinen Hehl daraus, dass er gerne noch Parteivorsitzender geblieben wäre, versucht derzeit aber, das Beste daraus zu machen.

In den Interviews zu seiner Bilanz als CSU-Chef in diesen Tagen schlägt Seehofer betont versöhnliche Töne an. "Ich habe akzeptiert, dass auch die schönsten Dinge im Leben endlich sind. Da ist am Anfang Wehmut, am Ende stehen aber Dankbarkeit und Zufriedenheit", sagte er der "Welt am Sonntag". Und in der "Augsburger Allgemeinen" versicherte er: "Ich bin rundum zufrieden. Ich schaue auf ein erfülltes politisches Leben."

Diese Umfrage ist ein Stimmungsbild und nicht repräsentativ. Technisch ist das System bestmöglich geschützt, um Manipulationen zu vermeiden.

Seehofer will keine offenen Rechnungen begleichen

Vor dem Sonderparteitag am Samstag sendet Seehofer ein klares Signal an die CSU: Er will nach dem parteiinternen Machtkampf der vergangenen Monate keine offenen Rechnungen begleichen, sondern einen Abgang in Frieden. Er wird Söders Krönungsmesse in der Kleinen Olympiahalle in München nicht stören: "Lassen wir doch die Vergangenheit ruhen. Wer immer nur in den Rückspiegel schaut, fährt irgendwann gegen die Wand."

Auf dem Parteitag werde er zwar reden, aber nicht lange. "Mein Werk ist getan. Ich werde zu manchem, was in den vergangenen eineinhalb Jahren passiert ist, nichts sagen. Die Einheit der Partei ist mir viel wichtiger."

Im zweiten Anlauf CSU-Chef

Seehofer hatte den Sprung auf den Chefsessel in der CSU-Landesleitung erst im zweiten Anlauf geschafft. 2007 kandidierte er erstmals für den Parteivorsitz - gegen Erwin Huber und Gabriele Pauli. Damals setzte sich Seehofers Intimrivale Huber klar durch, gab das Amt aber nach nicht einmal 13 Monaten wegen des Verlusts der absoluten Mehrheit der CSU und des Skandals um die Bayerische Landesbank wieder ab.

Der Weg für Seehofer war frei. "Die Partei lag am Boden", erinnert er sich. "In dieser Situation wurde ich nach München geholt, ich sollte der Retter sein, der Helfer in der Not." Und Seehofer richtete die Partei tatsächlich auf, verhalf ihr zu neuer Stärke. Rückblickend bezeichnet er selbst es als seine größte Leistung als CSU-Chef, "dass es gelungen ist, die Existenz dieser einzigartigen Partei zu sichern."

Seehofers Triumph

Bei der Landtagswahl 2013 eroberte die CSU die absolute Mehrheit zurück. "Damit ist das Jahr 2008 Geschichte. Wir sind wieder da", rief Seehofer damals den begeisterten CSU-Anhängern auf der Wahlparty in der Landesleitung zu. Ein Triumph, mit dem sich Seehofer einen Platz in den CSU-Annalen sicherte. Heute scheint völlig offen, wann und ob überhaupt die CSU die absolute Mehrheit im Freistaat wieder erringt.

Seehofers größter Fehler

Just nach diesem Erfolg, auf dem Höhepunkt seiner Macht in Bayern und in der CSU, machte Seehofer nach eigener Einschätzung aber auch seinen größten Fehler: "Dass ich nach dem triumphalen Wahlerfolg 2013 erklärt habe, das nächste Mal nicht mehr zu kandidieren", sagte er. "Das führte automatisch zu einer pausenlosen Personaldiskussion. Das lähmte die inhaltliche Arbeit." Seehofers Macht begann zu bröckeln.

Bittere Wahlpleiten

So ausgelassen der Wahlerfolg 2013 gefeiert wurde, so groß war in der CSU die Enttäuschung über die Resultate in den folgenden Jahren. Bei der Europawahl 2014 rutschten die Christsozialen um 7,6 Punkte auf 40,5 Prozent ab, bei der Bundestagswahl 2017 ging es runter auf 38,8 Prozent ab (-10,5 Punkte gegenüber der vorherigen Bundestagswahl). Und bei der Landtagswahl 2018 folgte mit 37,2 Prozent das schlechteste CSU-Ergebnis seit 1950.

Auch wenn Seehofer weder 2017 noch 2018 selbst auf den Wahlzetteln gestanden hatte, suchten viele in der Partei die Schuld für die herben Verluste einzig bei ihm. Als Parteichef werde man für alle Wahlergebnisse verantwortlich gemacht, so Seehofer. "Das ist nun einmal so." Daran ändern auch frühere Erfolge nichts: "Dankbarkeit ist kein Kriterium in der Politik."

Lästern über Söder

Bei so manchem CSU-Funktionär und -Mandatsträger hatte sich die Sympathie für den Taktierer und Einzelkämpfer Seehofer ohnehin schon lange in Grenzen gehalten - nicht zuletzt wegen seiner diversen politischen Volten und seines Führungsstils. Immer wieder ließ er Mitstreiter spüren, dass er sich ihnen klar überlegen fühlt. Und er schreckte auch nicht davor zurück, Parteifreunde öffentlich zu verspotten oder zu demütigen.

Legendär wurde die CSU-Weihnachtsfeier 2012, auf der Seehofer vor Journalisten Söder demontierte: Er geißelte ihn als "vom Ehrgeiz zerfressen", attestierte ihm "charakterliche Schwächen" und "zu viele Schmutzeleien". Lange galt es als eines der großen Ziele Seehofers, einen weiteren Aufstieg Söders zu verhindern.

Abgang in Frieden

Letztlich musste Seehofer dem Franken nach der Bundestagswahl zunächst das Ministerpräsidenten-Amt überlassen. Und er übergibt ihm nach der Pleite bei der Landtagswahl - bei der Söder Spitzenkandidat war - jetzt auch noch den Parteivorsitz.

Seehofer hat nicht vergessen, wie er im Herbst von vielen Parteifreunden öffentlich angegriffen wurde und dass ihm niemand mehr den Rücken stärkte. Der einstige Retter wurde zum Sündenbock erklärt. Dass er trotzdem der Versuchung einer Abrechnung widerstanden und sich für einen friedlichen Abschied entschieden hat, sorgt bei vielen in der CSU für Erleichterung.

Ehrenvorsitz für Seehofer?

So wird die Partei ihren langjährigen Vorsitzenden am Samstag höflich verabschieden und würdigen. Schon bei den vorherigen Parteitagen hat die CSU ein ums andere Mal gezeigt, dass sie es meisterhaft versteht, parteiinternen Querelen zum Trotz Geschlossenheit und Harmonie zu demonstrieren.

Mittlerweile wird sogar schon darüber spekuliert, ob Seehofer wie Waigel und Stoiber zum CSU-Ehrenvorsitzenden berufen werden könnte. "Verdient hat er es auf jeden Fall", sagte Söder kürzlich dazu. Allerdings zieht sich Seehofer ja noch nicht ganz aus der aktiven Politik zurück, sondern bleibt immerhin Bundesinnenminister. Und er denkt im Moment auch nicht an einen Rücktritt: "Die Aufgabe macht mir Freude."

40 Jahre in der Politik: Kleiner Rückblick auf besondere Worte und Gesten Horst Seehofers

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