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Symbolbild von einem traurig bedrücktem Kind

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    Volle Kinder- und Jugendpsychiatrien: Ärzte schlagen Alarm

    Zu wenig Plätze in bayerischen Kinder- und Jugendpsychiatrien: Wenn ein Kind nicht suizidgefährdet ist, wird es nicht aufgenommen. Eine Situation, die sich mit Corona nochmals zugespitzt hat - und für betroffene Familien unerträglich ist.

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    Von
    • Katrin Bohlmann

    Angststörungen, Depression, ADHS, Essstörungen und Schizophrenie – das sind die häufigsten psychischen Erkrankungen bei Kindern und Jugendlichen. Die Zahl der Erkrankten steigt stetig, sagen Fachärzte. In Bayern hat es 2019 mehr als 200.000 psychisch kranke Kinder und Jugendliche mit einem Behandlungsbedarf gegeben, teilt die Ludwig-Maximilians-Universität München (LMU) mit. Das sind zehn Prozent aller Kinder und Jugendlichen im Freistaat.

    Corona wirkt dabei wie ein Brennglas und verstärkt die Problematik. Homeschooling, die fehlenden sozialen Kontakte und überlastete Eltern setzen den Kindern mental zu. Kinder- und Jugendpsychologen schlagen Alarm: Es müsse dringend mehr getan werden.

    "Muss mein Kind erst suizidgefährdet sein, um einen Platz zu bekommen?"

    Wenn Kinder krank sind, leiden die Eltern mit. Wie Vater Peter, so möchte er genannt werden. Sein 14-jähriger Sohn ist psychisch krank. Wir nennen ihn Thomas. Die Familie möchte anonym bleiben, um ihr Kind zu schützen. Wir haben den Vater zu Hause getroffen. Sein Kind wurde in der Schule gemobbt.

    Daraus entwickelte sich eine Angststörung und eine Depression. Mehr als ein halbes Jahr hat die Familie auf einen Platz in der Kinder- und Jugendpsychiatrie gewartet. Das sei furchtbar belastend gewesen, erzählt der Vater. "Uns wurde gleich gesagt, eigentlich bekommen nur Kinder, die akut suizidgefährdet sind oder schon einen Selbstmordversuch hinter sich haben, überhaupt einen Platz. Das hat uns wahnsinnig zugesetzt. Ich habe dann auch sofort die Frage gestellt: Wie krank muss denn erst mein Kind werden, dass es überhaupt eine Chance hat, einen Platz zu bekommen?"

    Lange Wartelisten in Bayerns Kinder- und Jugendpsychiatrien

    Vater Peter ist geschockt und wütend. "Das ist ja alles darauf angelegt, dass man so lange darauf wartet, bis das Kind so krank ist, dass es als Notfall eingeliefert wird." Seit gut einer Woche ist sein Sohn nun auf Station in der LMU-Kinder-und Jugendpsychiatrie. Der Chef Gerd Schulte-Körne versteht die Ängste und Sorgen der betroffenen Familien.

    So sehr er helfen möchte, er hat einfach nicht genügend Platz. "Bei uns in der Klinik ist ein wahnsinniger Aufnahmedruck. Wir haben ganz viele Eltern, die bei uns anrufen und um eine stationäre Aufnahme ihres Kindes bei uns bitten. Und wir müssen leider Wartelisten einrichten und es sind zur Zeit 40 bis 50 Familien, die auf einen Behandlungsplatz für ihr Kind warten."

    70 Prozent der Kinder wird zu spät oder gar nicht geholfen

    So wie der LMU-Kinder- und Jugendpsychiatrie geht es auch anderen Kliniken in Bayern. Fachärzte bestätigen dem BR: In Bayern fehlen seit Jahren Plätze in den Kinder- und Jugendpsychiatrien, stationär und ambulant.

    Knapp Dreiviertel der Kinder und Jugendlichen mit psychischen Erkrankungen werden laut Schulte-Körne zu spät oder gar nicht versorgt. Psychisch kranke Kinder und Jugendliche sind in unserem Gesundheitssystem einfach nicht vorgesehen, so der Vorwurf bayerischer Ärzte.

    Bayern Schlusslicht im bundesweiten Vergleich

    In einem Ranking der Bundesgesundheitsberichterstattung des Bundes mit den anderen Bundesländern liegt der Freistaat auf dem letzten Platz. Kein anderes Bundesland hat so wenige Betten im Bereich Kinder- und Jugendpsychiatrie.

    So hat Baden-Württemberg 6,0 Betten je 100.000 Einwohner, Nordrhein-Westfalen 6,7, Bayern 5,4 (Stand 2017, aktuellere Vergleichszahlen gibt es nicht). Deutschlandweit liegt der Wert bei 7,6.

    Holetschek: Bayern hat massiv Kapazitäten ausgebaut

    Auch Gesundheitsminister Klaus Holetschek erkennt den hohen Bedarf und wünscht sich eine Verbesserung. Schon jetzt habe der Freistaat einiges getan. "Wenn man den Zehn-Jahres-Vergleich anschaut, muss man feststellen, dass wir über 800 Betten haben und über 500 Plätze. Das heißt: Wir konnten um 50 Prozent die Betten und um 36 Prozent die Plätze erhöhen."

    Allerdings mahnt der Gesundheitsminister: "Wir haben im Moment auch keine Anträge vorliegen. Wir sind aber offen für Anträge im Rahmen der Krankenhausplanung."

    "Eine Schande für unsere Gesellschaft"

    Vater Peter ist zwar erleichtert, dass sein Sohn nun endlich Hilfe in der Klinik bekommt. Aber er ist nach wie vor entsetzt. "Ich war immer der Meinung, wir leben in einem der modernsten Gesundheitssysteme weltweit. Nur im Bereich der Kinder- und Jugendpsychiatrie herrscht ein absoluter Mangel. Also ich habe mich wie in einem Entwicklungsland gefühlt, wenn man eine Behandlung nicht bekommt. Dass man Kindern eine so lange Wartezeit zumutet, halte ich für einen Skandal. Das ist eine Schande für unsere Gesellschaft."

    Der 46-Jährige hofft, dass es seinem Kind bald besser geht. Aber er muss auch an die vielen anderen psychisch erkrankten Kinder in Bayern denken, die dringend einen Therapieplatz brauchen.

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