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"Völlige Ohnmacht": 40 Jahre Massenverhaftungen in Nürnberg | BR24

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Vor 40 Jahren wurden rund 141 Menschen aus dem selbstverwalteten Zentrum KOMM festgenommen. Irmela Bess war eine davon und lässt das Geschehen Revue passieren.

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"Völlige Ohnmacht": 40 Jahre Massenverhaftungen in Nürnberg

Am 5. März 1981 nimmt die Polizei 141 junge Menschen im selbstverwalteten Zentrum KOMM fest. Sie werden Ermittlungsrichtern vorgeführt und kommen bis zu zwei Wochen in U-Haft. Die Massenverhaftungen sorgten bundesweit für Schlagzeilen und Empörung.

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Von
  • Tina Wenzel

"Es war ein Gefühl der völligen Ohnmacht", beschreibt Irmela Bess noch 40 Jahre später die Ereignisse vom 5. März 1981. Sie war damals 19 Jahre und an dem Abend ins selbstverwaltete KOMM gekommen, um einen Film über die niederländische Hausbesetzer-Szene anzuschauen. Nach dem Film zieht ein Teil der KOMM-Besucher spontan durch die Innenstadt. Ein paar Schaufensterscheiben gehen zu Bruch.

Kopierte Haftbefehle

Als die Demonstranten wieder zurück im KOMM sind, riegelt die Polizei das gesamte Gebäude ab, kappt die Telefonleitungen. Alle Besucher, egal ob sie bei der Demonstration dabei waren oder nicht, egal ob sie eine Scheibe kaputt gemacht haben oder nicht, sie alle werden zu Ermittlungsrichtern gebracht, die im Eilverfahren gleichlautende Haftbefehle ausstellen. Auch Irmela Bess kommt in Haft. Dass zu Hause ihr zehn Monate alter Sohn wartet, ließ der Richter nicht gelten. "Ich hatte noch einen Nuckel in der Tasche und habe dem Ermittlungsrichter gesagt, dass ich nach Hause zu meinem Sohn muss. Er hat aber nur gesagt: Wären Sie halt nicht hingegangen", berichtet Bess.

Hausbesetzer-Szene im Fokus

Den jungen Menschen wird schwerer Landfriedensbruch vorgeworfen. Ihnen wird unterstellt, ein Teil der Hausbesetzer-Szene zu sein oder mit dieser zu sympathisieren. Es sind die 80er-Jahre – eine Hochphase der Hausbesetzungen, die so manchem Politiker ein Dorn im Auge ist. Bayerns Ministerpräsident Franz Josef Strauß sah in der Szene gar den "Kern neuer terroristischen Aktionen". Es war die Zeit, in der die RAF noch präsent war. Eine nervöse Zeit.

Vorgehen als Rechtsbruch kritisiert

Der Nürnberger Rechtsanwalt Hans Graf schaltete sich zusammen mit Kollegen ein, kritisiert massiv das Vorgehen der Richter. Anstatt pauschal alle in Untersuchungshaft zu stecken, hätte jeder Fall einzeln geprüft werden müssen, ob tatsächlich Haftgründe wie etwa Fluchtgefahr bestanden haben. Ein Rechtsbruch, sagt Graf. Der Anwalt ist sich bis heute sicher, dass die Verhaftungen politisch motiviert waren. "Man wollte an diesem Abend selbst eine Demonstration haben, nämlich eine Demonstration der Stärke gegen die anscheinend äußerst lästige Hausbesetzerbewegung. Da war das Recht nicht ganz so wichtig wie die Politik", betont Graf.

Bundesweite Proteste

Die jungen Menschen werden schwer bewacht auf Gefängnisse in ganz Bayern verteilt. Auf der Straße protestieren tausende Menschen gegen die Massenverhaftungen – und das bundesweit. Nach und nach werden die jungen Menschen wieder entlassen. Irmela Bess kann nach elf Tagen in Haft ihren Sohn wieder in die Arme schließen.

Prozess wird eingestellt

Gegen einige der KOMM-Besucher beginnt im selben Jahr noch ein Prozess. Die Vorwürfe zerschlagen sich jedoch schnell. Der Prozess wird nicht fortgesetzt. Die jungen Menschen bekommen eine Haft-Entschädigung. Eine Entschuldigung erhalten sie nie. Die Polizei, die zuständige Staatsanwaltschaft und die Ermittlungsrichter haben jede Kritik stets von sich gewiesen. Genau hinschauen und wachsam sein, dass sei deswegen bis heute ihr Anliegen, betont Bess.

An die Ereignisse erinnert das Nürnberger Künstlerhaus, in dem das KOMM beheimatet war, mit verschiedenen Dokumentationen und einem Blog mit Zeitzeugenberichten.

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