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"Vision Zero" – Null Verkehrstote bis 2050 | BR24

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Crashtestanlage Carissma, Technische Hochschule Ingolstadt

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    "Vision Zero" – Null Verkehrstote bis 2050

    Im Koalitionsvertrag der Bundesregierung steht das Programm "Vision Zero". Ziel ist, die Zahl der Verkehrstoten durch Änderungen in der Infrastruktur auf null zu senken. Die Hochschule Ingolstadt forscht dafür an neuen Assistenzsystemen.

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    Bereits im Jahr 2011 verabschiedete der Verein Deutscher Ingenieure, VDI, die "Berliner Erklärung zur Verkehrssicherheit". Inhalt ist das Ziel, die Zahl der Verkehrstoten bis 2050 auf null zu senken. Die Bundesregierung nahm diese Vorgabe in ihren Koalitionsvertrag auf.

    Viele Schicksale stecken hinter den Zahlen

    Als "Verkehrstoter" zählt in Europa, wer innerhalb von 30 Tagen nach dem Unfall verstirbt, das heißt, nur eine Person, die innerhalb von 30 Tagen an den Folgen eines Verkehrsunfalls verstirbt, gilt als Verkehrstoter. Ihre Zahl hat sich in Deutschland von 1980 zu 2019 fast jedes Jahr reduziert, von 13.041 (1980) auf 3.040 (Prognose 2019). Dies wäre der niedrigste Stand seit Beginn der Aufzeichnungen.

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    Anzahl der Verkehrstoten in Deutschland

    Doch die Statistik verrät noch mehr: In den 20 Jahren von 1990 bis 2010 ging die Anzahl an Unfällen mit Getöteten um 7.400 zurück. In den folgenden Jahren von 2010 bis 2019 aber nur um rund 600.

    "Wir brauchen einen Technologiesprung, um eine deutliche Verringerung der Unfallzahlen zu erzielen, zum Beispiel durch vorausschauende Systeme." Thomas Brandmeier, wissenschaftlicher Leiter des Forschungs- und Testzentrums Carissma der TH Ingolstadt
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    Reduzierung der Zahl der Verkehrstoten in Deutschland

    Radfahrer und Fußgänger sind häufig Opfer

    Die Anzahl der getöteten PKW-Insassen hat sich verringert. Ganz anders sieht es jedoch bei den anderen Verkehrsteilnehmern aus. Besonders Fußgänger und Radfahrer geraten zunehmend in den Fokus. Ihr Anteil an der Gesamtzahl der Getöteten liegt nunmehr bei über 50 Prozent. Die Zahl der getöteten Radfahrer stieg in Bayern im Jahr 2018 um zehn Prozent, die der getöteten Motorradfahrer sogar um fast 20 Prozent.

    Und doch wäre es schon heute möglich, technische Vorrichtungen zu nutzen, um die Zahl der Toten und Schwerstverletzten zu reduzieren. Denn laut ACE (Auto Club Europa) beruhen rund 90 Prozent aller heutigen Unfälle auf menschlichem Versagen – und nicht auf technischem.

    Neue Assistenzsysteme sollen Fahren sicherer machen

    Auf insgesamt fast 17.000 Quadratmetern wird an der Technischen Hochschule Ingolstadt für die Sicherheit im Straßenverkehr geforscht. Die Sensorik ist das Hauptthema, denn sie sind das Herzstück für mehr Verkehrssicherheit. Die Mitarbeiter sammeln durch simulierte und durchgeführte Crashtests Daten, damit das Auto dann reagiert, wenn der Mensch zu langsam ist. Aber auch an einer neuen Generation von Dummies wird gearbeitet. Laufen wir los, geht der Brustkörper nach vorne. Sensoren am Auto sollen das bald erkennen können und das Auto dann abbremsen.

    In Ingolstadt wird auch an einem System gearbeitet, das den Airbag bereits 500 Millisekunden vor dem Aufprall auslöst, um so den Menschen noch mehr zu schützen. Bei einem seitlichen Crash kann er dabei den Insassen auch schneller in die Mitte des Fahrzeuges drücken - und so Verletzungen durch das auffahrende Auto minimieren.

    Wann kommt die Pflicht?

    Der sogenannte "City-Notbremsassistent" ist bereits in vielen Neuwagen serienmäßig verbaut. Voraussichtlich 2022 soll er Pflicht werden. Er misst mit Sensoren den Abstand zum Vorausfahrenden. Droht eine Kollision, erfolgen Warnungen und ein Bremsvorgang wird bei Nichtreagieren automatisch ausgelöst. Die Systeme erkennen inzwischen teilweise auch Fußgänger und Radfahrer.

    Vor allem in Pkw der oberen Klasse sind schon jetzt solche Systeme im Einsatz. Nach Schätzungen der EU-Kommission könnten Notbremsassistenten für niedrige Geschwindigkeiten jedes Jahr 1.000 Menschenleben in der EU retten.

    Notbremsassistenten seit fünf Jahren bei Lkw vorgeschrieben

    Notbremsassistenten für Lkw sind seit 2015 Vorschrift, doch nur der Einbau. In der Praxis werden sie häufiger deaktiviert, weil sie angeblich zu viele Fehlfunktionen auslösten. Künftig sollen in solchen Fällen ein Bußgeld von 100 Euro und ein Punkt in Flensburg drohen. Noch 2019 wollte das Bundesverkehrsministerium die Straßenverkehrsordnung so ändern, dass Notbremsassistenten im Lkw ab einer Geschwindigkeit von 30 km/h nicht mehr deaktiviert werden können.

    Bis heute ist sie nicht in die StVO eingegangen. Zudem sehen Juristen Schwierigkeiten, ein Abschalten zu kontrollieren, solange nicht unterwegs im Lkw die entsprechenden Daten abgelesen werden können, ob der Assistent bei über 30 km/h im Betrieb war oder nicht. Die Kontrolle durch die Polizei findet nämlich im stehenden Zustand statt.

    Der Bundesverkehrsminister ist gefordert

    Das Bundesverkehrsministerium will bei Ursula von der Leyen, Präsidentin der Europäischen Kommission, durchsetzen, dass technische Assistenzsysteme schneller zur Pflicht werden. Auch beim Abbiege-Assistenten von Lkw und Bussen wird über einen verpflichtenden Einbau seit 2012 diskutiert. Zumindest wird schon einmal der freiwillige Einbau vom Bundesverkehrsministerium gefördert. Und auch 2020 will das Ministerium wieder ein Programm zur Förderung für die Nachrüstung von Abbiege-Systemen für Logistikunternehmen auflegen. Die EU will die Systeme erst ab 2022 für alle neuen Fahrzeugtypen und ab 2024 für alle Neufahrzeuge vorschreiben.

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