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Vier Wochen nach Schulstart: Scharfe Kritik an Minister Piazolo | BR24

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Vier Wochen nach dem Start des neuen Schuljahres sieht der Bayerische Lehrer- und Lehrerinnenverband dringenden Handlungsbedarf

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Vier Wochen nach Schulstart: Scharfe Kritik an Minister Piazolo

Hart ins Gericht geht der bayerische Lehrerinnen- und Lehrerverband (BLLV) mit Kultusminister Michael Piazolo. Vier Wochen nach Schulstart sei die Lage an den Schulen dramatisch, so der BLLV. Noch nie habe es so einen Notbetrieb gegeben.

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Alles nur Show, den Schein wahren und einfach nur "Rumgeeiere". Der Bayerische Lehrerinnen- und Lehrerverband (BLLV) teilte heute auf seiner Pressekonferenz in München kräftig aus und sprach dabei vor allem Kultusminister Michael Piazolo an. "Er verkennt die Lage, wenn er behauptet, es gab noch nie so viele Lehrer wie jetzt", schimpft BLLV-Präsidentin Simone Fleischmann. "Das ist ein Schlag ins Gesicht für alle, die an der Front tätig sind." Bayerns Lehrerinnen und Lehrer erwarteten vom Minister mehr Ehrlichkeit, so die Verbandschefin.

Zwei Krisen: Corona und Lehrermangel

Wütend, sauer und frustriert seien viele Lehrkräfte in Bayern, sagt Simone Fleischmann. Sie hätten es satt, immer nur Löcher zu stopfen. An Regelbetrieb sei nicht mehr zu denken. Durch Corona schlage der Mangel nun voll durch. "Wir können aktuell nicht normal unterrichten. Die Kinder müssen in Reih und Glied sitzen und wir sind auf Abstand zu den Kindern. Dann noch die Masken, permanent Hände waschen. Dabei lebt gute Pädagogik von Kommunikation und von Beziehung", sagt Fleischmann. Mit Beginn des Schuljahres prallten zwei Krisen mit voller Wucht aufeinander: die Corona-Pandemie und der Lehrermangel, so die Präsidentin.

Lehrkräfte und Schulleiter sind ausgebrannt

Ehrlichkeit erwartet Schulleiter Tomi Neckov von Kultusminister Piazolo. "Die Politik soll eingestehen, dass die Schulen im Notbetrieb sind", fordert der BLLV-Vizechef. Neckov leitet seit sechs Jahren eine Mittelschule in Schweinfurt. Er habe seinen Job immer gerne gemacht, aber nun fühlt er sich ausgebrannt. 60-70 Stunden in der Woche arbeitet er. Unzählige Corona-bedingte Sonder- und Notmaßnahmen muss er wie alle anderen Schulleiter organisieren und parallel den Regelbetrieb sicherstellen. Auch seine Kollegen machten Überstunden, damit der Unterricht halbwegs weiter laufe. Immer öfter sagen ihm Kollegen, sie mögen diesen Wahnsinn nicht mehr mitmachen, erzählt der Schulleiter.

Der Kultusminister habe den Lehrermangel seit Jahren kaschiert

Staatsregierung und Kultusministerium müssten endlich ihrer Verantwortung gerecht werden, fordert der BLLV. "Minister Piazolo darf die Realität nicht länger leugnen und muss endlich zu handeln. Wir brauchen mehr Lehrer", sagt Präsidentin Fleischmann. So wichtig die Digitalisierung auch sei: "Nicht Laptops machen Unterricht, sondern wir Lehrer." Der Lehrermangel werde immer nur kaschiert. Zahlen, wie viele Lehrer tatsächlich an Bayerns Schulen fehlen, gibt es nicht.

Dass die Schulen im Notbetrieb laufen, macht der BLLV unter anderem an folgenden Faktoren fest: es gebe keine Vertretung für erkrankte Lehrer durch das zuständige Schulamt, Kollegen bewältigten die Belastungen nur mit Einnahme von Medikamenten, Kinder einer Klasse würden vertretungsweise auf mehrere andere Klassen aufgeteilt, Pensionisten, Studierende und Teamlehrkräfte sprängen ein.

Landeselternverband fordert seit Jahren mehr Lehrer

Der Bayerische Elternverband (kurz BEV) unterstützt den Ruf nach mehr Lehrern, sagt aber auch, dass das nicht neu sei. "Wir fordern schon seit vielen Jahren mehr Lehrer, nicht erst, seitdem der Lehrermangel offiziell verkündet wurde. Wir brauchen mehr Lehrer zur individuellen Förderung vor allen Dingen und für Fächer, die zu kurz kommen", sagt BEV-Vizechefin Henrike Paede. Durch Corona habe sich der Lehrermangel aber nicht verschärft, stellt der Elternverband fest. "Zumindest haben uns das Eltern bisher nicht zurückgemeldet. Meistens kommt das erst mit der Grippesaison ab November." Die Eltern müssen sich zur Zeit vielmehr mit der Corona-Hygieneregelung an den Schulen auseinandersetzen: Maske tragen in der Schule, Lüften der Klassenräume, Pausen-Regelungen.

Kultusminister Piazolo weist Vorwürfe zurück

Notbetrieb – Lehrermangel: Der viel gescholtene Kultusminister Michael Piazolo hält dagegen. Es gebe keinen Notbetrieb an Bayerns Schulen und auch keinen Lehrermangel. "Das ist sicherlich immer eine Auslegungssache. Meine persönliche Einschätzung ist, dass wir in dieses Schuljahr trotz all der Herausforderungen gut gestartet sind", sagt Piazolo. "Ich persönlich habe mir große Mühe gegeben, dass wir die Voraussetzungen für dieses Schuljahr gut aufstellen. Dabei haben uns auch die Lehrerverbände unterstützt und ich danke ihnen dafür."

BLLV fordert Lehrergipfel

Der BLLV bleibt bei seiner Kritik an Bayerns Bildungspolitik und fordert einen Lehrergipfel. "Wir wollen keinen Lüftungsgipfel, keinen Digigipfel und einen Schulgipfel. Es braucht einen Lehrergipfel!" Das Ziel: Schulleitungen, Lehrerinnen und Lehrer sofort entlasten und eine langfristige Personalpolitik, damit der Lehrerberuf wieder attraktiv werde und so neue, motivierte, gut ausgebildete Lehrkräfte an die Schulen kämen. Sollte sich nichts ändern, so der BLLV, drohe das gesamte Schulsystem in Bayern zu kollabieren.

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