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Bildrechte: Ursula Klement/BR

Wildbienen an nicht abgeschnittenen Schnittlauchblüten

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    Vielfalt im Garten: Kost und Logis für Insekten und Tiere

    Ein Garten kann vieles gleichzeitig: Gemüse, Beeren und Blumen Platz bieten, aber auch Insekten, Vögeln und andere Tiere ernähren und beherbergen. Für den Hobbygärtner heißt das: Das Richtige tun und das Falsche lassen.

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    Von
    • Ursula Klement

    Ein Insektenhotel macht noch keine Artenvielfalt. Damit der Garten summt, zwitschert, piepst, schwirrt, brummt und krabbelt, braucht es das ganze Jahr über Unterkunft und Verpflegung für die Eltern – ebenso für den Nachwuchs.

    Das Tagpfauenauge zum Beispiel saugt als erwachsener Schmetterling gern an Huflattich-, Kratzdistel- und Schmetterlingsfliederblüten. Zum Überwintern braucht er feuchte geschützte Ecken, unter anderem in Gartenhäuschen oder Höhlen. Die Raupen haben ganz andere Ansprüche. Sie ernähren sich in unseren Breiten fast ausschließlich von Brennnesselblättern, die im Halbschatten wachsen. Damit ein Tagpfauenauge im Garten leben kann, muss also einiges geboten sein.

    Kies auf Unkrautfolie zerstört Lebensraum

    Das wichtigste am Garten sind die Pflanzen. Steinschüttungen, auch wenn vereinzelt ein paar Pflanzen dazwischen wachsen, sind eine vertane Chance. "Steinepest" sagt der Staudengärtner Dieter Gaissmayer aus Illertissen dazu. Denn die Kies- oder Schotterflächen bieten den Tieren im Garten nichts. Keinen Nektar oder Pollen, keine Früchte, kein Raupenfutter und meist auch keinen Unterschlupf oder Brutplatz. Die unter den Steinen verlegten Kunststoffgewebe zerstören den Lebensraum von Regenwürmern, Springschwänzen und Bodenmilben zum Beispiel und sind als Mikroplastikquelle eine Bedrohung für viele andere Tiere.

    Grün allein reicht nicht

    Pflanzen wie zum Beispiel Kirschlorbeer, Thuja, Pelargonien (umgangssprachlich Geranien genannt) oder Forsythien produzieren zwar Sauerstoff, binden Kohlendioxid und sorgen im Sommer für Verdunstungskälte. Sie bieten Insekten, Vögeln und anderen Tieren im Garten aber keine Nahrung und nur selten Unterschlupf. Bei der Pflanzenauswahl sollte man deswegen darauf achten, dass im Garten das ganze Jahr über einheimische Blumen und Gehölze blühen. Ihre Blüten bieten den Insekten Nektar und Pollen, sie bilden Früchte zum Beispiel für Insekten, Vögel und Siebenschläfer.

    Prof. Manfred Ayasse, Ökologe an der Universität Ulm, empfiehlt Glockenblumen und Natternkopf. Aber auch Efeu, Kornelkirsche, Obst, Hagebutten-Rosen, Salbei, Borretsch und Beinwell fördern die Artenvielfalt im Garten. Wer sich beim Obst- und Gemüseanbau für alte Sorten entscheidet, trägt dazu bei, die Vielfalt von Nutzpflanzen zu erhalten.

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    Bildrechte: Ursula Klement/BR

    Wiese statt Rasen, Sense statt Mähroboter

    Mähroboter rasiert Artenvielfalt

    Ein Mähroboter-Rasen ist einheitlich grün und auch als Lebensraum nicht besonders bunt. Er produziert zwar immerhin Sauerstoff, bindet Kohlendioxid, lässt das Regenwasser versickern und - wenn er nicht übermäßig gedüngt wird, schützt er auch das Grundwasser. Bodentieren wie Regenwürmern bietet er ein Auskommen. Aber ansonsten ist er mehr Grün-Fläche als Lebensraum - "ökologisch betrachtet eine tote Zone", sagt Bernd Kurus-Nägele vom Bund Naturschutz in Neu-Ulm.

    Dazu kommt, dass der Mähroboter junge Igel, Frösche, Kröten, aber auch Blindschleichen sowie Insekten schwer verletzen kann. Um Igel und Kröten zu schützen, sollte man ihn, wenn überhaupt, nur tagsüber laufen lassen.

    Wiese statt Rasen

    Wer den Mähroboter wegsperrt und nur dann zum Rasenmäher greift, wenn die Gänseblümchen schon fast verblüht sind, hat in der Regel auch Kriechenden Günsel, Labkraut und Ehrenpreis im Rasen. Eine Attraktion für Bienen, Hummeln und kleine Schmetterlinge, die auf Nektarsuche sind, aber noch nichts für Raupen und wenig zum Überwintern.

    Wer einen Teil der Grünfläche einfach sich selbst überlässt und nur ein oder zwei Mal im Jahr mäht, bekommt im Laufe der Zeit auch eine artenreiche Wiese. Den Gipfel der Artenvielfalt erreicht man, wenn man den Boden abträgt, ein mageres Sand-Schotter-Gemisch auffüllt, gebietsheimische Wildblumensamen aussät und den Aufwuchs immer erst nach dem Winter mäht. So eine artenreiche Wiese hat auch im kleinsten Garten Platz. Denn ein Quadratmeter ist besser als keiner, sagt der Vogelkundler und Ökologe Prof. Peter Berthold von der Vogelwarte Radolfzell. Können auf einem Quadratmeter doch über 100 Pflanzen wachsen, die Tieren Futter, Unterkunft und Eiablageplatz bieten.

    Angebote auch für Spezialisten

    Während die Honigbiene sich und ihre Jungen mit Nektar und Pollen aus sehr vielen verschiedenen Pflanzen von Obstgehölzen über Salbei und Borretsch bis Klee versorgt, ist die Knautien-Sandbiene darauf angewiesen, dass sie für ihre Larven Pollen der Ackerwitwenblume oder der Taubenskabiose findet. Und die Knautien-Sandbiene, auf der Roten Liste als gefährdet eingestuft, ist kein Einzelfall. Deswegen sollte ein artenreicher Garten immer auch einigen spezialisierten Insekten Kost und Logis bieten. Mit Wildstauden und einheimischen Gehölzen zum Beispiel.

    Aktionismus schadet der Artenvielfalt

    Der Einsatz von Mineraldünger und Pflanzenschutzmitteln reduziert die Artenvielfalt im Garten. Wenn nötig, sollten Kompost und organischer Dünger sowie Nützlinge und die Hacke eingesetzt werden.

    Die besten Blumen, Stauden und Sträucher helfen Bienen, Käfern und Vögeln nichts, wenn die Pflanzen falsch gepflegt werden. Und falsch heißt meistens: zu viel gepflegt. "Wer nichts macht, macht selten etwas falsch." Die Gartenbuchautorin Sigrid Tinz wiederholt es immer wieder. Deswegen im Herbst nicht in Aktionismus verfallen und abgeblühte Stauden mit verholztem Stängel lieber bis zum nächsten Frühjahr stehen lassen, dann haben Insekten ein Winterquartier und Vögel eventuell gehaltvolles Futter. Im Frühjahr, wenn die Winterlinge treiben, ist Zeit, die Stängel mit den Blütenköpfen abzuschneiden und bis in den Mai hinein in eine geschützte Ecke zu stellen.

    Ordnung machen hilft der Artenvielfalt dann, wenn man etwa alle Steine, die man im Garten aufliest, an einer sonnigen Stelle auf einen Haufen schichtet. Das schafft Lebensraum unter anderem für Zauneidechse und Mauswiesel.

    Strukturen schaffen spart die Fahrt zum Wertstoffhof

    Ökologen sprechen von einem "Reichtum an Strukturen", der Nachbar-Gartler nennt es "Schlamperladen": Das Laub gehört im Herbst nicht auf den Wertstoffhof. Stattdessen kann man auch damit einen Haufen machen. Auch die alten Blumen-Stiele, die man im Frühjahr abschneidet, sollte man sammeln und erst mal in eine Ecke stellen. Auf keinen Fall gleich häckseln! Denn in den Stängeln und Blüten können sich noch Insekten verstecken, die erst im Laufe des Frühlings schlüpfen, so der Rat von Wolfgang Weisser, Ökologie-Professor an der Technischen Universität München-Weihenstephan.

    Das gleiche gilt für den Gehölzschnitt. In Hecken überwintern zum Beispiel erwachsene Zitronenfalter. Strukturen zu schaffen und zu erhalten, bringt viel mehr als ein Insektenhotel, das selbst, wenn es gut gemacht ist, nur wenigen Arten nützt. Für manche Tiere - wie Igel - ist es auch noch entscheidend, dass die Grundstücksgrenzen für sie durchlässig sind.

    Zusätzliche Angebote: Insektenhotel, Nistkasten und Wasser

    Beim Bau oder Kauf von Insektenhotels kann man einiges falsch machen, deswegen heißt auch hier die Devise: Lieber keines als ein falsches. Vogel-Nistkästen gibt es auch in unterschiedlicher Qualität, aber da macht man meistens nichts Entscheidendes verkehrt. Genauso wie beim ganzjährigen Vögelfüttern – wenn die Futterstelle sauber gehalten wird! Wasser ist natürlich kein Extra, sondern lebensnotwendig für alle – eine Tränke mit sauberem Wasser und rauem Boden. Für den Igel am Boden, für die Vögel lieber ein wenig erhöht und mit einem Strauch im Hintergrund als Deckung. Insekten brauchen ein Wasserbecken, am besten mit einer Moosinsel, damit sie wieder leicht ins Trockene kommen.

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