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Viele Schlupflöcher: Tiertransporte aus Oberbayern in Kritik | BR24

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Lange Tiertransporte sind für Tierschützer problematisch. In Bayern gibt seit März 2019 ein Verbot des Exports in sogenannte Risikostaaten. Jüngst hat das ZDF berichtet, wie 30 Jungrinder aus dem Landkreis Miesbach nach Libyen gelangt sind.

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Viele Schlupflöcher: Tiertransporte aus Oberbayern in Kritik

Lange Tiertransporte sind für Tierschützer problematisch. In Bayern gibt seit März 2019 ein Verbot des Exports in sogenannte Risikostaaten. Jüngst hat das ZDF berichtet, wie 30 Jungrinder aus dem Landkreis Miesbach nach Libyen gelangt sind.

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Eine Biobäuerin im Landkreis Miesbach erinnert sich an die Frage des Zuchtverbands, ob sie Kalbinnen zum Export hätte. Für sie kam das aber überhaupt nicht in Frage. Die Familie und mehrere Bauern aus der Region sind generell gegen lange Tiertransporte und haben deswegen einen Verein gegründet. Ziel: Den Rindernachwuchs in der Region an Partner – also in sichere Hände geben.

Doch der Fleckviehzuchtverband Miesbach wirbt für internationale Geschäfte. Es gibt eine Tochter-GmbH, die den Export organisiert und abwickelt, die Homepage ist mehrsprachig. Auch auf Türkisch und Russisch können Interessierte die Vorzüge von oberbayerischem Fleckvieh erfahren - zum Beispiel von Kälbern: Geworben wird mit Begriffen wie beste Masteigenschaften, hohe Schlachtkörperqualität, das Vieh sei "geeignet für alle Haltungsformen". Weiter heißt es: "Unsere Zuchtrinder sind vital, robust und passen sich verschiedensten Klimabedingungen bestens an."

Gesundes Jungvieh für die Zucht in der Slowakei - scheinbar

Es war auch gesundes Zuchtvieh, dass da aus dem Landkreis Miesbach in die Slowakei verkauft worden ist, doch an der Zieladresse gab es gar keinen Hof. Die Kalbinnen aus Miesbach wurden nach 48 Stunden Pause in einem nahe gelegenen Stall umdeklariert zu Schlachtvieh.

Die Fernsehreportage des ZDF berichtet, dass die Tiere nach Spanien gefahren und dort im Hafen nach Libyen eingeschifft wurden.

Transport- und Haltungsbedingungen in Zielländern entsprechen nicht den Gesetzen

Viele Bauern, die die Fernseh-Dokumentation gesehen haben, sind empört darüber, wie Tiertransporte in Drittstaaten ablaufen. Auch, dass oberbayerisches Zuchtvieh in Nordafrika geschlachtet wird. Es ist aber auch umstritten, inwiefern Hochleistungstiere aus Bayern in den Zielländern als Zuchttiere entsprechend gehalten und gefüttert werden können. Und ob deren Gesundheit dauerhaft sichergestellt werden kann. So hätten Rinder aus Bayern beispielsweise in Usbekistan oder im Nahen Osten Probleme mit der Hitze.

Einer Reise deutscher Tierärzte, darunter eine Amtstierärztin aus Kempten im Allgäu, habe ergeben, dass die Transportbedingungen Richtung Usbekistan vorne und hinten nicht dem Tierschutz entsprechen.

Qualvolle Transporte über Drittländer

Der erfahrene Tierarzt Kai Braunmiller spricht für die Landesarbeitsgemeinschaft Fleischhygiene und Tiergesundheit in Bayern. Er bescheinigt der bayerischen Regelung, nicht mehr in Risikostaaten zu exportieren, zwar einigen Erfolg. Es gebe aber zu viele Schlupflöcher: andere Länder wie Brandenburg oder Nachbarstaaten in der EU. Von hier aus gelangen Viehtransporte in den Nahen Osten, nach Nordafrika oder Mittelasien, obwohl die Transportbedingungen nicht tierschutzgemäß ablaufen.

"Ich glaub das schon, dass viele Landwirte das nicht wissen, was im Endeffekt aus ihren Tieren wird, und wo die landen, und was dann mit ihnen passiert. Aber die Zuchtverbände wissen sehr gut, was da passiert, und machen das sehr geschickt. Aber das ist natürlich ein untragbarer Zustand, wenn man sieht, wo die Tiere dort enden und wie sie enden." Amtstierarzt Kai Braunmiller

Die Tiere enden oft qualvoll: Das heißt, sie werden ohne Betäubung geschlachtet, vorausgesetzt, dass sie den Transport überstehen.

Es kommt immer wieder vor, dass verletzte und geschwächte Tiere bereits auf dem Transportweg verenden. Sie seien versichert, der Verlust werde von den Händlern einkalkuliert, kritisiert Braunmiller. Außerdem gebe es viele Verstöße auf der tagelangen Fahrt im LKW: Ruhepausen würden nicht eingehalten, die Tiere bekämen oft nicht das richtige Futter oder eine Tränke, sie dürften nicht raus, obwohl vorgeschrieben ist, dass der Fahrer die Ladeklappe nach einer bestimmten Zeit öffnen muss.

Kälbertransporte sind besonders problematisch

Besonders schlimm sind die Transporte für die Kälber. Sie verlassen schon im Alter von etwa vier Wochen den Hof, werden verladen und gehen auf die Reise, dabei sind sie auf Milch oder andere elektrolytische Flüssignahrung angewiesen.

Tierarzt Braunmiller kritisiert die Transport-Fahrzeuge, die keine Saugnippel haben:

"Dann haben wir auch bei den Kälbern die Vorgabe, dass sie nach 19 Stunden abgeladen werden müssen und gefüttert und dann 24 Stunden Ruhe haben, das ist auch ein Problem, dass sie früher aufgeladen werden, dann bekommt das Kalb Durchfall." Kai Braunmiller

Durchfall ist für Kälber lebensgefährlich. So gibt es derzeit nur einen Transporteur, der Kälber momentan von Bayern Richtung Spanien transportieren darf, mit einer befristeten Sondergenehmigung, so der Bayerische Bauernverband (BBV). Der BBV würde gerne mehr Kälber nach Spanien exportieren. Er macht das zuständige Bundesinstitut für die Schwierigkeiten im Moment verantwortlich, das die Anforderungen für die Fahrzeuge noch nicht genau definiert habe.

Deswegen sei der Verkauf dahin, wo es einen legalen Markt gebe, so schwierig, beklagt der Bauernverband. Österreichische Viehhändler dagegen könnten mit ihren Kälbertransportern einfach durch Bayern fahren auf dem Weg in den Süden. Bayern legt die EU-Verordnung anders aus als die anderen Staaten der Union, beklagt der Bauernverband.

Bauernverband will an Exporten festhalten – auch an Drittstaaten

Der Bauernverband spricht sich weiter für den Export von Zuchtvieh aus, sofern die gesetzlichen Vorgaben für den Tierschutz eingehalten werden. Auch Kälber sind laut Bauernverband an den Zielorten in guter Verfassung, wenn sie ordnungsgemäß versorgt werden. Jedenfalls wendet sich der Bayerische Bauernverband klar gegen eine Beendigung der Transporte. Diese wäre "nicht ohne massive Marktverwerfungen möglich", schreibt der BBV auf Anfrage. So heißt es:

"Wer einen Stopp dieser Praxis fordert, muss auch eine Lösung für die hiesige Vermarktung von Kälbern anbieten." Bayerischer Bauernverband

Einheitliche Regelungen könnten Schlupflöcher beim Tiertransport stopfen

Das Bayerische Verbot des Direktexports in die 19 Risikostaaten haben auch Hessen und Nordrhein-Westfalen übernommen. Der Bayerische Umweltminister Glauber kritisiert aber, dass es über andere Bundesländer wie Brandenburg und die EU-Nachbarstaaten noch viele Schlupflöcher in die sogenannten Risiko-Drittstaaten gebe. Dazu hat das Landratsamt Miesbach auf Anfrage von BR24 erklärt:

"Vom Landratsamt Miesbach werden für Exporte in die vom Freistaat Bayern in einer sogenannten Negativliste aufgeführten Drittländer weder Voratteste oder gar Dokumente zur Endabfertigung ausgestellt. Transporte von Nutztieren werden auf das vorgegebene Mindestmaß begrenzt." Landratsamt Miesbach am 21.02.2020

Dies setzte allerdings voraus, dass der zuständige Amtstierarzt von dem tatsächlichen Endbestimmungsort der Tiere Kenntnis habe.

In dem Fall hat sich jedoch herausgestellt: Die Regelung Bayerns wird umgangen, indem Nutztiere zuerst in einen anderen Mitgliedstaat verbracht werden, so das Landratsamt. "Von dort aus werden sie, ohne unser Wissen, in diese gelisteten Drittländer exportiert. Dies kann durchaus auch in einem rechtlich korrekten Rahmen geschehen."

Kälber aus Oberbayern landen in Libyen auf Schlachtbank

Auch Bayerns Umweltminister Thorsten Glauber betont: Im Fall der Kalbinnen, die in Libyen auf der Schlachtbank gelandet sind, habe der Tierarzt in Miesbach bei seiner Prüfung jedenfalls keinen Fehler gemacht.

"Leider ist es so, dass wir gerichtliche Prozesse verloren haben und nur Vorzertifikate ausstellen können und damit den Länderschluss nicht hinbekommen haben. Andere Länder können Tiertransporte dann vollziehen, die Verantwortung liegt bei Verbrauchern und anderen Landwirtschaftsministern." Umweltminister Thorsten Glauber

Der Ball liegt im Feld der Bundeslandwirtschaftsministerin. Sie sei zuständig, sagen auch Grünenpolitiker im Landtag und der SPD-Verbraucherexperte Florian von Brunn. Für Tierärzte wie Kai Braunmiller sollten junge Kälber erst gar nicht exportiert werden und stattdessen auf den Höfen ihrer Mütter bleiben.

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