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Viele Pflegeheime weiterhin ohne Corona-Behandlungsstrategie | BR24

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Jeder fünfte Heimbewohner, der mit dem Coronavirus infiziert ist, stirbt. Es könnten weniger Todesfälle sein, wenn es ein medizinisches Behandlungskonzept in allen Pflegeheimen geben würde. Die Kommunale Altenpflege Bayern fordert eine Lösung.

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Viele Pflegeheime weiterhin ohne Corona-Behandlungsstrategie

Jeder fünfte Heimbewohner, der mit Corona infiziert ist, stirbt. Es könnten weniger Todesfälle sein, wenn es ein medizinisches Behandlungskonzept in allen Pflegeheimen geben würde. Die Kommunale Altenpflege Bayern fordert dringend eine Lösung.

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  • Ulrike Nikola

Es dürfe nicht schicksalshaft hingenommen werden, dass alte Menschen in Pflegeheimen an oder mit Covid-19 sterben, sagt Michael Pflügner, Vorstand der Kommunalen Altenpflege Bayern (KAB). Doch es fehle eine flächendeckende Corona-Behandlungsstrategie. Was beispielsweise im Krankenhaus zum Standard gehöre, könnte auch in Pflegeheimen umgesetzt werden.

Nur wenige Pflegeheime profitieren von Erkenntnissen der Medizin

Aber die medizinischen Erkenntnisse, die auf den Covid-19-Stationen gesammelt werden, kommen nur punktuell in Langzeitpflegeeinrichtungen an. Dafür bräuchte es Plattformen zum Informationsaustausch zwischen den Experten aus der Medizin und der Altenpflege sowie einen Wissenstransfer, für den die Gesundheitsämter und das Bayerische Gesundheits- und Pflegeministerien sorgen könnten. In den vergangenen Monaten hätten entsprechende Strukturen aufgebaut werden können, doch das ist nicht passiert.

Jeder fünfte Pflegeheimbewohner stirbt bei einer Corona-Infektion

In Bayern leben über 100.000 Pflegebedürftige in rund 1.500 Pflegeeinrichtungen. Ende November hatten sich zwei Prozent der Heimbewohner und Bewohnerinnen mit dem neuartigen Coronavirus Sars-CoV-2 infiziert. Doch seitdem sind die Infektionszahlen und Todesfälle wie auch in anderen Bereichen gestiegen.

Anfang Dezember meldete das Robert-Koch-Institut (RKI), dass 2020 jeder fünfte Infizierte in einer Langzeitpflegeeinrichtung gestorben ist. Hinter diesen 20 Prozent verbirgt sich das Schicksal mitunter hochbetagter Menschen, die oftmals nicht mehr von ihrem Heim in ein Krankenhaus verlegt werden möchten.

Dies ist mit ihren Angehörigen und Betreuern meist abgesprochen. "Sie sollten daher auch in einer Pflegeeinrichtung eine gute medizinische Versorgung erhalten", fordert Michael Pflügner von der KAB. Dazu brauchen die Heime sowohl das Personal, den Wissenstransfer als auch die Ausstattung wie beispielsweise mobile Beatmungsgeräte.

Nürnbergstift tauscht sich mit Intensivmediziner aus

In Nürnbergs städtischen Heimen werden positiv getestete Bewohner und Bewohnerinnen mit einem Gerinnungshemmer und zusätzlichem Sauerstoff behandelt. "Dadurch können wir lebensbedrohliche Blutgerinnsel, die durch das Virus verursacht werden können, frühzeitig verhindern", erklärt Dr. Rosemarie Hofmann. Als Hausärztin betreut sie rund 30 ältere Menschen im Nürnbergstift sowie die Covid-19-Erkrankten.

Um bei deren Behandlung auf dem neusten Stand zu sein, tauscht sie sich regelmäßig mit dem verantwortlichen Oberarzt auf einer der Intensivstationen des Nürnberger Klinikums aus. Dieses Wissen könnte auch den Menschen in anderen Pflegeeinrichtungen zugutekommen.

Keine Lösungen aus der Pflegepolitik

Doch wer nach Publikationen seitens des Robert-Koch-Instituts oder des Bayerischen Gesundheits- und Pflegeministeriums sucht, wird nicht fündig. Die Empfehlungen beschränken sich auf Hygienemaßnahmen, Testungen und die Eindämmung des Virus. Medizinische Leitlinien oder ein medizinisches Behandlungskonzept für hochbetagte Infizierte in Pflegeheimen gibt es bislang nicht.

Ein Sprecher des Bayerischen Gesundheits- und Pflegeministerium teilt auf BR24-Anfrage mit: "Der Schutz der Bewohnerinnen und Bewohner von Alten- und Pflegeheimen sowie des Pflegepersonals ist ein Kernelement der neuen Corona-Maßnahmen, die mit der 10. Infektionsschutzmaßnahmenverordnung in Kraft getreten sind. Wir arbeiten mit Hochdruck daran, die Heime sowohl bei der medizinischen Versorgung als auch bei Testungen zu unterstützen."

Fachpublikation als ein erster Schritt

Bewohner von Langzeitpflegeeinrichtungen werden als größte Risikogruppe angesehen. Schätzungen aus verschiedenen Staaten legen nahe, dass ein bis zwei Drittel aller an oder mit dem Coronavirus Verstorbenen zuletzt in einem Pflegeheim gewohnt haben. "Es besteht also ein enormer Bedarf an medizinischen Management-Empfehlungen für Covid-19 für Langzeitpflegeeinrichtungen", sagt Prof. Markus Gosch.

Der Chefarzt der Klinik für Geriatrie am Klinikum Nürnberg und der Paracelsus Medizinischen Privatuniversität bereitet derzeit eine Fachpublikation vor, in der er die wichtigsten medizinischen Therapien für infizierte Heimbewohner zusammenfasst. Der Nürnberger Geriater will die mehrseitige fachliche Auflistung möglichst noch im Dezember veröffentlichen, sobald sie gutachterlich geprüft worden ist.

Es wäre ein erster Schritt, damit Pflegekräfte und betreuende Hausärzte in Heimen über wirksame Maßnahmen informiert werden. Denn es braucht dringend mehr Austausch zwischen Forschung, Kliniken und Pflegeheimen, um Leben zu retten und würdiges Sterben zu ermöglichen.

Andere Länder setzen Heimärzte ein

In den meisten Altenheimen in Bayern gibt es keine Heimärzte. Die Betreuung der Bewohnerinnen und Bewohner findet über ihre persönlichen Hausärzte statt, die je nach Kenntnisstand ihre eigene Therapie anwenden. Daher ist die fachärztliche Versorgung in Altenheimen sehr unterschiedlich und hängt oft von dem jeweiligen Engagement der Ärzte ab.

In den Niederlanden und Großbritannien gibt es das Modell des Heimarztes, der ausschließlich Pflegeheim-Patienten versorgen. "Für die Zukunft müssen wir uns neue Konzepte in Deutschland überlegen, so dass ein Arzt verantwortlich ist für die medizinische Versorgung in einem Pflegeheim. Er sollte auch in die Entscheidungsabläufe können", sagt Prof. Markus Gosch.

Wegen Corona tägliche Visiten nötig

Im aktuellen Katastrophenfall werden Ärzte den Pflegeheimen zugeordnet wie es auch die Kommunale Altenpflege Bayern gefordert hat. Doch eine dauerhafte medizinische Versorgung vor Ort sei wichtig, sagt Indira Schmude, die Fachliche Leiterin im Nürnbergstift.

Sie will, dass die Menschen im Pflegeheim auch medizinisch gut versorgt werden - besonders in Zeiten von Corona: "Wir brauchen Ärzte, die jeden Tag Visite machen, die die Infusionen begleiten und überwachen. Dafür brauchen wir auch adäquates Fachpersonal vor Ort. Das ist etwas, das momentan strukturell noch nicht ideal gelöst ist."

Gerade die Corona-Pandemie mache deutlich, wie wichtig Heimärzte wären, sagt Michael Pflügner, Vorstand der KAB. So könnten die Bewohnerinnen und Bewohner besser und schneller versorgt werden. Denn beim derzeitigen Status quo müsse sich die Pflegedienstleitung oftmals mit vier oder fünf Ärzten verständigen, die ihre jeweiligen eigenen Patienten unterschiedlich behandeln. Dabei gebe es Standards, die sie aus den Kliniken übernehmen könnten.

Doch dazu bräuchte es eine medizinische Behandlungsstrategie für ältere Menschen in Pflegeheimen, die mit Sars-CoV-2 infiziert sind. Eine solche Strategie ist längst überfällig.

© BR

Durch steigende Fallzahlen in Seniorenheimen spitzt sich die Lage dort weiter zu. Kommunale Einrichtungen fordern deshalb ein einheitliches medizinisches Behandlungskonzep.

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