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Viele offene Fragen bei der Digitalisierung der Schulen | BR24

© BR/ Frank Breitenstein

Wie weit ist die Digitalisierung an bayerischen Schulen, wie groß sind die Mängel? Das Kultusministerium will nun mehr auf digitale Inhalte setzen. An der 6b einer Schweinfurter Mittelschule ist digitales Lernen schon Alltag, aber selbst organisiert.

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Viele offene Fragen bei der Digitalisierung der Schulen

Das Kultusministerium macht im Zuge der Corona-Krise Druck bei der Digitalisierung des Schulunterrichts. Die Schweinfurter Friedenschule stellt das vor Probleme. In einer Klasse hat eine Lehrerin die Digitalisierung in die eigene Hand genommen.

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Dass es im Klassenraum so still ist, liegt nicht nur daran, dass wegen der Corona-Pandemie nur die Hälfte der Schülerinnen und Schüler präsent sein darf. Viel mehr arbeiten alle konzentriert mit ihrem Tablet. Auf dem Bildschirm konstruieren die Kinder Würfel und Quader. Dann berechnen sie deren Oberfläche. Das sei viel praktischer als mit Geodreieck und Bleistift findet der 12-jährige Viktor. Ihn begeistert die Technik genauso wie die übrigen Mädchen und Buben im Klassenzimmer. Das digitale Klassenzimmer in Schweinfurt ist allerdings noch eher eine Ausnahme.

Bayerisches Kultusministerium schreibt mehr digitale Inhalte vor

Die Digitalisierung der Schulen bekommt gerade pandemiebedingt eine neue Dynamik. Das notgedrungene Homeschooling hat die Defizite der Schulen bei der Digitalisierung offen zutage treten lassen. Deshalb drückt das Bayerische Kultusministerium jetzt aufs Tempo. Zum Beginn des neuen Schuljahres, so haben die Lehrer es aus einem aktuellen Brief erfahren, müssen Lehrer in ihren Unterricht regelmäßig digitale Inhalte einbauen.

Tablets für Mittelschule privat organisiert

Das Beispiel der Frieden-Mittelschule in Schweinfurt zeigt deutlich, wie weit Wunsch und Wirklichkeit noch auseinanderliegen. Derzeit kommt die Klasse 6b als einzige von insgesamt 20 in den Genuss des digitalen Lernens. Lehrerin Stefanie Scheer hat die Tablets privat aufgetrieben – und wenn im Klassenraum WLAN gebraucht wird, übernimmt sie die Kosten aus eigener Tasche. Dokumentenkameras und Beamer sind in der Friedenschule vorhanden.

Lehrerin sieht pädagogische Vorteile in digitalem Unterricht

Stefanie Scheer findet digitalen Unterricht nicht nur zeitgemäß, sondern sieht auch pädagogische Vorteile. So könne jede und jeder Einzelne im Unterricht seine Ergebnisse bei Bedarf für alle zugänglich machen. Dafür müsse er nur das jeweilige Display per Mausklick mit dem Beamer koppeln, erklärt sie.

Vor allem aber bestehe für sie als Lehrerin die Möglichkeit, alle Arbeitsschritte zuhause nachzuvollziehen. So könne sie erkennen, welches Kind an welcher Hürde gescheitert ist und ihm gezielt Unterstützung anbieten. Da Stefanie Scheer sich gern mit digitalen Inhalten befasst, war ihre Klasse bereits vor dem Lockdown mit Arbeitsweisen vertraut, was ihr dann im Homeschooling zugutekam. Meist geht es dabei um übersichtliche Lerneinheiten, die sich auch mit Hilfe eines Handys lösen lassen. Denn das haben selbst Sechstklässler heute in der Regel zur Verfügung.

Digitalisierung stellt Schulen und Lehrer vor viele Fragen

Trotzdem ist diese Form des digitalen Unterrichts zumindest an der Schweinfurter Friedenschule bislang die Ausnahme. Zwar hat die Stadt als Schulaufwandsträger für die Mittelschule 16 Tablets und 16 Notebooks angeschafft, die noch vor den Ferien kommen sollen. Aber die Hardware allein garantiere ja noch keinen sinnvollen Unterricht, meint Schulleiter Tomi Neckov. Als er in der Konferenz die frohe Kunde vortrug, seien gleich viele Fragen gekommen: Wer kümmert sich dann um die Geräte? Wer installiert die Software? Wie steht es mit Updates und Akkuladung? Wie soll die Technik konkret eingesetzt werden? Wer schult die Lehrkräfte? Fragen über Fragen.

Schulleiter fühlt sich von Kultusministerium alleine gelassen

Aber über eines ärgert sich Tomi Neckov besonders. Das besagte Schreiben aus dem Ministerium, mit dessen Hilfe es nun vorangehen soll, lasse die Lehrerinnen und Lehrer bei all den genannten Fragen weitgehend im Regen stehen. Das Schreiben weise die Lehrerinnen und Lehrer sinngemäß an, sich in den Sommerferien fürs digitale Unterrichten fortzubilden. Tomi Neckov, der zugleich stellvertretender Vorsitzender des Bayerischen Lehrerinnen und Lehrerverbandes ist, kann darüber nur den Kopf schütteln.

Jahrelange Überlegungen in wenigen Wochen umsetzbar?

Laut Schulleiter Neckov hätten sich Verlage, Kommunen und auch die Politik schon jahrelang darüber Gedanken gemacht, wie Digitalisierung sinnvoll umgesetzt werden kann. Bisher seien dafür aber keine Voraussetzungen geschaffen worden. Die Lehrkräfte sollten jetzt innerhalb von sechs Wochen Sommerferien ein Konzept erarbeiten, wie das geht. Das könne keine Schule leisten. Und schon gar keine Mittelschule wie die Schweinfurter Friedenschule. Da hätten nämlich viele Schülerinnen und Schüler ganz andere Probleme. Auch wenn viele daheim weder Computer noch Drucker oder WLAN zur Verfügung hätten, so würden deren sozio-ökonomische Sorgen nicht damit gelöst, indem man ihnen ein schulisches Notebook in die Hand drücke.

Voraussetzungen an Schulen verbessern

Der wichtigste Schritt dürfte deshalb wohl sein, zunächst die Voraussetzungen in den Schulen zu verbessern – durch Technik, Fortbildung und Inhalte. Ohne schlüssiges Konzept bleibt das Gelingen eines digitalen Unterrichts reine Glückssache. Er steht und fällt dann nämlich, wie derzeit in der Friedenschule, mit dem persönlichen Engagement der Lehrkräfte.

© BR/ Frank Breitenstein

Lehrerin Stefanie Scheer und Schüler der 6b am Tablet

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