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Viel zu wenig Plätze in der Kurzzeitpflege | BR24

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Drei von vier Pflegebedürftigen in Bayern werden daheim von Angehörigen gepflegt – eine große Belastung. Damit sich die Pflegenden kleine Pausen gönnen können, gibt es die Kurzzeitpflege. Doch die Plätze reichen nicht. Ein Beispiel aus Ingolstadt.

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Viel zu wenig Plätze in der Kurzzeitpflege

Drei von vier Pflegebedürftigen in Bayern werden daheim von Angehörigen gepflegt – eine große Belastung. Damit sich die Pflegenden kleine Pausen gönnen können, gibt es die Kurzzeitpflege. Doch die Plätze reichen nicht. Ein Beispiel aus Ingolstadt.

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In Deutschland gibt es rund 3,4 Millionen Pflegebedürftige. Rund ein Siebtel davon in Bayern. Drei Viertel von ihnen werden zuhause gepflegt – von ihren Angehörigen. Die brauchen auch mal eine Auszeit. Dafür gibt es die Kurzzeitpflege. Theoretisch hat jeder Pflegende Anspruch auf acht Wochen Kurzzeitpflege pro Jahr, also das Recht seine Pflegeperson vorübergehend in einem Heim betreuen zu lassen. Doch feste Kurzzeitpflegeplätze sind in Bayern Mangelware.

Wieviele Plätze für Kurzzeitpflege gibt es?

Wieviele Plätze für Kurzzeitpflege es in Bayern gibt, darüber gehen die Zahlen auseinander. Das Landesamt für Statistik meldet gerade mal 250 feste Kurzzeitpflegeplätze für den gesamten Freistaat, der bayerische Landtag berichtet von 2.500. Der Bedarf liege aber bei mindestens 3.000, erklärt der Pflegebeauftragte der bayerischen Staatsregierung, Prof. Peter Bauer.

Fünf Plätze mehr nach Protesten

In Ingolstadt erregt das Thema seit Jahren die Gemüter. Früher gab es in der 135.000 Einwohner-Stadt mal zwölf solcher Plätze, dann keine mehr. Nach Protesten wurden vergangenes Jahr wieder fünf Kurzzeitpflegeplätze eingerichtet. Nun will der private Anbieter Danivius an dem neuen bayerischen Förderprogramm teilnehmen und dadurch fünf weitere Plätze anbieten.

Doch reicht das Angebot dann? Und können sich die pflegenden Angehörigen diese Plätze auch leisten? Die Frage muss sich auch Familie Bauernfreund stellen, als sie sich am frühen Abend im Danuvius Haus umschaut.

Drei Generationen schauen sich um bei der Kurzzeitpflege

Der 13-jährige Julius schiebt seinen Opa Silvi durch die Räume, die schon bald fünf feste Kurzzeitpflege-Gäste aufnehmen sollen. Normalerweise lebt Opa Silvi bei seiner Tochter Elisabeth, deren Mann und deren Kindern. Alle helfen bei seiner Pflege mit, auch Julius und seine Schwester Valerie:

"Ich geh mit ihm aufs Klo, weil er braucht immer den Rollator, ich schmiere ihm das Brot, und Julius hilft toll."

Von diesem Pflegealltag braucht die Familie Bauerfreund immer wieder mal eine Auszeit. Zum Beispiel in den Faschingsferien, wenn die Familie zum Skifahren nach Großarl will.

Ein Urlaub, der gut geplant werden muss, denn Opa Silvi soll derweil in die Kurzzeitpflege.

Es bräuchte mehr Plätze für Kurzzeitpflege

Das Problem: In den Ferien wollen viele Urlaub machen, auch die Familien mit einem häuslichen Pflegefall. Doch die festen Kurzzeitpflegeplätze sind Mangelware in Ingolstadt - derzeit gibt es nur fünf für ganz Ingolstadt. Viel zu wenig für die 135.000 Einwohner-Stadt, weiß Elisabeth Bauernfreund, die seit Jahren die Hauptverantwortung für die Pflege ihres Vaters trägt. Sie zitiert das jüngste Pflegegutachten, das die Stadt Ingolstadt anfertigen hat lassen, und resummiert: Danach bräuchte es mindestens 20 feste Kurzzeitpflegeplätze für Ingolstadt.

Mangel und Unterversorgung in ganz Bayern

Nicht nur in Ingolstadt herrscht akuter Mangel an festen Kurzzeitpflegeplätzen, zumindest zu Ferienzeiten. Ganz Bayern ist unterversorgt. Wie groß das Defizit ist, weiß niemand genau. Es kursieren die unterschiedlichsten Zahlen: Das Landesamt für Statistik meldet gerade mal 250 feste Kurzzeitpflegeplätze für den gesamten Freistaat. Der Bayerische Landtag nennt eine Zahl, die zehnmal höher liegt, also 2.500.

Was stimmt nun? Eine Lageanalyse, in Auftrag gegeben vom Gesundheitsministerium, soll im Frühjahr erstmals verlässliche Fakten liefern. Fakt ist schon jetzt: der Bedarf übersteigt die Nachfrage. Das räumt Peter Bauer, Pflegebeauftragter der Staatsregierung, unumwunden ein:

"Ganz klar: es gibt zu wenig Plätze. Wenn man davon ausgeht, dass über 3.000 nachgefragt werden, brauchen wir noch einmal mindestens 500. Das ist unser Ziel, diese 500 auch zur Verfügung zu stellen."

Millionenschweres Förderprogramm

Peter Bauer spielt auf das Förderprogramm an, das seit September läuft. Darin stellt die Staatsregierung den Heimen fünf Millionen Euro zur Verfügung, um in den nächsten fünf Jahren 500 zusätzliche feste Kurzzeitpflegeplätze einzurichten. Für jeden Platz schießt der Staat pro Jahr 10.000 Euro zu. Damit können die Heime das Defizit ausgleichen, das sie mit festen Kurzzeitpflegeplätzen einfahren. Zu schwankend ist hier die Belegung im Vergleich zu stationären Dauer-Pflegeplätzen. Das Programm zeigt Wirkung. In der kurzen Zeit haben die bayerischen Heime bereits für 50 Kurzzeitpflegeplätze Förderanträge gestellt. Darunter sind auch die fünf Plätze, um die sich das Pflegeunternehmen Danuvius in Ingolstadt beworben hat.

Behörden überlastet und langsam

Doch Geldmangel ist nicht der einzige Hemmschuh, weiß Andrea Ziegler-Wrobel. Die Danuvius-Geschäftsführerin leitet vier Häuser. Derzeit arbeiten 600 Menschen für sie. 25 weitere würde sie sofort einstellen. In ihrem Danuvius-Haus in Petershausen steht eine Abteilung mit 23 Betten leer, weil das Pflegepersonal fehlt - beziehungsweise die Anerkennung des Pflegepersonals durch die Regierung von Oberbayern.

"Seit November warte ich auf die Zulassung von sechs Philippinen und einem Österreicher. Sie alle haben langjährige Arbeitserfahrung als Fachkräfte und sprechen Deutsch auf B2-Niveau. Aber ich darf nicht mal bei der Regierung anrufen. Da bekomme ich ein Fax. Darin steht: Bitte kein Anruf wegen Arbeitsüberlastung. Mit diesen sieben Kräften könnte ich mehr als 22 Bewohner aufnehmen. "

Der Bearbeitungsstau in den Behörden, hier bei den Bezirksregierungen, ist auch dem Patientenbeauftragten ein Dorn im Auge. Er will den Bezirksregierungen die Zuständigkeiten wegnehmen und sie im neuen Landesamt für Pflege in Amberg bündeln.

"Wir haben die sieben Regierungsbezirke und die Stadt München, und jeder hat seine eigene Behörden. Ich bin grundsätzlich zurückhaltend mit Zentralisierung, aber in dem Fall ist es notwendig."

Kürzere Bearbeitungszeiten und mehr Geld, das sind die beiden wichtigsten Stellschrauben für eine Verbesserung der Situation. Darüber hinaus wünschen sich alle Betroffenen mehr Flexibilität und Offenheit für neue Ideen. Elisabeth Bauernfreund könnte sich zum Beispiel ein Pendant zu den Tagesmüttern für Kinder vorstellen, eine Art Pflegetöchter und -söhne für hilfsbedürftige Menschen. Pflegebeauftragter Bauer erwärmt sich für Pflegehotels, die Umwidmung von leerstehenden Landgasthöfen zu neuen Pflegeeinrichtungen.

Beiden ist wichtig, dass die pflegenden Angehörigen künftig auch schnell und tagesaktuell übers Internet abfragen können, wo in ihrer Umgebung noch Kurzzeitpflegeplätze frei sind, statt wie bisher Heim für Heim abtelefonieren zu müssen.

Regionale Plattform für Pflegeplätze als Vorbild

Gut funktioniert eine solche regionale Pflegeplattform schon in Nürnberg. Sie will der Pflegebeauftragte bayernweit als Blaupause nutzen. Bis auf weiteres bleibt die Situation aber angespannt. Auch bei Elisabeth Bauernfreund in Ingolstadt. Ihr gefallen die neuen Kurzzeitplätze im Haus Danuvius sehr. Und auch der Skiurlaub um Fasching ist gesichert. Trotzdem wertet sie das neue Angebot in Ingolstadt nur als Teilerfolg.

"Mein Bestreben ist, insgesamt in Ingolstadt für mehr Kurzzeitpflege Plätze einzustehen. Hier entstehen fünf neue. Die fünf städtischen Plätze sind nur subventioniert bis 2019. Was damit passiert, weiß man noch nicht. Kann sein, dass wir Ende 2019 wieder nur mit fünf Plätzen dastehen, in dieser wirtschaftlich starken Region Ingolstadt."
© BR/Susanne Pfaller

Ingolstadt: Familie Bauernfreund braucht einen Kurzzeitpflegeplatz.

© BR/Susanne Pfaller

Ingolstadt: Familie Bauernfreund braucht einen Kurzzeitpflegeplatz.

© BR/'Susanne Pfaller

Ingolstadt: Familie Bauernfreund braucht einen Kurzzeitpflegeplatz.