BR24 Logo
BR24 Logo
Startseite
© Bayerischer Rundfunk
Bildrechte: Bayerischer Rundfunk

Verkehrsstau in der Münchner Innenstadt

29
Per Mail sharen

    Viel weniger Autos – München will es versuchen

    Auf Münchens Straßen wird es immer voller. Ändert sich nichts, droht München in naher Zukunft ein Verkehrskollaps. Eine neue Verkehrsstrategie soll das nun ändern. Für den Verkehrsforscher Klaus Bogenberger ist sie aber nur ein Anfang.

    29
    Per Mail sharen
    Von
    • Moritz M. Steinbacher

    Egal ob mit dem Rad, der U-Bahn oder dem Auto. Wer sich morgens oder abends durch den Münchner Berufsverkehr quälen darf, merkt unweigerlich: München platzt aus allen Nähten – trotz Pandemie.

    Rad und Auto werden in Corona-Zeiten häufiger genutzt

    Mit Corona sind laut Klaus Bogenberger mehr Menschen aufs Rad gestiegen, was gut sei. Schlecht sei hingegen, so Bogenberger, dass viele, die sonst den ÖPNV genutzt hätten, wegen der Pandemie aufs Auto umgestiegen sind. Diese ehemaligen Fahrgäste zurückzuholen, werde eine kleine Herausforderung, ist sich der Verkehrsforscher sicher.

    © Bayerischer Rundfunk
    Bildrechte: Bayerischer Rundfunk

    Prof. Dr.-Ing Klaus Bogenberger TU München

    Großes Ziel vor Augen – eine Stadt ohne Auto

    Grundsätzlich möchte die Stadt mit der „Mobilitätsstrategie 2035“ einen Anreiz schaffen, in München gut leben zu können, ohne dass man zwingend ein eigenes Auto besitzen muss. Zudem liegt die Betonung auf emissionsfreien Verkehrsmitteln. Laut des Münchner Bürgerentscheids „Sauba sog I“ sollen schon bis 2025 mindestens 80 Prozent des Verkehrs durch abgasfreie Möglichkeiten, wie den öffentlichen Nahverkehr sowie Fuß- oder Radverkehr, zurückgelegt werden können.

    Auto hat als Verkehrsmittel in der Stadt wohl ausgedient

    Laut Verkehrswissenschaftler Bogenberger ist man sich mittlerweile in der Forschung darüber einig, dass der motorisierte Individualverkehr (MIV), also eine Person fährt in einem übermotorisierten Auto in der Stadt, keine Zukunft mehr hat.

    Autos verbrauchen viel Platz

    Die Betonung auf andere Verkehrsmittel zu legen hat in München auch Platzgründe. Ein parkendes Auto verbraucht nach Angaben der Website „Zukunft Mobilität“ im Schnitt rund 14 m², das ist der Platz eines durchschnittlichen deutschen Kinderzimmers. Fährt ein Auto mit 50 km/h durch die Stadt, sind es schon 140 m² Platzverbrauch. In einer Stadt wie München wo der Quadratmeterpreis in schwindelerregende Höhen steigt, ein gewichtiges Argument.

    Push und Pull Anreize

    Um nun die Menschen aus ihren Autos hin zu anderen Verkehrsmitteln zu bewegen, braucht es laut Klaus Bogenberger eine Kombination aus guten Alternativangeboten zum Auto, sowie gesetzliche Regelungen, die einen gewissen Druck erzeugen, das Auto stehen zu lassen. In der Forschung spricht man hier von Push- und Pull-Maßnahmen.

    Betonung auf ÖPNV, Fahrrad und Sharing Angebote

    Grundsätzlich will die Stadt mit ihrer Mobilitätsstrategie deswegen Anreize setzen, dass man in München auch ohne eigenes Auto angenehm von A nach B kommt. Dabei soll egal sein, ob jemand in München wohnt oder von außerhalb in die Stadt kommt. Um dieses Ziel zu erreichen, sollen der ÖPNV massiv ausgebaut-, sowie die Nutzung von Fuß und Radverkehr und diverse Fahrrad-, Roller- oder Autoverleihsysteme (Shared Mobility) gefördert werden.

    Grundherausforderung – die letzten Meter

    Ein Problem, die sich unweigerlich aus der Nutzung des öffentlichen Nahverkehrs ergibt ist laut Verkehrswissenschaftler Bogenberger die sogenannte letzte Meile, also die Distanz, die zwischen dem Endziel einer Fahrt und der nächstmöglichen Haltestelle liegt. Für diese letzte Meile nutzen viele den eigenen Pkw.

    Integration von Verkehrsmitteln

    Um diese „letzte Meile“ zu überbrücken und die Nutzung des privaten Pkw zu minimieren, möchte die Stadt alle Angebote bestmöglich aufeinander abstimmen, Eine mögliche Form wäre zum Beispiel laut Bogenberger ein Mobilitätsabonnement, dass sowohl für den ÖPNV als auch für Bike- oder Car-Sharing gilt.

    Ändert Corona das ÖPNV-Tarifsystem

    Durch Corona kommt hier aber noch eine andere Komponente hinzu, das Homeoffice. Sollte dieser Trend auch nach der Pandemie anhalten, werden Menschen nach Ansicht des Verkehrswissenschaftlers wohl nicht mehr bereit sein, ein Monatsabo zu kaufen und es dann nur 10 Tage im Monat zu nutzen. Um ihnen trotzdem einen Umstieg weg vom Auto schmackhaft zu machen, könnte auch ein pay-per-ride-System von Vorteil sein. Dann müsste man nur zahlen, wenn man das Abo auch benutzt.

    Punktesystem als Pull-Maßnahme

    Als Pullsystem schlägt Klaus Bogenberger eine Art Ökobilanz für jeden Verkehrsteilnehmer vor. Grob gesagt, würde man pro Fahrt mit dem ÖPNV oder dem Rad Öko-Punkte sammeln. Autofahrten würden dagegen Punkte kosten. Am Ende des Jahres würde dann Bilanz gezogen und es würden diejenigen belohnt die im Plus sind, so Bogenbergers Vorschlag.

    Magnetschwebebahn, Seilbahn oder Flugtaxis - wirklich eine Lösung?

    Die in den letzten Jahren immer wieder als Lösung aller Probleme gepriesenen Verkehrsmittel der Zukunft sieht der Forscher hingegen kritisch. So seien Flugtaxis nach wie vor nicht ausgereift. Mit Blick aufs Genehmigungsverfahren ist der Wissenschaftler skeptisch ob Flugtaxis wirklich ein massentaugliches Verkehrsmittel werden. In punkto Magnetschwebebahn gibt er zu bedenken, dass diese in Deutschland noch nirgendwo gebaut worden sei. Auch Seilbahnen sieht Bogenberger nicht unkritisch. Diese seien zwar bewährt und könnten relativ schnell auf- oder abgebaut werden, eine Ideallösung seien auch sie nicht und müssten deswegen wohl überlegt sein.

    Mobilitätsstrategie 2035 - Nur Leitlinien für zukünftige Planungen

    Klaus Bogenberger sieht in der Münchner Mobilitätsstrategie einen wichtigen Anfang. Allerdings ist er mit Hinblick auf die wegen Corona existierenden Haushaltslöcher skeptisch, ob die Strategie auch so umgesetzt wird. Außerdem stellt Bogenberger klar, auf dem Land wird das Auto über die nächsten Jahrzehnte das Verkehrsmittel der Wahl bleiben. Hierzu gebe es keine wirtschaftliche Alternative.