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Verwirrung um Zahlen: Wie die Corona-Werte Kommunen überfordern | BR24

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Maskenpflicht in der Münchner Innenstadt

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    Verwirrung um Zahlen: Wie die Corona-Werte Kommunen überfordern

    Ob München oder Dingolfing-Landau: Bei der Frage, ob und wann ein Ort in Bayern den Corona-Alarmwert überschreitet, gehen die offiziellen Zahlen zum Teil auseinander. Wie ist das möglich? Wonach richten sich Behörden? Die Lage ist unübersichtlich.

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    Maskenpflicht in der Innenstadt, strengere Kontaktregeln: Mit solchen Maßnahmen reagiert München auf die gestiegenen Corona-Zahlen in der Stadt. Welche Zahlen genau das sind, darüber herrscht bei vielen Menschen Verwirrung.

    Beim Robert-Koch-Institut (RKI) wird München seit drei Tagen mit Werten unter der entscheidenden Schwelle von 50 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner in den vergangenen sieben Tagen (Sieben-Tage-Inzidenz) geführt - heute sind es 45,1. Das Bayerische Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit (LGL) veröffentlichte für München aber auch am Dienstag und Mittwoch Werte über der 50er Grenze, ab der strengere Corona-Maßnahmen greifen sollen. Deswegen verhängte die Stadt am Mittwoch neue Corona-Beschränkungen, die ab heute eine Woche lang gelten. Just heute aber ist auch die LGL-Zahl für München wieder unter den Grenzwert gesunken - und liegt mit 45,12 auf dem gleichen Niveau wie beim RKI.

    Das LGL erklärt Differenzen zwischen den Statistiken mit der "sehr dynamischen Situation" der neuen Corona-Realität, mit der die veröffentlichten Zahlen nicht immer Schritt halten. Nicht nur zwischen Messung und Ergebnis vergeht Zeit - auch die Übermittlung, wissenschaftliche Zusammenfassung und Kommunikation der Resultate dauert demnach.

    So läuft die amtliche Meldekette

    In Bayern läuft das Prozedere wie folgt: Die lokalen Gesundheitsbehörden melden ihre Ergebnisse dem LGL. Das wiederum reicht die bayerischen Fälle nach einer Plausibilitätsprüfung gesammelt an das Berliner Robert-Koch-Institut in Berlin weiter, und "auch hier kann es zum Beispiel durch unterschiedliche Aktualisierungszeitpunkte zu abweichenden Daten kommen", erläutert das LGL.

    Denn das Robert-Koch-Institut und das LGL haben für die Veröffentlichung ihrer Zahlen jeweils einen anderen Zeitpunkt gewählt - dazwischen liegen in der Regel etwa acht Stunden.

    Hin und her im Landkreis Dingolfing-Landau

    Die Folge ist mitunter ein hektisches Hin und Her, das für die Bürger nicht immer nachvollziehbar ist. So hatte das Landratsamt Dingolfing-Landau am Dienstagabend zunächst prognostiziert, dass die 50er-Marke im Landkreis gerissen wird und deswegen eine sofortige Maskenpflicht an allen Schulen samt Grundschulen verhängt. Am Mittwochvormittag blieb die Behörde bei ihrer Einschätzung. Als LGL und RKI im Laufe des Mittwoch jedoch weiterhin einen Inzidenzwert knapp unterhalb der Schwelle angaben, nahm das Landratsamt die Maskenpflicht wieder zurück.

    Heute jedoch wurde die Corona-Obergrenze doch gerissen. Das RKI vermeldete am Morgen eine Sieben-Tage-Inzidenz von 58,2, das LGL veröffentlichte am frühen Nachmittag einen Wert von 64,44. Nun sollen doch wieder strengere Schutzmaßnahmen verkündet werden.

    Landrat Werner Bumeder (CSU) verteidigte im BR-Interview das Vorgehen des Landkreises: "Wir haben unsere absoluten Zahlen und reagieren auf die bestätigten Corona-Fälle. Ich könnte natürlich auch sagen: 'Ich warte, bis das mit der Statistik so weit ist und reagiere erst dann.' Für mich sind die tatsächlichen Fälle entscheidend und nicht, wann es in einer Statistik übernommen wird." Auf Landkreis-Ebene kommen also neben den RKI- und LGL-Daten noch eigene Statistiken ins Spiel. Im Landkreis Dingolfing-Landau heißt es, das Landratsamt erhalte den ganzen Tag über aktuelle Zahlen.

    Oberbürgermeister kritisiert Behörden

    Ähnliche Verwirrung gab es in München bei der Frage, ob das Bundesliga-Auftaktspiel des FC Bayern am 18. September vor Publikum stattfinden darf oder nicht. Staatsregierung und Stadt München hatten sich vor gut einer Woche zunächst darauf geeinigt, 7.500 Fans im Stadion zuzulassen - unter Berufung auf den RKI-Inzidenzwert für München, der zu diesem Zeitpunkt 34,0 betrug und damit unter dem Frühwarnwert von 35 lag. Schließlich dienen nach einer Vereinbarung der Bundesländer bei Bundesligaspielen die RKI-Zahlen als Entscheidungsgrundlage.

    Allerdings gab es da schon neuere Zahlen des LGL, die München bei einem Wert von 45,53 sahen. Am nächsten Morgen meldete dann das RKI mit 47,6 eine noch höhere Sieben-Tage-Inzidenz. Daraufhin verkündete Münchens Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD), dass das Spiel doch ohne Zuschauer stattfinden müsse.

    Zugleich zeigte sich Reiter verärgert über die Unterschiede bei den Daten: Schon vor Wochen habe er kritisiert, dass die Zahlen von LGL und RKI "dramatisch" voneinander abweichen und um schnelle Nachbesserung gebeten. "Wir müssen in den Kommunen weitreichende Maßnahmen treffen. Da ist es nicht zu viel verlangt, dass die Grundlage, auf der diese Maßnahmen basieren, auch faktisch richtig und eindeutig ist", betonte der Oberbürgermeister.

    Woran sich München orientiert

    Anders als bei Fußball-Bundesliga-Spielen orientiert sich die Stadt München eigentlich an den LGL-Werten - zum Beispiel bei Schutzmaßnahmen in Schulen und Kindergärten. Auch ihrer aktuellen "Allgemeinverfügung", die eine Maskenpflicht in Teilen der Altstadt sowie strengere Kontaktbeschränkungen für München vorschreibt, legte die Landeshauptstadt (wie oben erwähnt) die LGL-Daten zugrunde.

    Die Abweichungen von den RKI-Werten kann auch die Stadt München nicht im Detail nachvollziehen. Auf BR-Anfrage hieß es: "Die Gründe, aus denen heraus die Werte des RKI oftmals von den LGL-Werten abweichen, können dahinstehen. Entscheidend ist, dass beide in ihrer Entwicklung eine Zunahme der Fallzahlen ausweisen und auch die vom RKI veröffentlichten Zahlen seit mehreren Wochen zunehmend über dem Wert von 35 liegen." Zur Erklärung: In Bayern gibt es neben dem bundesweiten Grenzwert 50 auch noch einen Frühwarnwert von 35.

    In Regensburg geht's schneller

    In München war das Überschreiten des Frühwarnwerts von 35 zwar Grundlage für ein temporäres nächtliches Alkoholverbot an bestimmten Plätzen der Stadt. Strengere Kontaktbeschränkungen wurden dort aber erst erlassen, nachdem die Inzidenz mehrere Tage lang über der Alarmschwelle von 50 lag. So lange wollte die Stadt Regensburg nicht warten: Nachdem in der Domstadt am Montag lediglich der Frühwarnwert 35 leicht überschritten wurde, kündigten die Behörden am Dienstagmorgen schärfere Maßnahmen an: Seit Mittwoch gelten in Regensburg ähnlich strenge Kontaktbeschränkungen wie in München - es dürfen sich statt zehn maximal fünf Menschen treffen.

    Am Dienstag lag die Inzidenz aber schon wieder unter dem Frühwarnwert. "Super, jetzt schon ab 31,45", kommentierte ein Leser den BR24-Artikel über die neuen Corona-Schutzmaßnahmen. "Habe immer geglaubt, erst ab 35." Tatsächlich beschloss das bayerische Kabinett am selben Tag Vorgaben für die Städte und Landkreise: Demnach sollen die Kommunen bei Überschreitung der 50er-Marke schärfere Beschränkungen anordnen.

    💡 Was bedeutet Sieben-Tage-Inzidenz?

    Die Sieben-Tage-Inzidenz zeigt an, wie viele Menschen in einer Stadt oder einem Landkreis in einem Zeitraum von sieben Tagen positiv auf das Coronavirus getestet wurden. Um den Wert vergleichbar zu machen, wird er pro 100.000 Einwohner angegeben. Berechnet wird er ganz einfach: Man addiert die täglich gemeldeten Neuinfektionen der vorangegangenen sieben Tage, teilt die Summe durch die Einwohnerzahl von Stadt oder Landkreis und multipliziert dies mit 100.000. Im Mai haben Bund und Länder die Sieben-Tage-Inzidenz als Richtwert für lokale Corona-Maßnahmen festgelegt.

    In Bayern gibt es einen Frühwarnwert: Ab 35 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohnern in sieben Tagen sollten Städte und Gemeinden Maßnahmen zur Eindämmung überprüfen. Ab dem bundesweiten Grenzwert von 50 Neuinfektionen sollten Lockerungen zurückgenommen werden. (BR24)

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