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Bei der Risikoeinschätzung orientieren sich Hauseigentümer an früheren Unwetterschäden in der Region, so Jutta Michel, Versicherungswirtschaftlerin in Coburg. Die Realität zeige aber, dass Schäden oft dort eintreten, wo man nicht damit rechnet.

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Versicherungsexpertin: Hochwassergefahr wird weiter unterschätzt

Trotz der aktuellen Hochwasserschäden – die Gefahr wird weiter unterschätzt, so eine Coburger Versicherungswirtschafts-Professorin. Sie übt Kritik an den staatlichen Hochwasser-Hilfen und will eine Diskussion um eine Pflichtversicherung anregen.

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Von
  • Andreas Schuster

Die Hochwasserkatastrophe in Teilen Westdeutschlands hat mehr als 160 Menschen das Leben gekostet. Die finanziellen Schäden der Flut sind noch nicht annährend abzuschätzen. Etliche Häuser wurden durch die Wassermassen komplett weggerissen und ganze Ortschaften verwüstet. Auch in Teilen Bayerns, wie etwa in Hof, entstand durch das Hochwasser in Folge des Dauerregens ein Schaden in Millionenhöhe.

Obwohl die Hochwasserschäden in den vergangenen Jahren zugenommen haben, wird die Gefahr, die durch sogenannte Elementarschäden ausgeht, immer noch massiv unterschätzt, sagen Experten. Aktuell sei nur knapp die Hälfte aller Privathäuser in Deutschland gegen derartige Schäden versichert.

Viele schätzen Risiko für eigenes Haus falsch ein

Bei der Risikoeinschätzung orientieren sich viele Hauseigentümer an den Unwetterschäden, die es in ihrer Region in der Vergangenheit gab, so Jutta Michel, Versicherungswirtschafts-Professorin an der Hochschule (HS) Coburg. Die Realität zeige aber, dass Elementarschäden oft an Orten eintreten, wo man nicht damit gerechnet habe. Das belege, dass "viele Menschen das Risiko falsch einschätzen, das ihrem eigenen Haus droht", so Michel. Trotz der Bilder aus den Hochwasser-Katastrophengebieten rechnet sie nicht damit, dass das Interesse an Elementarschadenversicherungen dauerhaft steigt. Nach einiger Zeit seien die Bilder und das Problem aus dem Kopf, und dann würden viele Hauseigentümer die Police doch nicht abschließen, vermutet sie.

Versicherungskosten im Vergleich zum Wert eines Hauses "nicht sehr viel"

Die Versicherungs-Expertin betont die Wichtigkeit einer Elementarschadenversicherung als Teil der Gebäudeversicherung. Wenn eine solche Police "200 bis 400 Euro kostet im Jahr, dann ist das im Vergleich zum Wert eines Hauses nicht sehr viel", so Jutta Michel. Trotzdem kämen viele Hauseigentümer aufgrund der falschen Risikoeinschätzung zu dem Schluss: "Naja, das braucht’s vielleicht doch nicht." Ähnlich sieht es die Nürnberger Versicherung. Oftmals müssten Kunden vom Sinn einer Elementarschadenversicherung erst überzeugt werden.

Professorin der HS Coburg: Kritik an staatlichen Hilfen für Flutopfer

Vor diesem Hintergrund übt die Professorin der Hochschule Coburg auch Kritik an den staatlichen Hilfen für die Flutopfer. Diese würden die Bereitschaft, eine Elementarschadenversicherung abzuschließen, gewissermaßen unterwandern. "Diese Ankündigung von unbürokratischer, schneller Hilfe führt natürlich dazu, dass sich vielleicht andere Menschen denken: 'Naja, ich muss mich nicht versichern. Der Staat wird schon helfen'", so Michel. "Ich denke schon, dass wir in Deutschland eine gewisse Mentalität haben, dass schon irgendjemand einspringen wird", so die Versicherungswirtschafts-Expertin mit Blick auf die niedrige Quote bei der Elementarschadenversicherung. Michel betont aber auch, dass es angesichts der massiven Hochwasserschäden in Teilen Westdeutschlands und Bayerns in diesem Fall nicht ohne staatliche Hilfe gehe.

Diskussion um Pflichtversicherung

Die immensen Schäden der aktuellen Hochwasser-Katastrophe könnten die Diskussionen neu entfachen, ob die Elementarschadenversicherung zur Pflichtversicherung werden soll. Jutta Michel hält das für möglich, wenn Unwetterschäden weiter zunehmen. Eine Versicherungspflicht habe prinzipiell zwei Seiten, so Michel. Es würde dann deutlich mehr Menschen geben, die in die Versicherung einzahlen, um die Schäden von wenigen Betroffenen zu decken, so die Expertin. Auf der anderen Seite bestehe durch den Versicherungsschutz die Gefahr, dass sich die Menschen weniger selbst auf Flutschäden vorbereiten. Auch deshalb lehnen viele Versicherungsunternehmen es ab, dass die Elementarschadenversicherung zur Pflichtversicherung wird.

Das leistet die Elementarschadenversicherung

Die Elementarschadenversicherung ist eine Zusatzoption der Wohngebäudeversicherung. Die Wohngebäudeversicherung zahlt, wenn Schäden am Gebäude entstanden sind, etwa durch Feuer, Sturm oder Leitungswasser. Eine Elementarschadenversicherung schließt auch Schäden ein, die durch Überschwemmungen, Erdrutsche, Schneedruck, Lawinen oder Vulkanausbrüche entstanden sind. Da es sich um keine Pflichtversicherung handelt, können die Versicherungsunternehmen auch Interessenten ablehnen. Etwa wenn sie in Flussnähe oder in einem Hochwasserrisikogebiet wohnen. Laut den Versicherern seien aber 98 Prozent der Immobilien in Deutschland prinzipiell gegen Elementarschäden versicherbar.

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