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Landschaftspfleger alarmiert: Immer mehr Schäfer geben auf | BR24

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Verschwinden die Schäfer, geht biologische Vielfalt verloren. Denn die Schafe weiden oft auf Naturschutzflächen und erhalten damit extrem artenreiche Lebensräume. Doch noch ist es nicht zu spät.

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Landschaftspfleger alarmiert: Immer mehr Schäfer geben auf

Verschwinden die Schäfer, geht auch Artenvielfalt in Bayern verloren. Davor warnen die Bayerischen Landschaftspflegeverbände. Denn Schafe halten als natürliche Rasenmäher Heide-Flächen offen. Doch die Zahl der Schafhalter ist stark zurückgegangen.

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Die Bayerischen Landschaftspflegeverbände schlagen Alarm: Der erneut starke Rückgang von Schäferei-Betrieben im Freistaat kann zu einem hohen Verlust an Artenvielfalt führen. Der Grund: Die Schäfer weiden oft auf Naturschutzflächen und erhalten dadurch diese selten gewordenen Lebensräume wie Trocken- und Magerrasen. Geht die Zahl der Schäfer weiter zurück, können auch die Heideflächen durch den Schafverbiss nicht mehr offen gehalten werden. Einzigartige Biotope würden zuwachsen und verloren gehen.

Fressende Schafe garantieren Artenreichtum

Die Kulturlandschaften am Rand des Nördlinger Ries, im fränkischen Jura oder auf den Lech-Heiden bei Augsburg gehörten "zu den artenreichsten Gebieten, die wir in Mitteleuropa haben, und ohne Schafe würden wir die verlieren", sagte Nicolas Liebig, Landessprecher der Bayerischen Landschaftspflegeverbände, dem Bayerischen Rundfunk. Auf den von Schafen beweideten Flächen gebe es ein unglaubliches Insektenvorkommen, viele Tagfalter und Wildbienen seien dort heimisch, genau wie viele Enzian- und Orchideen-Arten.

Ein Beispiel? Schafe fressen selektiv, das heißt, sie fressen das, was ihnen gerade schmeckt. Oft bleiben einzelne Grasbüschel oder auch nur einzelne Stängel einer bestimmten Art stehen. Und genau das macht die Heide-Flächen so wertvoll, erklärt Nicolas Liebig vom Landschaftspflegeverband Augsburg: "Diese Stängel, das ist was Besonderes, weil hier legen viele Insekten ihre Eier ab und da überwintern dann die Insekten als Ei oder als Larve. Man darf nicht alles abrasieren, sondern man braucht Struktur in der Fläche und diese Struktur kriegt man nur über die Schafbeweidung auf so eine Fläche. Das schafft der Mensch nicht maschinell, das geht nicht."

Zahl der Schafhalter um zehn Prozent gesunken

Das Landesamt für Statistik hatte kürzlich gemeldet, dass die Zahl der Schafhalter 2018 um fast 10 Prozent im Vergleich zum Vorjahr zurückgegangen ist. In 2.000 Betrieben werden noch Schafe gehalten. Vollerwerbsbetriebe gibt es laut den Landschaftspflegeverbänden aber nur noch 235.

Schäfer, die ihre Tiere in den oft streng geschützten, offenen Landschaften weiden lassen, bekommen dafür Fördergelder von der EU und dem Freistaat. Zurzeit gibt es rund 350 Euro pro Jahr für die Beweidung eines Hektars.

"Ich plädiere mindestens für eine Verdopplung dieses Fördersatzes! Das können wir uns als Gesellschaft leisten!" Nicolas Liebig, Landschaftspflegeverband Augsburg

So bekämen die Schäfer eine angemessene Bezahlung für ihre Arbeit für den Naturschutz. Denn der Preis für Wolle ist schon lange im Keller und bringt den Schäfer so gut wie keinen Gewinn. Auch beim Lammfleisch ist die Vermarktung schwierig, da die Konkurrenz aus Großbritannien oder Neuseeland deutlich billiger ist.

Unterstützung vom Bauernverband

Unterstützung gibt es vom Bayerischen Bauernverband (BBV). Der fordert, dass Tierhalter, die durch Beweidung Kulturlandschaften pflegen, eine zusätzliche Honorierung über die Direktzahlungen der EU bekommen.

In den nächsten zehn bis 15 Jahren müsse das Ruder herumgerissen werden, heißt es bei den Bayerischen Landschaftspflegeverbänden. Auch wenn sich das nach einer langen Zeitspanne anhört, wird die Zeit knapp. In Brüssel wird gerade über die neue Förderperiode der Agrarzahlungen diskutiert. Es geht um die Verteilung der Gelder für sieben Jahre.

Auch der Freistaat ist in der Pflicht

"Jetzt, genau jetzt ist der Zeitpunkt. Die nächsten Wochen, Monate werden die Weichen gestellt und wenn wir da die Weichen nicht richtig stellen, fährt der Zug in die falsche Richtung", sagt Nicolas Liebig von den Landschaftspflegeverbänden. Die sehen auch den Freistaat in der Pflicht. Denn bei den Umweltleistungen fließt nicht nur aus Brüssel Geld an die Bauern, sondern auch vom Freistaat. Außerdem arbeitet die Staatsregierung nach den Vorgaben aus Brüssel konkrete Förderprogramme für bayerische Bauern aus und legt die Höhe der Fördersätze fest.

Das bayerische Landwirtschaftsministerium teilt dazu mit, die Staatsregierung sei bestrebt, weitere Möglichkeiten für eine bessere Unterstützung der Schafhaltung in Bayern auszuloten. Wie die aussehen könnten, ließ das Ministerium offen. Das für das Vertragsnaturschutzprogramm (VNP) zuständige Umweltministerium teilt mit, man wolle ab 2020 die Weide-Prämie erhöhen. Eine Summe nennt das Ministerium aber nicht.

Wenig Geld für schwere Arbeit

Der Beruf des Schäfers wird seit vielen Jahren immer unattraktiver. Nachwuchs findet sich kaum, denn das Einkommen ist gering und die Arbeitsbelastung extrem. Ferdinand Prinzing, 31-jähriger Schäfer aus Harburg (Lkr. Donau-Ries) beginnt seinen Arbeitstag morgens um 6 Uhr. Feierabend ist erst gegen 21 Uhr. Jetzt gerade bekommen die Mutterschafe ihre Lämmer. Deshalb steht nachts um 2 Uhr noch eine zusätzliche Kontrolle im Stall an – und das sieben Tage die Woche. Dazu kommt das niedrige Einkommen. Er kommt auf einen Stundenlohn von nur fünf bis sechs Euro, schätzt der Schäfer – trotz der Fördergelder. Die machten mittlerweile rund zwei Drittel seines Einkommens aus.

Hoffen auf faire Preise

"Es steht und fällt mit der Politik. Ohne die Förderung geht es gar nicht", so Prinzing. Der Schäfer wünscht sich aber auch, dass die Menschen mehr Lammfleisch essen und dafür bei den heimischen Produzenten einen fairen Preis bezahlen. Dann wäre er weniger abhängig von den Fördermitteln.

Klar ist, wenn sich die Situation in der Schäferei nicht bessert, könnte Ferdinand Prinzing irgendwann einer der letzten Schäfer Bayerns sein. Stirbt der Beruf aus, dann verschwinden auch viele artenreiche Kulturlandschaften in Bayern.

Anmerkung der Redaktion:

"Aus 95176 Konradsreuth hat uns auf BR24 Facebook ein Schäfer geschrieben, dass er noch Weideflächen sucht für seine Schafe und Ziegen: Auf Wunsch stellt BR24 den Kontakt her - Mail an feedback@br24.de"