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Verschobene Abschlussprüfungen: Lob und Skepsis bei Schülern | BR24

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Ausgestorbene Klassenzimmer - Schule in Zeiten von Corona.

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    Verschobene Abschlussprüfungen: Lob und Skepsis bei Schülern

    Die Abschlussprüfungen in Bayern wurden nach hinten verschoben: Die bayerischen Landesschülersprecher begrüßen das grundsätzlich -fordern aber zusätzlich eine Kürzung des Stoffs. Kritik kommt auch vom bayerischen Lehrer- und Elternverband.

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    Von
    • Julia Ruhs

    Das Coronavirus wirbelt den Schulalltag massiv durcheinander: An fast allen Schularten wurden wegen der Corona-Pandemie die Abschlussprüfungen verschoben: An Gymnasien, Mittel-, Real- und Wirtschaftsschulen um zwei, an den Fachoberschulen und Berufsoberschulen sogar um gut drei Wochen. Der bayerische Kultusminister Michael Piazolo (Freie Wähler) will damit allen Jugendlichen in den Abschlussklassen "faire Bedingungen für ihre anstehenden Prüfungen" verschaffen.

    Landesschülersprecher begrüßen Verschiebung der Prüfungen

    Die Landesschülersprecher der verschiedenen Schularten in Bayern begrüßten die Verschiebung der Prüfungstermine gegenüber dem BR. Das gebe den Schülern mehr Zeit, sich auf die Prüfungen vorzubereiten, erklärt Tobias Fritz, Landesschülersprecher der Fach- und Berufsoberschulen.

    Forderung nach weniger Prüfungsstoff

    Der Landesschülersprecher der Realschulen Orcun Celik bezweifelt jedoch, dass die Schüler an den Realschulen in den zusätzlichen Wochen wirklich viel aufholen können. Seine Forderung: "Der Stoff muss gekürzt und Themengebiete gestrichen werden. Wir sind stofflich durch den Distanzunterricht so weit hinterher, das geht nicht zum Aufholen." Auch Lorena Bulla, Landesschülersprecherin der Mittelschulen wünscht sich vereinfachte Prüfungen. Der Leistungsdruck sei gerade sehr hoch, so die 16-Jährige.

    Distanz- und Präsenzunterricht längst nicht gleich gut

    Zwar hätten sie und ihre Mitschüler Angst vor dem Stempel "Corona-Jahrgang", demzufolge sie einen leichteren Abschluss absolvieren würden als die Jahrgänge zuvor. Jedoch können Lehrer im Distanzunterricht den Stoff längst nicht so gut vermitteln wie in Präsenz, deswegen findet sie die Forderung nach weniger Prüfungsstoff berechtigt. Der Landessprecher der Fach- und Berufsoberschulen Tobias Fritz meint dazu: "Das größte Problem ist gerade die Ungewissheit. Die Prüfung rückt näher und man weiß nicht, ob man schon alles gelernt hat."

    Moritz Meusel und Nevio Zuber, den Landesschülersprechern der Gymnasien geht es ähnlich: "Die bayerischen Gymnasiasten sind verunsichert. Dieses 'Fahren-auf-Sicht' seitens der Politik sorgt nur noch für mehr Anspannungen." Sie fordern einen klaren Plan, wie die Noten in diesem Jahr vergeben werden. Dass in der Oberstufe der Gymnasien die Klausuren reduziert wurden, begrüßen die beiden. Dies hätte den Schülern an den Gymnasien einiges an Prüfungsdruck genommen.

    BLLV: Weniger Prüfungen bewirken noch mehr Stress

    Nicht alle halten die Streichung von Prüfungen jedoch für sinnvoll - nicht nur bei den Gymnasien, auch bei den Grundschulen wurden wegen der Schulschließungen die Zahl der Probearbeiten weiter reduziert. Simone Fleischmann, Präsidentin des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbandes (BLLV) hält das sogar für kontraproduktiv: Weniger Proben und Klausuren würden im Endeffekt keine Entlastung, sondern zusätzlichen Stress bei den Schülern bewirken. "Einzelne Proben haben dadurch in der Bewertung mehr Gewicht", argumentiert sie.

    Sie bezweifelt außerdem, ob es hilfreich ist, die Prüfungstermine zu verschieben. Das eigentliche Problem werde dadurch nicht gelöst. Wichtig für sie: "Schauen, wo der einzelne Schüler steht. Flexibel, individuell und regional". Jede Schule in Bayern ticke durch Corona mittlerweile anders. Durch Wechsel- und Distanzunterricht haben die bayerischen Schüler längst nicht mehr dieselben Lernbedingungen. Fleischmann fordert deshalb eine Abkehr vom Einheitsdenken, dass die Prüfungen immer überall gleich sein müssen.

    Elternverband: Noten sollten nicht ausschlaggebend sein

    Auch der Bayerische Elternverband übt Kritik: Er richtete heute einen offenen Brief an Kultusminister Piazolo. Der Verband fordert für alle Abschlussprüfungen einen "Freischuss": Die Schüler könnten die Prüfungen in diesem Jahr mitschreiben, hätten aber ein Jahr später noch einmal die Möglichkeit, die Prüfungen zu wiederholen. Die Noten sollen außerdem nicht mehr entscheidend sein, ob ein Schüler in die nächste Klasse kommt und auf welche Schule er wechselt. Beides soll in einem Gespräch zwischen Lehrern und Erziehungsberechtigten besprochen und entschieden werden.

    Eine weitere Forderung: Findet der Unterricht wieder in Präsenz statt, soll es eine Übergangsfrist von zwei Wochen geben, bis wieder Prüfungen geschrieben werden dürfen. Dann soll es pro Woche aber nicht mehr als zwei schriftliche Leistungsnachweise geben dürfen.

    Fritz: Schüler haben Angst vor "Notenjagd"

    So eine Übergangsfrist findet auch der Landesschülersprecher der Fach- und Berufsoberschulen Tobias Fritz sinnvoll. Laut dem 22-Jährigen hätten die Schüler Angst vor einer "Notenjagd", sollte der Distanzunterricht zu Ende sein. Denn dann würden plötzlich alle Lehrer ihre Prüfungen durchdrücken wollen, in der Angst, bald wieder zurück in den Fernunterricht zu müssen.

    Dass verpasster Lernstoff oft noch nachgeholt werden muss, werde dabei nicht berücksichtigt. So eine Notenjagd hätte laut Fritz zu Folge, dass schwächere Schüler noch weiter absacken würden. Durch den Distanzunterricht klaffe sowieso schon eine enorme Lücke zwischen den schulischen Leistungen.

    Kritik: Berufliche Schulen wurden nicht berücksichtigt

    Mouna Nifer, Landesschülersprecherin der Beruflichen Schulen in Bayern, ist enttäuscht, dass die Beruflichen Schulen bei der Verschiebung der Abschlussprüfungen nicht berücksichtigt wurden. Ihr zufolge wurde hier keine einheitliche Lösung gefunden. Es komme darauf an, welche Kammer zuständig ist, ob es eine Verschiebung gebe oder nicht.

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