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Verpasste Chance: Guido Kratschmer und Olympia 1980 in Moskau | BR24

© dpa-bildfunk

Guido Kratschmer (Mitte) bei den Olympischen Sommerspielen 1980 in Moskau

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    Verpasste Chance: Guido Kratschmer und Olympia 1980 in Moskau

    Die Olympischen Spiele in Tokio sollten am 23. Juli beginnen. Guido Kratschmer aus Großheubach weiß, wie hart die Verschiebung die Athleten trifft – denn er durfte 1980 nicht zur Olympiade nach Moskau, weil die Bundesrepublik die Spiele boykottierte.

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    Von
    • Klaus Hanisch

    Am 23. Juli sollten die Olympischen Sommerspiele in Tokio beginnen. Die Verschiebung des größten Sportereignisses der Welt trifft Athletinnen und Athleten hart. Wie hart, weiß keiner besser als Guido Kratschmer aus Großheubach. Er durfte nicht zu Olympia 1980 in Moskau, weil die Bundesrepublik die Spiele boykottierte. Guido Kratschmer weiß noch immer, wie er von der bitteren Nachricht erfuhr. "Ich war auf dem Weg nach Götzis, zum ersten Zehnkampf in jenem Jahr", blickt er zurück, "und auf dem Weg dorthin habe ich es im Radio gehört." Auch an das Datum erinnert er sich ganz genau: "Es war der 15. Mai 1980" – der Tag, an dem "mein Lebenstraum zerbrach". Damals beschloss das Nationale Olympische Komitee (NOK), dass deutsche Athleten nicht an den Spielen von Moskau teilnehmen werden.

    Ein Boykott der Olympischen Spiele 1980 – Guido Kratschmer kann es bis heute nicht fassen. "Die Goldmedaille war mein großes Ziel", wiederholt er im Gespräch immer wieder, "und die konnte ich nur in Moskau gewinnen." Bei Olympia 1976 war er nach eigener Einschätzung "noch zu jung dafür". Trotz der Silbermedaille, die er in Montreal gewann. "Doch in Moskau wäre ich auf dem Zenit meines Leistungsvermögens gewesen."

    Favorit auf die Goldmedaille im Zehnkampf

    Kratschmer, 1953 in Großheubach bei Miltenberg geboren, galt als Favorit auf die Goldmedaille im Zehnkampf. Und er glaubte bis zuletzt daran, dass sich das NOK gegen einen Boykott entscheiden würde. Als der Beschluss zur Gewissheit wurde, brach für ihn eine Welt zusammen. "Ich war am Boden zerstört", erklärt er, "ich wusste zunächst überhaupt nicht, wie es weiter gehen sollte."

    Stattdessen: Weltrekord

    Dann setzte sich der kräftige Mann aus Franken ein neues Ziel - und zeigte, dass er tatsächlich in der Form seines Lebens war. Nur wenige Tage nach dem Boykott-Beschluss stellte Guido Kratschmer in Bernhausen mit 8.649 Punkten einen neuen Weltrekord im Zehnkampf auf. "Mir blieb ja gar nichts anderes übrig", sagt er heute noch trotzig, "ich hatte mich jahrelang auf diesen großen Wettkampf bei den Olympischen Spielen in Moskau vorbereitet. Nun konnte ich nicht teilnehmen und musste mich irgendwie beweisen."

    Nicht-Teilnahme ein schwerer Schlag für Kratschmer

    Wenn er diesen Weltrekord nicht geschafft hätte, wäre der gefühlte Verlust auf Gold bei Olympia für ihn kaum zu ertragen gewesen, behauptet Kratschmer noch immer. Die Weltbestleistung baute ihn - vorübergehend - wieder auf. "Doch dann fiel ich ins nächste Loch, denn mein Zeitplan sah vor, dass ich anschließend zu Olympia fahre und dort die Goldmedaille gewinne." Während eines Zehnkampfes kann viel passieren - Frühstarts, Verletzungen, eine missratene Disziplin. Doch Guido Kratschmer war und bleibt felsenfest davon überzeugt, dass er in Moskau gewonnen hätte. "Ich hatte mich ab 1977 ganz gezielt auf die Olympischen Spiele in Moskau vorbereitet. Und es gab damals keinen wirklichen Gegner für mich, außer Daley Thompson."

    Gerade er galt indes als ausgesprochener Wettkämpfer. Was der Brite nicht nur in Moskau, sondern auch mit seinen Goldmedaillen bei Olympia 1984 und bei den Europameisterschaften 1982 und 86 sowie dem WM-Sieg von 1983 nachwies. Vor Moskau 1980 hatte er auch den Zehnkampf bei den Commonwealth-Spielen gewonnen. "Ja, bestätigt Kratschmer, "er war sicher ein Gegner auf Augenhöhe und die Entscheidung wäre in Moskau nur zwischen uns beiden gefallen."

    Großheubacher fühlte sich gegenüber seinen Konkurrenten überlegen

    Doch der Deutsche sieht bis heute entscheidende Vorteile für sich: "Er war jünger als ich. Und ich war psychisch sehr stark und ihm diesbezüglich überlegen. Mit mir hätte er jedenfalls keine Spielchen machen können wie mit anderen Gegnern - und das wusste er auch!" Und Kratschmer hatte noch einen Trumpf: "Wenn es darauf ankam, war ich immer besonders stark im 1.500 Meter-Lauf." Dies ist die letzte Disziplin beim Zehnkampf. "Und da hätte ich mit ihm mithalten oder ihm gar noch ein paar Punkte abnehmen können, wenn es nötig gewesen wäre."

    Trotzdem in Moskau

    Trotz des Boykotts reiste Guido Kratschmer nach Moskau und beobachtete den Zehnkampf als Berichterstatter für ein deutsches Magazin. War das nicht unerträglich? "Die erste Disziplin auf alle Fälle, der 100 Meter-Lauf", bestätigt er, "danach habe ich mich aber beruhigt. Denn es war ja klar, dass Thompson keinen echten Gegner haben würde und seinen Zehnkampf erfolgreich durchzieht, wenn er sich nicht zwischendurch verletzt."

    Kratschmer hielt bis zur letzten Disziplin auf der Tribüne in Moskau durch. "Es war trotzdem ganz interessant, doch mittlerweile habe ich kaum noch Erinnerungen an diesen Zehnkampf. Ich weiß nur noch, dass ich beim 100 Meter-Lauf sehr nervös war - und vor allem traurig. Den Rest habe ohne große Anteilnahme verfolgt."

    Moskau war seine große Chance auf den Sieg. "1984 war ich schon zu alt dafür", gesteht Guido Kratschmer ehrlich ein. Tatsächlich kam er bei den folgenden großen Wettkämpfen in den 1980er Jahren nicht mehr in Medaillennähe: Platz 9 bei der EM 82, Vierter bei den Olympischen Spielen 1984 in Los Angeles und das Aus nach dem Weitsprung wegen einer Muskelverletzung bei der Heim-EM 1986 in Stuttgart.

    Sportler des Jahres

    Gleichwohl endete 1980 für ihn mit einem weiteren persönlichen Erfolg. Guido Kratschmer wurde zu "Deutschlands Sportler des Jahres" gewählt. Diese hohe Auszeichnung und der Weltrekord - nicht genug Trost für das entgangene Gold von Moskau? "Ja und nein", erklärt er, "natürlich war es schön, Sportler des Jahres zu sein. Doch diese Goldmedaille war mein Lebensziel, mein ganz großer Traum."

    Trauma überwunden

    Noch 2014 sprach er in einem ARD-Bericht davon, dass ihn dieser Verlust schmerze. Nun habe er dieses Trauma weitgehend überwunden, sagt Kratschmer heute. Aber: "Ich habe bestimmt 25 Jahre gebraucht, bis sich die Emotionen darüber ein bisschen gelegt hatten." Und: "Wenn Sie mich nun darauf ansprechen, kommt die Enttäuschung doch gleich wieder hoch, wenn auch nicht mehr ganz so emotional wie früher."

    Denn eine Goldmedaille sei einfach was Außergewöhnliches, wie das Beispiel des gerade verstorbenen Zehnkämpfers Willi Holdorf beweise: "Er und seine Goldmedaille von Tokio 1964 - das gehörte immer zusammen. Und so viele gewinnen sie ja nicht." Die Goldmedaillen-Sieger stellen für Kratschmer eine Elite unter Sportlern dar. "Dagegen geht eine Silbermedaille in der Bevölkerung unter." Tatsächlich?

    Lebendige Erinnerungen

    Als Guido Kratschmer mit einer Silbermedaille um den Hals von den Olympischen Spielen 1976 aus Montreal zurückkehrte, empfingen ihn die Großheubacher schon am Flughafen in Frankfurt und fuhren ihren prominenten Mitbewohner in einem Konvoi in seinen Heimatort zurück. Dort feierten sie ihn vor dem Rathaus ausgiebig. "Ja, das war verrückt." Auf Guido Kratschmers Gesicht kehrt ein Lächeln zurück. "Damit hatte ich überhaupt nicht gerechnet." Damals sei er mit Silber noch zufrieden gewesen. "Dann komme ich nach Hause, erwarte mir gar nichts - und dann dieser Riesenempfang und diese Euphorie." Sein Lächeln wird zu einem fröhlichen Lachen. "Mir war bis dahin überhaupt nicht bewusst, dass sich die Leute so mit mir identifizieren", freut er sich noch heute, "was die Großheubacher da auf die Beine gestellt haben, das war sensationell, überwältigend."

    Vor wenigen Jahren benannten sie zudem eine Halle nach ihm. Auch wenn er seit Jahren in der Nähe von Mainz wohnt, hat Guido Kratschmer immer noch eine Wohnung in Großheubach und fährt alle paar Wochen nach Franken. Dann trifft er nicht nur seine Schwester, sondern geht auch gerne in einer Häckerwirtschaft im Ort. Und dann werden noch einmal Anekdoten von früher aufgefrischt.

    Frühes Talent

    Zum Beispiel die, dass der junge Guido schon in der Volkschule beim Weitsprung über die Grube hinaus gesprungen sei. Und dass man seinen Ball vom Schlagball-Weitwurf noch heute suchen müsse, weil er irgendwo weit außerhalb der Markierungen landete. Legende oder Wahrheit? Wieder lacht Kratschmer. "Das mit dem Schlagball stimmt." Und der Weitsprung? "Da bin ich zwar nicht drüber hinaus gesprungen, aber doch bis ans Ende der Grube." Ja, noch immer würden ihn Leute darauf ansprechen, bestätigt er. "Sie freuen sich über die tolle Zeit damals."

    Kratschmer sollte nach der Volksschule den elterlichen Hof in Großheubach übernehmen, machte deshalb eine Lehre zum Landwirt in Norddeutschland. Dort wurde er wegen seiner sportlichen Titel und Rekorde jedoch schon in jungen Jahren gefördert und konnte sich quasi professionell auf seine große Karriere vorbereiten. "Ganz ehrlich, ich hatte auch kein großes Interesse daran, Landwirt zu werden", erinnert er sich. Deshalb machte er das Abitur nach und studierte auf Lehramt in Sport und Biologie. Mittlerweile ist er 67 und Rentner. "Mir geht's gut,", sagt Kratschmer, "ich genieße nun das Leben."

    Lehre des Boykotts

    Wie 1980 wird es nun, genau 40 Jahre nach Moskau, keine Olympischen Spiele geben. Und keiner kann besser nachvollziehen als Guido Kratschmer, wie sich potentielle Teilnehmer in diesen Tagen fühlen. "Natürlich ist das ein Schock für die Athleten", erklärt er. Gleichwohl könne man Tokio nicht völlig mit Moskau vergleichen. "1980 waren ja nicht alle Athleten betroffen, sondern nur Sportler aus jenen Staaten, die Olympia in Moskau boykottierten. Diesmal trifft die Pandemie alle Athleten gleichermaßen." Und vielen Anwärtern bleibt die Chance auf eine Medaille im kommenden Jahr, wenn Olympia nachgeholt wird.

    Ist die Lehre von Moskau, dass sich Politik künftig und für immer aus dem Sport heraushalten soll? Für Guido Kratschmer keine Frage. "Auf alle Fälle. Und zum Glück gab es in den letzten Jahrzehnten keinen Boykott mehr." Auch wenn diese Diskussion bei Peking 2008 mit Blick auf Tibet noch einmal aufkam. "Ich bin froh, dass das vorüber ist." Olympische Spiele müssen seiner Meinung nach stets dorthin vergeben werden, wo ein Boykott überhaupt nicht in Betracht gezogen werden kann, also in demokratische Länder. Wie jetzt nach Paris für 2024 und nach Los Angeles für 2028. "Diese Spiele sind was Einmaliges", bekräftigt Guido Kratschmer, "und sie dürfen durch die Politik nicht kaputtgemacht werden!"

    Olympia-Boykott aufgrund des sowjetischen Einmarschs in Afghanistan

    Wegen des Einmarsches der Sowjetunion nach Afghanistan hatten die USA beschlossen, die Olympischen Spiele 1980 in Moskau zu boykottieren. Viele westliche Staaten und islamische Länder schlossen sich ihnen an. Auch der damalige Bundeskanzler Helmut Schmidt hielt diese Entscheidung für richtig - und die Funktionäre des Nationalen Olympischen Komitees (NOK) folgten seiner Empfehlung. Zum Leidwesen der meisten Athleten wie Guido Kratschmer oder der Handball-Nationalmannschaft der Männer, dem damaligen Weltmeister. Das Internationale Olympische Komitee entschied sich jedoch gegen eine Verlegung und veranstaltete die Spiele, an denen schließlich 81 Staaten teilnahmen, darunter viele politische Verbündete der USA. Trotz fehlender potentieller Medaillenkandidaten, vor allem aus den USA, gab es in Moskau 36 neue Weltrekorde. Die Afghanistan-Besetzung, während der unzählige Sowjet-Soldaten starben, endete Anfang 1989 und läutete den Zerfall der UdSSR ein.

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