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Verloren durch Corona: Soziale Kompetenz von Kindern

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Verloren durch Corona: Soziale Kompetenz von Kindern

Miteinander reden und lernen: Kinder und Jugendliche wissen nach Corona offenbar nicht mehr, wie das geht. Lehrer beobachten: Schüler haben die soziale Kompetenz verloren. Bayerische Pädagogen und Psychiater warnen vor fatalen Folgen.

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Von
  • Katrin Bohlmann

Sie sind müde, träge und ruhiger nach eineinhalb Jahren Corona: Viele Kinder und Jugendliche in Bayern. Lockdown und Homeschooling haben offenbar ihre Spuren hinterlassen. Lehrerinnen und Lehrer im Freistaat beobachten mit Sorge, dass sich ihre Schülerinnen und Schüler verändert haben.

Beispiel: Mittelschule in München

Die Mittelschule in der Münchner Simmernstraße: Lehrerin Meike Fuchs unterrichtet eine sechste Klasse. Die Elf- bis 13-Jährigen freuten sich, endlich wieder in die Schule gehen zu können, erzählt ihre Lehrerin. Aber sie hätten das Wir-Gefühl verloren und vergessen, wie sie miteinander umgehen sollen. "Die Schüler können sich gar nicht mehr so ausdrücken, wie sie es früher konnten", sagt die 30-Jährige.

Dazu käme ein Verständnisproblem. Viele würden Sachen in den falschen Hals bekommen. "Schüler A sagt etwas, meint es aber ganz anders, als Schüler B es aufnimmt. Dadurch kommt es jetzt viel schneller zu Konflikten, die sie selbst nicht lösen können." Die Folge: die Lehrkräfte müssen nun öfter schlichten.

"Sie kommunizieren weniger, sind nicht mehr so aktiv wie vor Corona."

Auch ihre Kollegin Isabel Franz macht sich Sorgen um ihre Schüler. Sie unterrichtet eine achte Klasse. Der 33-Jährigen fällt auf, dass die Jugendlichen weniger kommunizieren und antrieblos sind. "Sie sind ruhiger geworden und einfach nicht mehr so aktiv, wie sie es vor Corona waren." So bräuchten die 13- bis 14-Jährigen im Unterricht mehr Impulse, um ins Gespräch zu kommen. Oft muss Isabel Franz sie bei bestimmten Arbeitsaufträgen motivieren, sich miteinander zu unterhalten.

Fehlende soziale Kompetenz: Lehrkräfte in Bayern sind besorgt

Ähnliches berichten auch andere Lehrer in Bayern. So erzählt ein Gymnasiallehrer nach einer Klassenfahrt: Er habe noch nie so viele "Ich-Linge" erlebt. Die Schüler seien nicht bereit gewesen, zu kooperieren bei der Zimmerverteilung, sie hätten keine Rücksicht auf andere genommen beim Buffet. Ein Grundschullehrer stellt fest: Es haben sich nachhaltige Defizite aufgebaut, gerade im sozialen und emotionalen Bereich.

Die Lehrkräfte an der Mittelschule in München wollen ihren Schülern helfen, das Miteinander wieder zu lernen. Im Unterricht mit Partner- und Gruppenarbeiten und theaterpädagogischen Elementen. Mit Ausflügen, Klassenfahrten, Unterricht in der Natur soll das Wir-Gefühl gestärkt werden. Aber es fehlt einfach die Zeit. Lehrerin Meike Fuchs ist nicht glücklich mit der aktuellen Situation. "Ja, das besorgt einen enorm. Man hat ja einen Bezug zu den Kindern. Man wünscht ihnen das Beste." Die Pädagogin befürchtet, dass ihre Schüler später beruflich Probleme bekommen, wenn sie keine soziale Kompetenz vorweisen.

BLLV kritisiert: Es fehlen Zeit und Personal

Auch der Bayerische Lehrer- und Lehrerinnenverband (BLLV) warnt vor sozial-emotionalen Defiziten mit negativen Folgen, wenn nicht gegengesteuert wird. Das Vermitteln der sozialen Kompetenz sei Aufgabe der Schule, sagt die BLLV-Vorsitzende Simone Fleischmann. "Schulen bieten ein Lernen im sozialen Setting. Wir wollen mit den Kindern endlich mal etwas anderes machen als Pythagoras – einen Ausflug, ein Teamtraining, ins Schullandheim." Das Problem vor allem seit Corona: Es fehlten Zeit und Lehrkräfte.

Soziale Kompetenz lernen die Kinder als erstes bei den Eltern

"Lange Schulschließungen schaden einfach", sagt die Vorsitzende des bayerischen Fachverbandes der Kinder- und Jugendpsychiater, Gudrun Rogler-Franken. Das zeigt sich auch bei der sozialen Kompetenz. Sie sei verloren gegangen, könne aber reaktiviert werden, so die Münchner Medizinerin. Gerade an die Eltern appelliert sie, sich Zeit zu nehmen für die Kinder, gemeinsam etwas zu unternehmen. "Pflegt Rituale in den Familien, gemeinsame Mahlzeiten, gemeinsame Aktivitäten. Ein Kind, das in der Familie keine soziale Kompetenz gelernt hat, tut sich schwer, es dann in einem anderen Kontext zu lernen", so die Kinder- und Jugendpsychiaterin.

Auch Schüler der Münchner Mittelschule merken: Es ist anders

Soziale Kompetenz: Ein sehr abstrakter Begriff - damit können Kinder und Jugendliche zunächst nichts anfangen. Aber fragt man die Schülerinnen und Schüler der Münchner Mittelschule in der Simmernstraße, wie es ihnen jetzt geht mit den anderen, spüren sie schon eine Veränderung. So erzählt Valentina, 14 Jahre: "Es hat sich sehr viel verändert, also, zusammen reden, die Aufgaben besprechen, das ist schwieriger geworden." Carolina, 13 Jahre, sagt, dass es immer noch ungewohnt für sie sei, dass alle in der Klasse sind.

Ihr Mitschüler Simon, auch 13, merkt an sich selbst eine Veränderung. "Vor Corona war ich sehr aktiv, war viel draußen unterwegs mit Freunden. Dann durfte man nicht mehr 'raus und ich habe angefangen zu zocken. Mittlerweile zocke ich fast den ganzen Tag."

Valentina, Carolina, Simon und ihre Mitschülerinnen und Mitschüler sind sich einig: Gemeinsam in der Schule, mit allen zusammen, ist es einfach besser.

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