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Bayern

Verlassene Bauernhöfe: Was bleibt, wenn Landwirte aufgeben | BR24

© Matthias Ettinger

Verlassener Bauernhof (Symbolbild)

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    Verlassene Bauernhöfe: Was bleibt, wenn Landwirte aufgeben

    Im Unterallgäu wirkt der Strukturwandel der Landwirtschaft besonders. Von knapp 10.000 Höfen anno 1970 gibt es heuer noch weniger als 2.000. Zurück bleiben Ställe, Scheunen und Bauernhäuser. Doch einige Dörfer bekämpfen den Leerstand mit Erfolg.

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    Überall in den Dörfern im Unterallgäu stehen ganze Höfe oder Teile von ihnen leer – manchmal mitten im Ort. Schon 1998 hat eine Studie für die Region rund 2.000 leere Gebäude aufgelistet. Schon damals war der Leerstand so groß, dass bis heute kein neues Haus hätte gebaut werden müssen.

    Strukturwandel prägt das Unterallgäu

    In gerade einmal einem halben Menschenleben wurde die gewachsene Kulturlandschaft auf den Kopf gestellt. Ein traditioneller Landwirt wie Andreas Blank hat das bäuerliche Leben im Attenhausen der 1960er Jahre noch genau vor Augen.

    In seiner Kindheit und Jugend habe noch jeder Bauer die Tiere auf die Weiden getrieben, erzählt er: "Das war schon was ganz besonderes: Die Viehherden gingen jeden Morgen aus dem Dorf raus und abends wurden sie von den Hütebuben - da war ich auch einer davon - wieder heimgeholt in den Stall."

    Die Zentren der Dörfer verfallen

    Aber: Von ehemals 62 Landwirten sind heute noch sieben Milchbauern und zwei Mutterkuhhalter übrig. "Man macht sich zu wenig Gedanken darum, wohin die Reise geht", sagt Blank. "Irgendwann verfallen einfach die Gebäude. Wenn man nichts damit macht, es nicht nutzt, dann geht es kaputt."

    Eine Folge: Die Dorfzentren stehen leer - und am Rand siedeln sich Neubaugebiete wie Jahresringe immer anderer Geschmäcker an.

    Bewusste Entscheidung für die Ortsmitte

    Es geht aber auch anders: Im Zentrum von Ettringen steht ein Neubau im alten Stil anstelle des verfallenen Hauses. Der Fliesenlegermeister Karl Schweier nutzt den historischen Stadel als Lager für seinen Betrieb, den er ganz bewusst nicht auf die grüne Wiese gebaut hat: "Wir sind im Ortskern - das hat einen gewissen Charme für uns, weil wir nicht in irgendeinem Gewerbegebiet hängen", sagt er.

    Manchmal sei es schwieriger, etwa bei Lieferungen früh am Morgen oder spätabends. "Die Nachbarschaft muss auch mitspielen, sonst ist der Ärger vorprogrammiert. Aber das funktioniert sehr gut", betont Schweier. "Es ist eigentlich ein schönes Schaffen da im Ort und man ist nicht weg vom Schuss."

    Ettringen behält seinen zentralen Treffpunkt

    Historische Fotos in den Ausstellungsräumen des Geschäfts zeigen, wie das Dorfzentrum auch mit dem Neubau an prominenter Stelle bewahrt wird: Die Hauptstraße einst ist im Heute immer noch erhalten. Neue Häuser haben die gleichen Fassaden wie früher.

    Und mit den neuen Nutzungen ist auch das Leben da geblieben. Im Gutschabäck zum Beispiel: "Früher gab es hier alles, was so ein großer Dorfladen hatte: 'Backwaren, Christbaumkugeln, Krippenfiguren, Spielwaren, Nägel, Haushaltswaren, Messer, Schreibwaren, Kommunionkerzen...", erzählt Inhaberin Susanne Doll.

    In der Zeit der Mutter und der Oma war der Laden der Treffpunkt im Dorf. Und das ist wieder so, seit die jetzigen Inhaber das alte Haus 2013 zum heutigen Café umgebaut haben. "Reich wird man damit nicht, deshalb schick ich auch meinen Mann in die Arbeit", sagt Doll und schmunzelt. Trotzdem macht sie im Gutschabäck weiter, "weil mir einfach sehr viel an Ettringen liegt und weil ich's gern mach."

    So bauen wie früher

    Dass zum Dorfleben auch das Erscheinungsbild gehört, zeigt zum Beispiel der örtliche Supermarkt - gebaut im Stil des Langhofes, wie er typisch ist für die Dörfer im Unterallgäu. Auch einige Neubauten orientieren sich in Form und Größe an der Tradition.

    "Was mich sehr freut, ist, dass neue Häuser entstanden sind, dass junge Leute aus der alten Substanz, die nicht mehr bewohnbar war, was gemacht haben in einem Stil, der zum schwäbischen Baustil passt", hebt Ettringens Bürgermeister Robert Sturm hervor.

    Die Gemeinde selbst hat ihr Zeichen mit dem alten Bauernhaus des Mesners gesetzt. Der einstige Schandfleck ist heute lebhaftes Vereinszentrum von Liederkranz und Blaskapelle und bis ins Detail teuer, aber mustergültig renoviert.

    Kompromisse sind bei der Renovierung nötig

    Vor allem auf Privatleute kommt es aber an. Der Hof von Maria und Wilfried Hartmann war mehr als 200 Jahre lang Bauernhof. Dann, 1975, ist die letzte Kuh ausgezogen. Heute steht das Haus schöner da als zuvor. Ihnen habe das Gebäude immer schon gefallen wegen des Alters und wegen des Flairs, erzählen die Hartmanns.

    "Man muss eben Kompromisse schließen - wegreißen ist einfach", fügt er hinzu. "Wir haben eine niedrige Zimmerhöhe - da hab ich zu meiner Frau gesagt: Wir müssen leben mit der Höhe. Und wenn ihr das reicht, reicht's mir auch." Im Dort habe es erst Widerstände gegeben, die Nachbarn hätten gelacht, was das soll, die alte Hütte zu renovieren. "Dann hab ich gesagt: Das seht ihr schon, wenn es fertig ist." Und so sei es gekommen: "Und das war dann Bestätigung genug."

    Nur wenige Neubaugebiete ausgewiesen

    Eine ganz besondere Wärme strahlen solche Räume aus. In ihnen lebt etwas von der Geschichte der Vorfahren und ihrem Leben. Weil sie vieles selbst gemacht haben, war die Restaurierung auch nicht teurer als ein Neubau, der sich draußen auf der grünen Wiese freilich viel einfacher errichten lässt.

    Um das Augenmerk auf das Dorfinnere zu richten, hat Ettringen Neubaugebiete nur sparsam ausgewiesen. "Es ist immer schade, wenn alte Substanz weggerissen wird", sagt Bürgermeister Sturm. "Man kann daraus schon eine Menge machen - man braucht eben eine Nutzung." Und Leute, die ein Beispiel geben für alle die, die zaudern.

    Landkreise erstellen Handbuch zur Pflege des Ortsbildes

    Überall in Bayern läuft der gleiche Wandel ab. Oft verdrängt. Viele wollen es nicht wahrhaben und nicht sehen. "Es sind ja Emotionen dabei", sagt auch der Attenhauser Landwirt Andreas Blank. "Die Leute sind durchaus belastet, man kämpft mit dem Aufhören. Es ist ja nicht so, dass einer sagt: Gottseidank, hör ich auf. Und da braucht man einfach Leute, die es verstehen und auf die Bauern zugehen."

    Die Landkreise Unter- und Ostallgäu erarbeiten jetzt einen Ratgeber für die Gemeinden. Denn die Dörfer sind eine Visitenkarte Bayerns.